Bruce, der Kampf geht weiter!

Zur virtuellen Rückkehr der Todeskralle Bruce Lee in "Dragon Warrior"

"We will create vitality", prophezeit volltönend der südkoreanische Filmemacher Chul Sin im Vorschein seines neuen, für 2004 projektierten Films mit dem geplanten Titel "Dragon Warrior". Solche Sprüche sind spätestens seit Steven Spielbergs Jurassic Park geläufig, der zwar der versunkenen Dinowelt künstliches Zelluloidleben einhauchte, aber außer dem Ensemble der Spezialeffekte nicht allzu viel Lebendigkeit verstrahlte. Bei Chul Sins "Dragon Warrior" geht es um nichts weniger als die virtuelle Wiedergeburt des Großmeisters des "Martial-Arts"-Kinos Bruce Lee.

Bruce Lee, der am 27.November seinen 61. Geburtstag feiern würde, verstarb bereits 1973. Aber die wenigen Filme, die er hinterließ, reichten aus, den Mythos des verschmitzten, unbeugsamen Kämpfers für alle Kampf- und Kungfuzeiten zu zementieren. Wenn Bruce sich vor dem Kampfeinsatz mit dem Daumen über die Unterlippe fuhr, hatten Drogen- und Mädchenhändler nicht mehr viel zu lachen – ein Held ganz nach dem subtilen Geschmack des hypermoralischen Amerika. Was nach seinem frühen Tod kam, war nur ein wenig elender Trash aus hinterlassenen Filmschnipseln, die parasitär um den unsterblichen Helden herum geklebt wurden, ohne je das Original zu erreichen.

Was liegt also in Zeiten digitaler Wirklichkeitsüberbietung näher, als ihn in alle Unendlichkeit weiterkämpfen zu lassen. Bruce Lee genoss schon zu Lebzeiten den Ruf, ein virtuelles Geschöpf zu sein, keiner war so schnell wie er, allein der geschmeidige Umgang mit dem Nun-Chaku reichte aus, seine Gegner reihenweise in die Flucht zu schlagen. Zurzeit arbeitet Chul Sin an der Revitalisierung des schwitzenden, blutenden Körpers mit der unerträglichen Leichtigkeit des Scheins. "Dragon Warrior" will die Kunst der fotorealistischen "synthespians" auf ein bisher nicht erreichtes Niveau heben (Das Gesicht des digitalen Kinos. "Synthespians", eine Wortschöpfung des Digitaleffektspezialisten Jeff Kleiser, sind virtuelle Bildelemente, die untrennbar mit den Realaufnahmen verschmolzen werden, um das "life by design" (John L. Casti) nicht als solches erscheinen zu lassen.

Während die bluttriefenden Hammer-Studios in London Ketchup und Milch zum Vampir-Überlebensmittel zusammen rührten, werden die digitalen Splatter-Effekte aus Blood, Sweat and Tears heutzutage zum schwierigeren Teil des Pixel-Projekts. Ebenso wichtig ist es, Lees Körperdynamik, etwa jene berühmten fliegenden Tritte aus der Tiefe des zenbuddhistischen Raums, zu rekonstruieren. Kungfu-Akteure auf den Spuren der stupenden Kicks des von Lee entwickelten Jet-Kundo-Stils sollen dem cineastisch Reanimierten per "motion capture" die schlagkräftige Körpersprache verleihen. Gegenwärtig sucht man für das 50 Millionen Dollar Projekt zudem eine menschliche Stimme, die nach digitaler Feinjustierung dann "his masters's voice" ununterscheidbar anverwandelt werden soll.

Die Fortsetzung des früh vollendeten Seins mit virtuellen Mitteln liegt bei Bruce Lee in der Familie. Sohn Brandon Lee erlitt in seinem letzten Film "The Crow" während der Dreharbeiten eine tödliche Schussverletzung. Um den Film zu retten, wurde sein Gesicht digital wiederbelebt und auf ein Double gepfropft. Aber von perfekt simulierter Mimik, von der Ausdruckskunst eines Charles Laughton oder Peter Lorre waren dieser und andere frühen Ausflüge in das Reich der virtuellen Schattenkämpfer noch weit entfernt. Vielleicht hat der Beruf des Schauspielers doch noch eine kleine Zukunft im Reich der virtuellen Helden. Bruce Lee hatte übrigens vor seiner Kampfzeit ein Philosophie-Studium an der "University of Washington" absolviert und vielleicht war es ja das, was seinen Rollen mehr Gesicht verlieh als den Auftritten der üblichen Protagonisten des fernöstlichen Hau-Drauf-Kinos.

Eins steht jedenfalls fest: Ex-Karate-Weltmeister Chuck Norris hatte jederzeit für sein hölzernes Spiel die Prügel verdient, die ihm Bruce angedeihen ließ. Vielleicht gelingt es Bruce Lee dann ja 2004, den – inzwischen gleichfalls virtuellen? – Fundamentalfighter Usama Bin Ladin in den Höhlen am Hindukusch zu stellen. Mit einer Kalaschnikow war bereits dem echten Lee nicht beizukommen, der virtuelle Lee könnte aber noch erheblich dynamischer werden als seine fleischliche Matrix. (Goedart Palm)

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