Brucknerorgel meets Laptop

Die Ars Electronica 2006 sucht das Einfache, geht ins Kloster und verabschiedet sich von der Postmoderne

Analoges, Mechanisches und Provinzielles feiern wieder fröhliche Urstände. Ambitionierte Musikhörer tauschen Compact Discs gegen Vinyl-Scheiben, weil sie Knistern und Knacken auf Plattenspielern vermissen und ein echtes Cover wieder in Händen halten möchten. Garagen-Rocker wie Mando Diao, Razorlight oder The Rifles plündern auf geniale Weise den Sound der Sixties und geben den Songs von den Kinks und den Who neue Aktualität. Auch die Ars Electronica 2006, die Stichwortgeber der Welt von morgen sein will, sucht wieder nach dem Einfachen und Alten im Neuen. Eine Partie aufs Land, wo Laptopträger auf den Spuren adeliger Alteuropäer wandeln, ein barockes Kloster besuchen, den Worten von Mönchen und Theologen lauschen und sich von einer Natur belassenen Landschaft sinnlich betören lassen, wäre vor vielen Jahren undenkbar gewesen. Bedenkt man, dass man als Besucher vor der Jahrtausendwende in stillgelegten Hallen der VoestAlpine Werke mit bombastischem und schwermetallenem Industrialsound à la Einstürzende Neubauten beschallt wurde, dann markiert ein solcher Tagesausflug in eine barocke Natur schon eine bemerkenswerte Trendwende. Zumindest auf den ersten Blick.

”Going to the Country - St. Florian. Eine Landpartie auf der Suche nach Simplicity“. Bild: rubra/Ars Electronica

Gewiss gab es vor einigen Jahren schon mal ein Festival, das sich „Unplugged“ nannte. Anno 2002 hatte man aber auch jenen Schock zu verarbeiten, der Nine-Eleven im Bewusstsein der hippen Netzgemeinde ausgelöst hatte. Plötzlich entdeckte man, dass die globale Vernetzung, die man forcierte, ungewollte „Rückstoßeffekte“ zeitigte, die sich in Terror und Tod austobte. In der allgemeinen Begeisterung über die liberalisierend-emanzipatorischen Effekte der neuen Medientechnologien, über Open Source, Common Creatives und Cyber-Democracy, hatte man sie zwar wahrgenommen und auf Konferenzen am Rande auch immer wieder mal thematisiert, wenn auch nur, wie manche argwöhnten, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Im Grunde war man aber überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch diese Löcher und „blinden Flecken“ der Weltgesellschaft medial-technisch geschlossen und diese Geografien an die Werte der westlichen Netzgemeinde angeschlossen würden.

Allein ein Blick auf Themen der letzten Jahre zeigt, dass „Unplugged“ ein einmaliger „Unfall“ war und die Veranstaltung eher der eigenen Selbstvergewisserung diente. Danach hatten Kuratoren und Veranstalter wieder Zukunft, Interaktion und Globalisierung fest im Blick und sangen das hohe Lied auf das „Takeover“, den „Code“, die Welt in fünfundzwanzig Jahren und die „hybride“ Kultur.

Allerdings steht die Linzer Netzgemeinde mit der Forderung: „Make it simple“ nicht allein. Sie setzt nur technisch fort, was sich seit einiger Zeit auch in verwandten Genres auf verschiedene Ebenen des Diskurses abzeichnet und durchsetzt, in Musik, Werbung und Literatur.

Blumfeld, Trendsetter des in Deutschland so genannten Diskurs-Pop, kehren zu den „Basics“ zurück. Auf ihrer neuen CD „Verbotene Früchte“ huldigen sie dem „Apfelmann“. Sie fliegen „mit Raben“, prüfen „Schmetterlings Gang“ oder spüren „Atem und Fleisch“ beim Wandern und Waten im „Schnee“ oder „im Fluss“. Kante, popkultureller Ableger des Hamburger Projekts, verspüren fast zeitgleich die Unruhe der Tiere angesichts der fiebrigen Blicke, Hitze und Schwüle in der Stadt und kündigen Schlimmes an, wenn nichts passiert. Im Titelsong heißt es: „Die Tiere sind unruhig, die Kinder nervös / Der Himmel ist fleckig, die Wolken monströs / Ein Sturm ist im Kommen, es könnte jeden Moment passieren.“

Auch die „Generation Pop“ oder Golf oder wie immer man sie bezeichnen will, findet Gefallen am normalen, bürgerlichen Leben. Wie die Kinder der Hippies und Rockrebellen von gestern in der wunderbaren Sparkassen-Werbung wollen auch sie einmal „Spießer“ werden. Augenscheinlich haben sie, die Großstädter, die Nase voll von all der überdrehten Coolness einer leblosen Welt mit ihren hyperrealistischen Bildern. Sie haben den einfältigen Szene-Jargon beim ewigen Schlürfen von Latte-Macchiato satt, die Allgegenwart von Mobiltelefon, SMS und „Coffee to go“.

Stattdessen begeben sie sich auf die Suche nach einem anderen Zeitgefühl, spüren nach Oasen der Zeit, wo Beziehungen und Kontakte sich verlangsamen, die ständige Hetze nach neuen Trends, Stilen und Ausdrucksformen an Bedeutung verliert und die rasende Zeit irgendwie zum Stillstand zu kommen scheint. Plötzlich ist die Hochzeit oder das Wochenende auf dem Lande wieder gefragt. Junge Großstädter fahren mit Landrover herum, sie verabreden sich zu Sonntagsspaziergängen oder -ausflügen aufs Land und verspeisen möglichst Natur belassene Produkte direkt vom Erzeuger. Die Begriffe „Land“, „Provinz“ und „einfaches Leben“, einst unter ideologischem Generalverdacht stehend und mit Verachtung belegt, werden aufgewertet und übercodiert von einer Sehnsucht nach etwas, was man nicht, nie gehabt und/oder wieder verloren hat.

Moritz von Uslars Held Walter Gieseking etwa zieht es nach „Waldstein“ (Kiepenheuer & Witsch, 2006) zur schwerreichen Ellen von Galgern, die ihm ein bequemes bürgerliches Dasein zwischen Schrankwänden, Bausparvertrag und lärmenden Nachwuchs erlaubt. Und so wie Sven Regener, Mastermind der Element of Crime, auf „Delmenhorst“, seinem Heimatstädtchen, seiner alten Liebe und „Getränke Hoffman“ ein musikalisches Denkmal setzt, weilt auch Florian Illies zu „Ortsgesprächen“ (Blessing Verlag, 2006) für einige Tage in Schlitz, seiner Geburtsstadt im Oberhessischen.

Heimat, Herkunft und Provinz sind für den „young urban professional“ nicht mehr etwas, was man bespöttelt oder karikiert, dessen man sich schämt und folglich vor anderen verbergen muss, sondern Orte der Dauer und Stabilität, wo Kurioses und Beklemmendes, Einengendes und Bedrohendes eng neben dem Vertrauten und Geborgenen, Gewohnten und Fürsorglichen liegen und Leben und Lieben scheinbar geordnet nach strengen Regeln verlaufen. Die gleichen Leute, die sich über volltrunkene Punks in ihrer Kleinstadt ereifern, rufen die Polizei, wenn sie beobachten, dass sich auf dem Nachbargrundstück verdächtige Personen bewegen. Eine Studie, die jüngst Necla Kelek im sonntäglichen „Presseclub“ zitiert hat, besagt, dass ethnische Probleme zwischen Ausländern und Einheimischen dort unbekannt sind, wo die Verhältnisse so stabil und überschaubar sind wie im bayerischen Hinterland.

Dass mit dem „Begehren nach dem Einfachen“, so der Titel eines der Vorträge auf dem Symposion, ein „Back to the Roots“ verbunden wäre, diesen Eindruck wischt Gerfried Stocker, Künstlerischer Leiter des Festivals, beim Pressegespräch auch gleich vom Tisch. Es geht nicht um Erinnerung, Nostalgie oder Sentimentalität. Genau das Gegenteil wäre vielmehr der Fall. Durch die Begegnung mit dem Einfachen wolle man das Denken noch komplexer machen. „Simplicity ist nicht das Gegenteil von Komplexität, sondern ihr komplementärer Schlüssel, die Formel, durch die sich die Polyvalenzen der virtuellen Realitäten und vernetzten Wissensräume erschließen und nutzen lassen“, schreibt er im Programmheft. Mithin gehe es darum, „mit Komplexität konstruktiv umzugehen und sie für uns zu nutzen“, darum, „intelligente und handhabbare Lösungen für komplizierte und vielschichtige Aufgabenstellungen zu finden“.

Gerfried Stocker. Bild: rubra/Ars Electronica

Mal abgesehen von der nichts sagenden, Floskel gespickten Sprache, doch nichts Neues unter der Sonne? Keine „technophobe Fortschrittsverweigerung“ also, eher „Mantra einer neuen Generation von nutzerorientierten Informations-Designer“ und Wunsch, trotz der „neuen Unübersichtlichkeit“ Durchblick und Übersicht zu behalten? Na denn, wohlan! Nichts anderes wünschen sich aber auch die Protagonisten der zitierten Musiker und Literaten. Auch sie, die romantisierenden Neokonservativen, suchen nach Halt, Sinn und Orientierung. Nur drücken sie ihre Träume in einer verständlicheren und einfacheren, nicht-technischen Sprache aus. Wie sie das jedoch erzählen oder besingen, zeigt, dass auch sie das „Back to Basics“ nur zur Selbstvergewisserung des Eigenen nutzen. Im Grunde sind auch sie ziemlich froh, dass sie die kleinbürgerlichen Idyllen mit Tante Emma Läden, Aldi-Märkten und Eigenheimsiedlungen verlassen haben und in den Metropolen nach Glück, Macht und Ruhm jagen. So schön ein kurzzeitiger Aufenthalt dort auch sein mag, nichts in der Welt könnte sie zwingen, dorthin zurückzukehren und ihr Dasein zu fristen. Der Tag, an dem von Uslars Protagonist seine göttlich geliebte Ellen ehelicht, ist auch der symbolische Tod des Walter Gieseking.

Und in der Tat handelt es sich beim „Ortsbesuch“ im Stift St. Florian, den die Netzgemeinde unternimmt, auch nicht um ein Zurück zur Natur. Das Einfache, das man auf dem Land oder in der Natur zu finden hofft, ist immer schon ein fiktiv-imaginärer Ort. Nicht nur, weil die Natur (was immer man darunter auch versteht) selbst ein höchst komplexes Gebilde ist, komplexer als jede Technik, die Menschenhand und Menschengeist jemals wird erfinden. Sondern auch, weil alles, was dort auf die Besucher lauert, Lesungen, Ausstellungen, Workshops, Installationen, Performances fein säuberlich arrangiert und inszeniert ist.

Olivieri Toscani und Peter Wippermann, die das Ganze mit aufziehen, wissen das natürlich. Als Trendscouts und -forscher, die den Seelen der Käufer von morgen nachspüren, wissen sie natürlich um den „tipping point“, der schlagartig eine neue kulturelle und Generationen spezifische Zeitenwende einleitet. Wie man die „Märkte der Post-Singularität“ bedient, Gefühle und Eindrücke für eine ratlose, zunehmend vergreisende Jugend managt und Spiritualität simuliert, ist ihr Metier und Geschäft. Darauf sind sie trainiert und spezialisiert, davon leben sie.

”Going to the Country - St. Florian. Gartengespräche mit Augustiner Chorherr Werner Grad“. Bild: rubra/Ars Electronica

Und die dreihundert Jahre alte Brucknerorgel, die von einem Laptop zum Orgeln gebracht wird; das bedeutungsschwangere Rezitieren von Texten Virilios zum „Rasenden Stillstand“, das sich mit Gregorianischen Chorälen, Sound Poetry und John Cage Klängen mischt; und Kulturwissenschaftler, die die asketische und mystische Seite der „Einfachheit“ für eine nach Sinn und Orientierung lechzende Gemeinde ausgraben und spirituell aufladen, ergeben auch ein polyvalentes, von Live-Electronics und Rechnern betreutes multiplexes Elektro-Disneyland, aus dem eine neue, bislang ungesehene Linzer „Klangwolke“ erwächst. Was als Natur nahe Erfahrung angepriesen wird und dem Begehren nach neuer Spiritualität genügen will, gestaltet sich als buntes Potpourri für träge vor sich hin schlürfende Nerds, die auch an diesem Ort auf Mobiles Computing, PDA und regen Handyverkehr nicht verzichten wollen oder können.

Wie „degeneriert“ muss man eigentlich sein, wenn man nicht einmal für ein paar Stunden auf das Durchforsten überflüssiger Blogs, das Simsen zu Freunden und Bekannten oder das fast minütliche Checken elektronischer Post verzichten kann. Dass „Unerreichbarkeit“ einmal Symbol für Souveränität des Herrschers und Ausdruck und Zeichen seiner unvergleichlichen Macht war, scheint der digitalen Klasse gänzlich unbekannt zu sein. Gäbe es hier Funklöcher, würde ein Teil von ihnen vermutlich dem Wahnsinn verfallen.

Und dennoch hat man den Eindruck, dass etliche Jünger das Bogenschießen in der alteuropäischen Landschaft, die Stille der Krypta, die Begegnung mit den Mönchen oder das Inhalieren neuer Sinneseindrücke im Garten sichtlich Freude und Vergnügen bereitet. Wer sie beim Flanieren beobachtet, wie sie die „reale Gegenwart“ der Natur aufsaugen, Geräusche, Gerüche, Eindrücke, fühlt man sich an jene Kinder erinnert, die zum ersten Mal entdecken, dass Kühe schwarz, weiß oder braun gefärbt sind und nicht lila.

Weniger spirituell ging es dagegen einen Tag zuvor auf dem Themensymposion zu, durch das ein launiger und blendend aufgelegter John Maeda führte. Hier wurde zum Teil harte Produktwerbung betrieben.

Jason Kottke, Blogger aus den USA, stellte sein Webblog vor und gab Einblicke in seine tägliche Arbeit des Lesens und Verlinkens, Filterns und Hinzufügens von Informationen. Warum man unbedingt seine Seite statt die der Washington Post lesen sollte oder muss, konnte er aber nicht vermitteln.

Walter Bender, ehemaliger MIT-Mitarbeiter, stellte seinen 100 Dollar Laptop vor, mit dem er Kinder der Dritten Welt demnächst beglücken wird. Sein Rechner soll einfach gebaut, aber komplex genutzt werden können. Ob es nicht vielleicht besser wäre, den Kindern Lehrer, Hefte und Bleistifte zukommen zu lassen, statt sie mit einem neuen Spielgerät zu versorgen, mit dieser Frage beschäftigte er sich nicht. 100 Dollar mögen für Westler wenig sein, aber nicht für eine Familie in Indien, Brasilien oder Nigeria, die davon einige Monate bestreiten können.

John Maeda. Bild: rubra/Ars Electronica

Sam Hecht, Möbeldesigner aus London, pries seine Produkte, die er für eine japanische Firm entwirft, als Muster für Schlichtheit und Funktionalität. Er beobachtet Dinge in ihrem größeren Kontext und befreit sie von unnützen Accessoires. Das Einfache ist für ihn etwas Grundlegendes, während das Komplexe selbst keinen Zweck hat. Darum zeichnet er auch alle Entwürfe auf Papier oder Pappe. Der Rechner, so seine Erfahrung, sei dafür zu komplex.

Paolo Antonelli, Kuratorin am Moma, sah das natürlich etwas anders. Design ist ihr zufolge nicht bloß Dekoration, sondern muss den Menschen erst gelehrt und nahe gebracht werden. Ein Produkt muss komplexe Möglichkeiten beinhalten. Einfachheit ist Synthesis einer langen menschlichen Erfahrung. Schweizer Messer, Legobausteine und IPod sind Musterbeispiele für eine solche gelungene Umsetzung.

Immer ist die Ars Electronica auch Forum und Bühne für allerlei schrullige, aber auch beeindruckende Gestalten und Persönlichkeiten. Gary Chang zum Beispiel macht sich Zeit seines Lebens Gedanken zum innovativen Leben und Arbeiten auf engstem Raum, wie es in Asien heute gang und gäbe ist. Er entwirft und baut Minihäuser und Kleinstwohnungen für die Zukunft, Käfige und Bienenwaben, die bestenfalls den wichtigsten menschlichen Bedürfnissen genügen. Wer dort einzieht, ist zum ständigen Umbau verdonnert. Er kann nicht einfach baden, lieben, schlafen oder fernsehen, sondern muss vorher selbst Hand anlegen und aktiv werden.

Hugh Herr wiederum, Biomechaniker am MIT, sucht die bestmögliche Schnittstelle zwischen Körper und Maschine. Auch er baut, arbeitet und lebt im Selbstexperiment. Seit er seine Beine bei einem tragischen Unfall verlor, beobachtet er den menschlichen Körper genau, um die optimale Lösung für eine Verbindung von Bein und Prothese zu finden. Sie ist gefunden, wenn es dazu keines Plug-ins mehr bedarf, sondern der Input direkt und unmittelbar erfolgt. Was das allerdings mit Einfachheit zu tun hatte, wurde nicht deutlich.

Kritik an Strukturen oder an den Verhältnissen wurde kaum laut. Meist widmete man sich intensiv der Material- und Werkzeugforschung, ohne tatsächliche Lösungen für die Probleme zu präsentieren. Einzig die russische Kunstwissenschaftlerin Olga Goriunova versuchte ein paar grundlegende Definitionen zum Thema. Wer Simplicity fordere, müsse zu den Basics zurück, zum „nackten“ und „authentischen Leben“ der einfachen Leute. Einfachheit kann nicht einfach verordnet werden. Das sieht man an den sozialen Netzwerken, die das Web 2.0 bilden. Die Leute, die dort senden, bloggen und linken, brauchen keine Medienkünstler mehr, die ihnen mediale Erfahrungen vermitteln, sie an der Hand nehmen und sie durch die krude und absonderliche Welt der Medien führen. Vielmehr nehmen sie sie selbst in die Hand. „Jeder ist sein eigener Medieninhaltbetreiber“, meint sie.

Ganz Unrecht hat sie damit nicht. Das „Broadcast yourself“, mit dem jeder Besucher von Youtube.com empfangen wird, drückt es explizit aus. Die Ars Electronica sieht sie darum auch in der Krise. Wenn Menschen keiner Bevormundung mehr bedürfen, Spielzeuge für eigene Ausdrucksformen haben, die obendrein auch noch Eingang in traditionelle Medienformen finden, braucht es auch keiner Institutionen, die dabei helfen.

Das war natürlich schon etwas hoch gegriffen, starker Tobak und viel Idealismus. Vor allem für denjenigen, der Tags zuvor die Konferenz über Kybernetik des Ludwig Boltzmann Instituts besucht hatte, wo erneut eine Brücke zwischen den „Zwei Kulturen“ zu schlagen versucht wurde, von der Geisteswissenschaftler gern schwätzen und Naturwissenschaftler sie einfach ignorieren. Gerade die Kybernetik ist ein Musterbeispiel, wie Theorie praktisch wird und real-maschinelle Wirklichkeit annimmt.

Tatsächlich begegnen wir ihren Anwendungen jeden Tag, am Arbeitsplatz, im Haushalt oder in der Freizeit. Das dürfte auch der Grund sein, warum sie nicht, wie Martin Heidegger einst glaubte, „Leitwissenschaft“ geworden ist. Ihr Praktischwerden hat ihren intellektuellen Erfolg verhindert. Ihre simple Gestricktheit aus Regelsystem, Rückkopplungsmechanismus und Steuerbarkeit ist zwar für die Ökonomisierung und Technisierung von Prozessen eminent wichtig, aber nicht für Intellektuelle. Für Geistarbeiter sind Reiz-Reaktions-Schemen, Lernen am Modell, schlichtes „es funktioniert oder es funktioniert nicht“ zu wenig anspruchsvoll und bieten ästhetisch eher Dürftiges als Faszinierendes.

Das kann man schon an der Informationsästhetik erkennen, die Max Bense im Deutschland der Nachkriegszeit gefördert und ihn in heftigen Disput mit den Kritischen Theoretikern und der Werkkunst eines Joseph Beuys gebracht hat. Den Anspruch, den sie mit Blick auf WK II und das Erlebnis des Nationalsozialismus einlösen wollte, nämlich Kunst, Wissenschaft und Philosophie mittels einer mathematischen Sprache zu entideologisieren, hat sie nicht leisten können. Damit ist sie ebenso kläglich gescheitert, wie jenes medientheoretische Programm, das fünfundzwanzig Jahre später „den Geist aus den Geisteswissenschaften“ austreiben wollte. Gescheitert nicht nur, weil ihr Leitspruch: „Alles, was nicht informationstheoretischen Kategorien genügt, unter Ideologieverdacht zu stellen“, selbst Ideologie wird; gescheitert auch, weil ganz offenbar jene Kanäle, Zeichen und Symbole, derer sich diese Ästhetik und Medienwissenschaft bedient, ihrerseits jene Gespenster produzieren, die man mittels eines „Positivismus des Digitalen“ zum Verschwinden bringen will.

Die Provokation, die Bense und später Kittler haben wollten, ist jedenfalls genauso in die Hose gegangen wie die Postmoderne, die alles erlauben wollte und Individuen zu Maskeraden, zum Schminken und zum Basteln von Identitäten animieren wollte. Das Imperium schlug einfach zurück. Was von all dem geblieben ist, ist Diskursanalyse, der Versuch, die Unterschiede, Grenzen und Brüche, die die Kybernetik zwischen Mensch und Maschine, Mensch und Tier, Literatur und Technik verwischt, archäologisch wieder sichtbar zu machen, also zu zeigen, welche Beziehungen und Strukturverwandtschaften es eventuell zwischen dem Bau der Lebewesen, der Erfindung des Kinematografen, dem Zick-Zack-Flug einer Cruise Missile und der Geburt von Erregungsöffentlichkeiten gibt.

Ästhetisch ist das nicht besonders aufregend. Weswegen es nicht verwundert, dass Werke der Medienkunst, die in Linz präsentiert werden, meist wenig zu überzeugen vermögen.

Das gilt auch für Kollaborationen zwischen Mensch und Maschinen. Was soll eine Übersetzung von Körperbewegungen in Sound, Farben und Bilder auch bringen, außer flirrenden Tönen, zuckenden Flimmern und kreisenden Scheinwerfern. An die Stelle von Kunst tritt letztlich nur Technik, die zum Hauptakteur der Performance verkommt. Der blaue Lichtballon, der durch die Muskelkraft von Menschenfüßen erzeugt wird, die heftig in die Pedale treten, ist zwar nett anzusehen, vor allem wie er in den nächtlichen Himmel steigt und Linz erleuchtet, aber: so what?

Nature von John Maeda. Bild: John Maeda

Die „bewegten Gemälde“, die John Maeda mittels aufwendiger Softwaretechnologie erzeugt, folgen zwar dem postmodernen Grundsatz, „eine Anspielung auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann“, kommen ästhetisch aber kaum über das hinaus, was Künstler in der Nachfolge Malewitschs mit Farben, Formen und Pinsel erzeugt haben. Im Vergleich mit den Bildern, die die Natur oder das Menschenauge malt, bleibt dieses Spiel mit Farbe, Form und Muster abstrakt und leer. Die nachgeschobene Behauptung, dass damit ein besseres Verständnis für den digitalen Innenraum des Rechners und der Landschaftsmalerei als solcher geweckt werden soll, klingt aufgesetzt und wenig überzeugend.

Und so könnte man endlos weitererzählen, von einem vollautomatischen System, das dem Menschenkörper die Willensfreiheit nimmt, einem Navigationssystem für Fußgänger, das die Traumpfade der Aborigines taktil erfahrbar macht, einer mobilen Telefonzelle, die wie ein Rucksack umgeschnallt wird, aber bei einem Anruf flugs aufgestellt wird und danach wieder verpackt werden muss. All das ist mitunter witzig gemacht, manchmal auch technisch höchst aufwendig produziert, es mag zum Nachdenken anregen oder nicht, bisweilen einen „Aha-Effekt“ auslösen oder nicht, mehr aber auch wieder nicht.

nomadix: interaction on the move! Bild: Hyperwerk

Was die Dutzende von Netzwerkern alle Jahre in den Katakomben des Brucknerhauses elaborieren, erschließt sich dem Beobachter kaum. Von einer LAN-Party, auf der Jugendliche ihren Ballerinstinkten nachgehen, ist die Electro-Lobby jedenfalls kaum zu unterscheiden, zieht man mal den krachenden Lärm ab, den Counter-Striker unweigerlich mit ihren Rechnern an ihren Schirmen erzeugen.

Geändert hat sich seit anno 2000, als ich das letzte Mal das Medienfestival besucht habe, im Grunde nicht viel. Außer, dass es in diesen sechs Jahren noch größer, vielfältiger und komplexer geworden ist – ganz im Gegensatz zu dem neuerdings erhobenen Anspruch auf Simplicity. Der ORF mischt immer noch mit. Mehr als früher wird die ganze Stadt in die Präsentation einbezogen. Alle Institutionen machen mit, wie Gerfried Stocker stolz vermerkt, was kaum verwundert, haben die Verantwortlichen doch längst erkannt, dass das Festival das Event ist, mit dem die oberösterreichischen Stadt wuchern und im globalen Wettbewerb der Standorte punkten kann. Und auch die Einheimischen wundern sich nicht mehr über all die sonderbaren Gestalten und Installationen, die alljährlich in der Herbsteszeit im Stadtgebiet aufgestellt werden und ihre Stadt bevölkern.

maschine-mensch. Christopher Rhomberg/Tobias Zucali

Auch ist es immer noch höchst vergnüglich, den Impact zwischen zwei anderen Kulturen zu beobachten, der US-amerikanischen und der alteuropäischen. Amerikaner sind optimistisch, sie sind der Zukunft zugewandt und verspüren eine Mission. Sie tragen ihre Botschaften frei vor, beherrschen die Technik, die sie nutzen, und betreiben Grundlagenforschung, um sie direkt in Markt gängige Produkte münden zu lassen. Ganz anders dagegen die Alteuropäer. Sie zeigen sich stets skeptisch, machen in Geschichte und Vergangenheitsbewältigung und räsonieren am liebsten über Gott und die Welt. Sie lesen von ihrem ausgearbeiteten Manuskript ab, verhaspeln sich dabei ständig beim Sprechen ihrer Sätze und haben Schwierigkeiten bei der unfallfreien Nutzung ihrer Geräte. Grundlagenforschung treiben sie in der Regel, um das System, die Welt oder die Wirtschaft zu kritisieren.

Diese Frage, die John Maeda zum Abschluss des Themensymposions an Publikum und Vortragende richtete, verhallte ebenso wortlos, wie sie unbeantwortet blieb. Warum die Veranstalter „Einfachheit“ zum Leitthema erhoben haben, verblieb letztlich im Diffusen. Zyniker und andere böse Zungen werden vielleicht sagen, dass es letztlich dazu gedient hat, das brandneue Buch John Maedas „The Laws of Simplicity“ zu promoten, das extra zum Festival termingerecht auf den Markt kam.

Es war wohl wieder eher einer dieser Phantom-Diskussionen, die wir zu Genüge kennen und führen. Um sich wirklich darauf einzulassen, herrschte zu viel Betrieb, wie gehabt. Statt „einfacher“ zu werden, wollen die Macher mit ihrer Marke weiter wachsen. Stolz verkündete man auch sofort die Partnerschaft mit einem kommerziellen Rundfunkunternehmen in Japan.

Die Sehnsucht nach dem Einfachen lässt sich denn auch höchstens als ein Symbol für etwas anderes deuten. Es ist Ausdruck einer einmaligen Haltung und eines gewissen Lebensgefühls, das sich seiner Herkunft und Wurzeln vergewissert. In der Geschichte der Moderne taucht es immer wieder mal auf, es kommt hoch, sorgt für kurzeitige Aufmerksamkeit und verschwindet. Während Marcel Proust mehrere dicke Bände brauchte, um seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ zu dokumentieren, schaffte es Walter Benjamin, seine „Berliner Kindheit um 1900“ in einen schmalen Gedichtband zu packen.

Ob die „Lust am Einfachen“ mehr ist als eine Momentaufnahme, wird sich zeigen. Überraschend ist vielleicht, dass dieses Gefühl nun auch die digitale Elite und virtuelle Klasse erfasst hat. Zumindest mental scheint sie eine kleine Krise durchzumachen. Olga Goriunova war wohl die einzige, die sich traute, das kurz zu streifen und zu thematisieren. Dass niemand darauf einging und ihr Statement standhaft und betreten beschwiegen wurde, war irgendwie entlarvend. Kein Wunder, dass die Fragen, die John Maeda an die Teilnehmer adressierte: „Wie leben wir? Wie werden wir leben? Was fürchten wir? Wonach sehnen wir uns?“ offen blieben. Bei Lichte betrachtet sind sie in gewisser Weise auch nur den klassischen Fragen Immanuel Kants nachempfunden, dem: „Was kann ich wissen? Was kann ich tun? Was darf ich hoffen?“, aus deren Beantwortung dann die weitergehende Frage: „Was ist der Mensch?“ resultiert.

Einfachheit meint gewiss kein Jenseits des Digitalen, sondern bestenfalls ein Diesseits davon. So säkular ist der Westen immerhin, trotz oder gerade wegen Benedikt XVI und Osama bin Laden. Ich, für meinen Teil, habe die abschließende Frage John Maedas so beantwortet, dass ich auf der Heimfahrt Mando Diaos wundervolle „Ode to Ochrasy“ in den CD-Spieler geschoben habe und mir mehrere Hörstürze mit „Lustvoll Life“ und „Long before Rock ‚n’ Roll“ gegönnt habe. (Rudolf Maresch)

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