Britische Regierung hält weiter an der Idee eines Covid-19-Immunitätsausweises fest

Kritik in Großbritannien wird lauter, auch an der Aussagekraft der existierenden Tests von Abbott und Roche. Studien lassen vermuten, dass Antikörper bald wieder verschwinden, schwach und asymptomatisch Infizierte bilden kaum welche aus

Die britische Regierung unter Boris Johnson setzt weiter auf eine Immunitätsstrategie mit Immunitätsausweisen, um möglichst schnell aus dem "Winterschlaf" (hibernation) wieder aufzutauchen. Großbritannien hat die höchste Zahl an Toten, die an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, was wohl auch eine Folge des anfänglich von der britischen Regierung Konzepts der Herdenimmunität war, bis Johnson aufgrund von Prognosen über viele Tote doch einen Lockdown vollzog. Ab 4. Juli soll nun der "nationale Winterschlaf" beendet sein, in dem Pubs, Restaurants, Kinos, Museen, Hotels etc. wieder öffnen - allerdings unter Sicherheitsregeln. Wales, Schottland und Nordirland folgen jedoch eigenen Strategien.

Für die Umsetzung von Immunitätsausweisen könnte die deutsche Firma IDnow, die seit Ende 2019 auch in Großbritannien tätig ist, in Frage kommen. Am 9. Juni meldete die Firma, dass Gespräche mit der britischen Regierung über die Erstellung von Immunitätsausweisen für Menschen stattfinden, die von Covid-19 genesen sind. Mit der ID-Technik könne festgestellt werden, wer kürzlich getestet wurde und zurück an den Arbeitsplatz oder in ein Flugzeug steigen darf.

Die Firma wirbt mit KI-basierter Technik zur Prüfung des Ausweises mit der Smartphone-Kamera, der biometrischen Erfassung des Gesichts und einer Identifizierung per Video-Chat. IDnow erklärt, man benutze nicht den Begriff des Immunitätsausweises, das mache die britische Regierung. Man stelle nur die Identifizierungstechnik bereit, das könnten auch die von der Regierung gespeicherten Testergebnisse sein.

Weitere Firmen stehen in den Startlöchern, um aus möglichen Immunitätsausweisen ein Geschäft zu machen. Mit IDnow konkurriert beispielsweise die britische Firma Onfido. In Deutschland bietet AU-Schein.de von Can Ansay bereits solche Immunitätsausweise für Menschen an, die positiv auf Sars-CoV-2-Antikörper getestet wurden.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn wollte sie auch bereits im Mai in das "Zweite Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite" aufnehmen und verstand sie wie Impfpässe. Das geschah auch im Zusammenhang mit einem Deal mit Roche zur millionenfachen Lieferung des neuen Antikörper-Bluttests Elecsys. Spahn zog dann das Vorhaben wieder aus dem Gesetz zurück und schaltete den Ethik-Rat ein, die es zuerst prüfen sollten. Bekanntlich hat die WHO, auf die Roche auch verwies, erklärt, dass es bisher noch keinen Nachweis dafür gibt, dass Menschen mit Antikörpern vor einer Neuinfizierung sicher seien. Gewarnt wird vor den damit einhergehenden Risiken einer trügerischen Sicherheit.

Zweifel, ob alle Erkrankten Antikörper ausbilden

Studien lege nahe, dass es nur eine kurzfristige Immunität geben könnte (Studie belegt Zweifel, ob sich eine länger anhaltende Immunität nach einer Covid-19-Infektion einstellt). Nach einer gewissen Zeit scheinen die Antikörper zu verschwinden, wie dies auch bei Influenza der Fall ist.

Eine andere Studie von Schweizer Wissenschaftlern kam zu dem Ergebnis, dass IgM/IgG Antikörper im Blut bei positiv auf Sars-CoV-2 gesteten Menschen unabhängig vom Alter und von Vorerkrankungen ausgebildet werden, die schwer an Covid-19 erkrankt waren, am stärksten bei denjenigen, bei denen ein Akutes Lungenversagen, auftrat. Infizierte mit leichten oder keinen Symptomen bildeten jedoch kaum Antikörper aus. Ausgewertet wurde nicht nur die gängigen Bluttests, sondern auch in Augen, Nase und Mund.

Während beim Gesundheitspersonal und bei den Infizierten mit schwachen oder keinen Symptomen kaum Antikörper im Blut zu finden waren, konnten bei ihnen IgA-Antikörper in der Nasenschleimhaut nachgewiesen werden. Das könnte einen gewissen Schutz bilden, entscheidend aber ist, dass bei den üblichen Bluttests schwach oder asymptomatisch Erkrankte negative Testwerte erhalten würde - und das sind wahrscheinlich um die 80 Prozent der Infizierten.

Aussagekraft von Antikörpertests unklar

In Großbritannien mehrt sich die Kritik an den Regierungsplänen. Dido Harting, Leiterin NHS Test and Trace programme, erklärte, man wisse zu wenig über den Schutz durch einen Antikörpertest, man wisse letztlich nur, dass man Antikörper habe. Im British Medical Journal (BMJ) wurde ein Brief von Medizinern und Wissenschaftlern veröffentlicht. Es gebe noch keinen Referenzmaßstab für diese Tests, gerade für die Risikogruppen gebe es noch keinen Nachweis über die Leistung, die Tests würden mit übertriebener Eile ohne klinische Tests vorangetrieben, das könne dem Vertrauen in die pathologische Dienste schaden. Da Routinetests von Patienten klinisch nicht notwendig seien und auch keinen klaren Zweck der öffentlichen Gesundheitsvorsorge erfülle, würden wertvolle Ressourcen verschwendet. Man müsse erst eine klare Strategie für Antikörpernachweise entwickeln, bislang sei dies nur für die Forschung sinnvoll.

Nach Untersuchungen von Public Health England ist der serologische Test von Roche zu 86,1 Prozent 14 Tage nach Beginn der Symptome sensitiv (Roche spricht von 100 Prozent) und zu 100 Prozent spezifisch, der von Abbott soll zu 93,5 Prozent sensitiv (Abbott spricht ebenfalls von 100 Prozent Sensitivität) und zu 100 Prozent spezifisch sein. Die Bundesregierung hat Millionen Tests von Roche geordert.

Selbsttests sind dagegen sehr unzuverlässig. Die britische Regierung hatte für 16 Millionen Pfund zwei Millionen Tests von zwei chinesischen Firmen eingekauft, die nie zum Einsatz kamen, weil sie nicht genau genug waren. Großbritannien hat über dies 10 Millionen Tests von Abbott und Roche gekauft und entwickelt mit einem Konsortium einen Test, bei dem ein Tropfen Blut von einem Finger abgenommen wird. Ungeklärt ist, welche Rolle der Nachweis von Antikörpern überhaupt für die Immunität spielt und ob nicht T-Zellen dafür eine wichtige oder auch entscheidende Rolle haben.

In einem weiteren Bericht, der in BMJ erschienen ist, heißt es mit Bezug auf den Cochrane-Bericht, dass die Daten der existierenden Antikörpertests so schwach seien, "dass es unmöglich ist zu wissen, wie genau diese Tests sind, besonders für Menschen mit milden oder keinen Symptomen oder wenn die Symptome verschwunden sind". So seien die Ergebnisse der PHE-Untersuchungen über die Antikörpertests von Roche und Abbott von zweifelhaftem Wert. Untersucht wurden nur Proben, nicht Patienten, vermutlich wurden nur Proben von schwer Kranken herangezogen, zudem könnte es mehrere Proben von einzelnen Patienten geben. Es gibt keine näheren Angaben zu den Patienten.

Britisches Gesundheitsministerium attestiert Antikörpertests "eine zunehmend wichtige Rolle"

Erschwerend komme hinzu, dass die Tests der beiden Konzerne keine Antikörper gegen das Spike-Protein feststellen, das nach Studien am wichtigsten bei der Abwehr des Virus ist, sondern nur für das Protein N. Und dann gebe es noch kein Wissen darüber, wie viele Antikörper notwendigen wären, um einen Schutz zu gewährleisten, wenn es diesen überhaupt gibt.

Das britische Gesundheitsministerium erklärte zwar gegenüber dem BMJ, dass man gegenwärtig nicht wisse, "wie lange eine Antikörper-Reaktion auf das Virus anhält, und auch nicht, ob der Nachweis von Antikörpern bedeutet, dass eine Person es nicht mehr auf andere übertragen kann". Dennoch hält das Ministerium daran fest, dass Antikörpertests "eine zunehmend wichtige Rolle spielen werden, wenn wir in die nächste Phase unserer Antwort auf diese Pandemie übergehen". Mit Tests könne man erfahren, wie stark die Immunität ist und wie lange sie anhält, aber auch, wie das Virus sich im Land verbreitet. (Florian Rötzer)