Brüchige Lebenswelten und der Erfolg von Populisten

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Die sukzessive Zerstörung unserer vertrauten Lebenswelten lässt Verhaltensunsicherheit entstehen

Die Welt scheint aus den Fugen oder ist es sogar. Viele Menschen sehen sich in Unsicherheit, Angst, aber auch in Wut und Frustration, wie das gerade wieder während der Corona-Pandemie deutlich wird. Das führt zu Chaos in der Politik und zu neuen Bewegungen, die der öffentliche Diskurs im Begriff des Populismus zu fassen versucht.

Als Ursachen werden gängig der Bedeutungsverlust der Volksparteien, die Flüchtlingskrise oder die soziale Ungleichheit angeführt. Doch das greift zu kurz. Was diese Entwicklungen provoziert hat und was hinter ihnen steckt, ist - wie empirische Forschung belegen kann - die sukzessive Zerstörung unserer vertrauten Lebenswelten und die so entstehende Verhaltensunsicherheit.

Gesellschaft in Erosion

Mauritius; ausgelaufenes Öl bedroht ein Naturparadies. Drama am Frankfurter Hauptbahnhof. Ein achtjähriger Junge wird vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Cecile Eledge, 59 Jahre alt, brachte kürzlich im US-Bundesstaat Nebraska ihre eigene Enkeltochter auf die Welt - als Leihmutter für ihren homosexuellen Sohn. Schock am Fasanenhof in Stuttgart. Mitten auf der Straße wird ein Mann von einem syrischen Flüchtling getötet - mit einem Schwert. In Indien hat eine Hitzewelle gezeigt, dass manche Regionen der Erde bald nicht mehr bewohnbar sein könnten - Forscher schlagen Alarm.

In Städten wie Amsterdam und Rotterdam sind heute schon die Hälfte der Bewohner Migrantenfamilien, 180 Nationen leben hier, zwei Drittel der Schulkinder kommen aus Migrantenfamilien. Einheimische fühlen sich zunehmend fremd.

Die Welt droht den Kampf gegen den Hunger zu verlieren.

Das sind einige Zeitungsmeldungen; sie signalisieren Auflösungstendenzen unserer alltäglichen Ordnung. Die soziale Wirklichkeit transformiert sich rapide. Die traditionellen gesellschaftlichen Milieus lösen sich auf: Nachbarschaften, Vereine, gut erreichbare Einkaufsmöglichkeiten, Serviceleistungen wie zum Beispiel die Post, die alte Eckkneipe, die Sitzbank mit den Bekannten. Das Selbstverständliche des Lebens verschwindet für die Menschen.

Viele Menschen sind irritiert, und es ängstigt sie. Sie beklagen, dass ihnen die Orientierung abhandenkomme: Alles verändere sich ständig und in einem so hohen Tempo, dass man ihm nicht mehr zu folgen vermöge; nichts bleibe gleich.

Leben muss aber, um es sinnvoll und zufrieden führen zu können, ein großes Stück selbstverständlich sein - so belegt es die anthropologische und soziologische Forschung seit langem. Es darf nicht jeden Tag wieder infrage gestellt werden, es ist einfach da, und es ist tragfähig. So konstituiert sich Verhaltenssicherheit.

Seit geraumer Zeit aber entgleitet uns das Gewohnte, Vertraute und Gesicherte immer mehr. Es entsteht ein Vakuum. Mit Leere lässt sich auf Dauer aber nicht leben; sie muss wieder gefüllt werden, um sich überhaupt eine eigene Zukunft vorstellen zu können.

Wenn die Orientierungs- und Anpassungsfähigkeit des Einzelnen an Grenzen kommt, droht auch das gesellschaftlich Ganze zu kippen. Das kann unter heutigen Bedingungen ganz rasch gehen, wie die "Gilets jaunes" in Frankreich gezeigt haben.

Wunsch nach einem "starken Führer"

Hört man sich um und fragt etwas tiefer nach, so sind die brüchigen Lebenswelten der Hauptgrund für den Erfolg von "Populisten" und rechten Bewegungen. Die Unzufriedenheit der "rechten" Wähler richtet sich nicht in erster Linie gegen die Flüchtlinge, die Hausbesitzer oder das Kapital, sondern gegen den kulturellen Wandel, der Gewohntes auflöst und Kontrollverlust schafft.

Die "Rechte" verspricht gegen diese Erosion eindeutige Orientierung, Sinn und Klarheit. Dieser Wunsch - so verständlich er ist - führt aber auch in gefährliche Versuchungen.

So hat 2016 das Wahlforschungsinstitut SORA herausgefunden, dass nur noch 36 Prozent der Österreicher einen "starken Führer an der Spitze" ablehnen; 2007 waren es 71 Prozent. In Deutschland finden 26 Prozent der jungen Erwachsenen im Osten und 23 Prozent im Westen, dass es "einen starken Führer" geben sollte, "der sich nicht um Parlamente und Wahlen kümmern muss" - so eine Studie der Otto Brenner Stiftung. In der Schweiz sind laut einer Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften "32 Prozent der Jugendlichen [...] als autoritär einzustufen".

Das Sozialkapital

Hartmut Rosa verweist darauf, dass sich heute das "objektive Geschehen" viel rascher vollziehe, als es im eigenen Handeln und Erleben reaktiv verarbeitet werden könne. Wir seien heillos überfordert. Tagtäglich.

Die sukzessive Erosion langfristigen Denkens und Handelns bewirkt - in der Analyse von Zygmunt Bauman -, dass "das Leben jedes Einzelnen zu einer Reihe kurzfristiger Projekte und Episoden aneinandergefügt wird". Identität sei auf historisch beispiellose Weise zum Problem geworden. Rosa ergänzt, dass Identität gar nicht mehr einem Lebensplan folgen könne, "sondern dem Modell des 'Wellenreiters'"; "wann immer sich eine neue attraktive Gelegenheit bietet, muss man bereit sein zu springen". Der interaktive Bezugsrahmen im Alltäglichen verstärkt all das. Die alten Bande wie Nachbarschaft, Kollegen aus dem Betrieb, die Stammkneipe, die Quartierstreffpunkte verschwinden mehr und mehr. Das gewachsene Soziale löst sich auf, das virtuelle kann es nicht wirklich ersetzen.

David Goodhart spricht vom "sense of owner-ship of their area", Wissenschaftler wie Zygmunt Bauman, Paul Collier, Katherine J. Cramer oder Michael Tomasello - um nur gerade einige zu nennen - betonen die zentrale Wichtigkeit der zwischenmenschlichen, affektiven Bindungen für den sozialen Zusammenhalt. Doch die multikulturelle Gesellschaft spaltet sich zunehmend in Segmente - mit den entsprechenden Folgen.

"Das Internet zerstört die traditionellen Orte, an denen Geselligkeit stattfindet: Restaurants, Kinos und so weiter", heisst es in einem Tweet. "Die alte Kunst, von Angesicht zu Angesicht Beziehungen auszuhandeln, geht verloren. Die Menschen sitzen allein vor ihren Geräten und zählen die Likes auf ihren Profilen." Robert Putnam bemerkt die Zerstörung dessen, was er "Sozialkapital" nennt, vor allem Vertrauen und Gegenseitigkeit.

Wenn wir als Menschen einigermaßen angenehm und sinnvoll zusammenleben wollen, müssen wir uns aufeinander einstellen. Das bedeutet im Klartext: Rücksichtnahme, Verantwortung, Empathie und Respekt.

Mittlerweile halten uns die gesellschaftlichen Institutionen wie Nachbarschaft, Gemeinschaft, Kirche, Nation, Heimat und Staat nicht mehr wie früher. Im Gegenteil: Die nachindustrielle Gesellschaft ist geprägt von Entwicklungen, die soziologische Begriffe umreißen, die seit Längerem zu Schlagwörtern geworden sind: Mobilität, Flexibilisierung und Globalisierung. Sie alle verheißen Unruhe, Veränderung, Unsicherheit, Unordnung.

Nichts kann mehr als gegeben gelten. Alle Selbstverständlichkeiten der letzten 200 Jahre sind im Zerfall begriffen. Die Menschen haben nicht mehr das Gefühl, dass sie ihre eigene Lebenswelt überschauen. Ihnen entgleitet der Alltag. Die Welt, mit der wir noch vor wenigen Jahrzehnten weitgehend einverstanden waren, gibt es immer weniger. Daueranomie droht.

Es ist ein anthropologisches Grundgesetz: Was im Leben selbstverständlich ist, das gibt Kontinuität; Kontinuität gibt Sicherheit, und Sicherheit garantiert Verlässlichkeit. Die Anthropologie weiß: Menschen brauchen Sicherheit - mit sich selbst (Identität), in den mitmenschlichen Beziehungen, in ihrer Umgebung und in ihrer Wahrnehmung.

Nach Harrison und Huntington gehören dazu in unserer Kultur auch: Rechtstreue, Fairness, Beschränkung der Staatsgewalt, Verbindung von Individualismus und Gemeinwohlorientierung, Meinungs- und Religionsfreiheit, Arbeitsethos, Orientierung, Wertschätzung von Bildung und Erziehung. Sie - in ihrer Totalität - schüfen Vertrauen und Verlässlichkeit.

In seinem Buch "Sozialer Kapitalismus" führt Paul Collier in Berufung auf die Anthropologie sechs Werte auf, die universal gültig seien: Loyalität, Fairness, Freiheit, Hierarchie, Fürsorge und Reinheit im Sinn der "Unantastbarkeit von Dingen auch jenseits eines religiösen Zusammenhangs".

Probleme treten immer dann auf, wenn sich die Menschen gegenseitig aus den Augen verlieren. Karl Jaspers hat am Ende des Zweiten Weltkriegs darauf hingewiesen. Vielleicht ist die geistig-moralische Situation von damals in gewisser Weise vergleichbar mit dem heutigen Zusammenbruch der Selbstverständlichkeiten, so dass an Jaspers' Wort von damals erinnert werden darf:

Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollen nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des an- deren stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschliessenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet.

Karl Jaspers

Walter Hollstein ist Soziologe und lebt in Basel. Der Text beruht auf Material, das der Autor für sein bei NZZ Libro erschienenem Buch "Das Gären im Volksbauch. Warum die Rechte immer stärker wird" zusammen getragen hat; dazu hat er mehr als 1700 Gespräche und Interviews geführt.

(Walter Hollstein)