Bücher nach Maß

Nach Audio und Video on Demand steht nun der Buchwelt eine Revolution bevor: Gedruckt wird nur, was der Leser tatsächlich will

Ein halbes Jahr oder länger hat man recherchiert und geschrieben, dann ist sie endlich fertig: die Diplom- oder Magisterarbeit. Hält der fleißige Student das ausgedruckte und kopierte Werk erst einmal in Händen, ist der Wunsch oft groß, das Gedankengut der Allgemeinheit zugänglich zu machen und sich selbst ein "ewiges" Denkmal in Form einer Buchveröffentlichung zu setzen. Der Anruf beim nächsten Verleger beendet diesen Traum meist rasch wieder: bei Preisforderungen von mehreren Tausend Mark für eine minimale Auflage baut man das gute Stück doch lieber in den eigenen vier Wänden auf.

Joachim Desler dürften die Erinnerungen an seine Studienzeit schwer fallen, schließlich hat der 58jährige bereits sein "erstes" Arbeitsleben hinter sich gebracht. Dennoch wird seine Erfindung manchem Diplomanden oder Doktoranden die Traum- oder Pflichterfüllung leichter machen. Zusammen mit dem Hamburger Buchgroßhändler Georg Lingenbrink GmbH (Libri) hat der ehemalige Xerox-Mitarbeiter einen digitalen Druckservice entwickelt, der das Verlagsgeschäft revolutionieren könnte.

Bei "Books on Demand" (BoD) wird der Datensatz eines Buches, der in den meisten Fällen eh bereits im digitalen Format vorliegt, im Computer, der als virtuelles Buchregal dient, gespeichert und nur auf Wunsch eines interessierten Lesers innerhalb weniger Minuten in materielle Form gegossen. Über die Auflage braucht sich ein Verleger keine Gedanken mehr zu machen, die Lagerhaltung oder das Verramschen unverkaufter Restexemplare entfällt.

"Überbestände gibt es keine mehr", freut sich Desler, der vor allem Kleinverlegern das Leben erleichtern will. Möglich macht den maßgeschneiderten Druckservice, bei dem es auch keine vergriffenen Buchtitel mehr geben wird, mit Libri ironischerweise einer der beiden Großen im Buchgeschäft, der sich mit dem zweiten Grossisten in Deutschland, der Firma Koch, Neff und Oettinger (Buchkatalog) den Markt teilt. Für Desler war die Kooperation allerdings keine Frage, denn seiner Meinung nach bietet nur der Großhandel die für den On-Demand-Service nötigen Logistikmöglichkeiten der "Just in time"-Produktion und -Distribution. Zu beziehen werden die BoDs über die rund 3500 mit Libri kooperierenden Buchhändler sowie über die Web-Site des Grossisten sein.

Die Anfertigung der Bücher selbst wird in einer gesondert eingerichteten Xerox-Druckstraße von Libri übernommen. "100 Seiten werden den Verleger dabei unabhängig von den Druckauflagen nur wenige Mark kosten", so Mark Pohlmann von der Agentur Sinner + Schrader Interactive Marketing, die das Projekt betreut. "Ob 5 oder 5000 Bücher gedruckt werden, spielt keine Rolle mehr." Für den Kunden selbst werde das fertige Produkt sowohl in der Qualität wie auch im Preis mit einem gängigen Taschenbuch vergleichbar sein. Die Titelseiten sind individuell und vierfarbig gestaltbar.

Einsatzgebiete und Marktperspektiven sieht Pohlmann nicht nur bei wissenschaftlichen Wälzern, sondern auch bei Titeln, die bereits vergriffen sind und bei denen sich eine Neuauflage für den normalen Druck nicht mehr lohnt: "Books on Demand dient der Vielfalt des Buchmarktes und gibt auch experimentellen Autoren eine Chance, die bisher an Auflagenzahlen gescheitert sind." Eine "demokratischere Gestaltung des Marktes" sei so zu erwarten.

An Selbstverleger richte sich der Service allerdings nicht, nach wie vor müsse ein Autor erst einen interessierten Verlag finden, der das Buch bei Libri in Auftrag gibt. Ideal sei das Angebot auch für schnell veraltende Druckerzeugnisse wie etwa Bedienungsanleitungen für Software, die mit jedem Upgrade verändert werden müßten. "Nötige Verbesserungen lassen sich in den digitalen Datenrohling leicht einbauen", erläutert Pohlmann. Handbücher, die bereits beim Erscheinen in den Buchläden wieder veraltet seien, gehörten auf jeden Fall der Vergangenheit an.

Das erste Book on Demand wird das Projekt Gutenberg, auf dessen Webseiten mehrere tausend Klassiker der Weltliteratur auf rund 80.000 Textseiten kostenlos in digitaler Form abrufbar sind, verwirklichen. Bis zum 30. September können die Besucher der Site ihre Lieblingswerke von Autoren - angefangen bei Aesop, über Karl May und Moliere bis hin zu Zola - auswählen und eine rund 250seitige Anthologie zusammenstellen, die sie rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse gedruckt und gebunden für voraussichtlich 16,80 Mark in Händen halten können. Ein Rematerialisierungsprozeß, der den Poeten des Cyberspace das Lesen erleichtern soll: "Viele Nutzer beschweren sich ja, daß sie nicht so gerne am Bildschirm längere Texte lesen und ihre Drucker heißlaufen", meint Hella Reuters von der Hille und Partner GbR, die das Projekt Gutenberg realisiert. Der eigentliche Wert des "Wunschbuches" sei aber, daß Surfer das Buch so zusammenstellen könnten, wie sie gerne hätten. "Viele der Texte gibt es heute auch gar nicht mehr in Druckform oder nur in teuren antiquarischen Ausgaben."

Falls das Modell der abrufbaren Bücher von den Verlagen angenommen wird, stellt sich nur noch die Frage, wer all die neuen Titel lesen soll. Schon heute ergießt sich jede Woche eine "Informationsflut" von rund 1500 Titeln auf den deutschen Buchmarkt, 25 Prozent davon sind Neuerscheinungen. Das Geschäft mit den alten Medien boomt - trotz oder gerade wegen des Internet: Fast 17 Milliarden Mark haben die deutschen Buchhändler 1997 umgesetzt, die Marktergebnisse der Verlage werden auf 10 bis 15 Milliarden geschätzt.

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