Bürgereinkommen in Italien - eine repressive Armenfürsorge

Würde bei einem Grundeinkommen die Gesellschaft zusammenbrechen?

Definiert Arbeit den Menschen?
Ronald Blaschke: Der Mensch ist ein soziales Wesen, definiert sich und seine soziale Umwelt über soziale Kontakte, Interaktion und Kommunikation. Arbeit - bezahlte und unbezahlte - ist ein Ort von vielen, an denen einzelne Menschen interagieren, kommunizieren.
Dies umso weniger, desto mehr die Arbeit eine funktionale Bedeutung hat - als Existenz-, Gewinn- und Machtsicherungsinstitution. Dann sprechen wir von funktionaler Interaktion und Kommunikation, letztlich von entfremdeter Arbeit, bei der weder Fähigkeitsentwicklung des Arbeitenden noch Befriedigung menschlicher Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.
Funktionale Arbeit ist das Gegenteil von produktiver, schöpferischer, also menschlicher Arbeit und erzeugt Entfremdung des Menschen vom Menschen. So argumentierte auch Marx, dessen 200. Geburtstag wir dieses Jahr gedenken.
Würde bei einem Grundeinkommen die Gesellschaft zusammenbrechen?
Ronald Blaschke: Das Grundeinkommen ist ein Ausdruck höchster Solidarität, die jedem Menschen die grundlegende Existenz und gesellschaftliche Teilhabe sichert und dies nicht vom Wohlverhalten des Menschen abhängig macht.
Deswegen ist die bedingungslose materielle Absicherung eines jeden Menschen auch Grundlage einer solidarisch-demokratischen Gesellschaft, weil sie ebenfalls politische Teilhabe materiell erpressungsfrei absichert.
Ja, eine Gesellschaft, die sich demokratisch für das Grundeinkommen und nicht monetäre bedingungslose Zugänge zur Existenz- und Teilhabesicherung bekennt, bringt die jetzige Gesellschaft, die auf materieller Nötigung und dadurch systemisch bedingter Verantwortungslosigkeit basiert, zum Einsturz.
Das ist gut so, das ist notwendig, weil das jetzige gesellschaftliche System die natürlichen Grundlagen der Existenz der Menschheit untergräbt und die freie Entwicklung der Fähigkeiten vieler Menschen verhindert.
Was würden Sie machen, wenn Sie ein Grundeinkommen bis zum Lebensende erhalten würden?
Ronald Blaschke: Ein dickes Buch über die "Muße für alle" schreiben, über eine universalisierte Form des höchsten Ideals der Antike. Das Buch wäre der Weg, der zugleich Ziel ist.
Woher stammt die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens?
Ronald Blaschke: 1796 hatte Thomas Spence erstmals die Idee des Grundeinkommens beschrieben, in The Right of Infants. Er entwarf die Utopie eines demokratischen, auf Gemeineigentum von Grund und Boden basierenden Gemeinwesens mit Grundeinkommen, öffentlicher Infrastruktur und politischer Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Was ist eigentlich Arbeit?
Ronald Blaschke: Das ist eine Frage, deren Beantwortung Bände füllen könnte. Definitiv aber ist Arbeit keineswegs identisch mit bezahlter Arbeit, also Erwerbsarbeit. In Deutschland zum Beispiel werden verschiedene Tätigkeitsformen, die gesellschaftlich und individuell nützlich und notwendig sind, diskutiert: Erwerbs-/Lohnarbeit, Sorgearbeit (Haus-/Familien-/Erziehungsarbeit), bürgerschaftliches Engagement, Bildung/Muße. Unbezahlte Tätigkeiten werden in bedeutend größerer Stundenanzahl geleistet als Erwerbsarbeit. Sie sind das Fundament der Gesellschaft und individuellen Entwicklung.
Wer bestimmt, wer in einer Gesellschaft von Nutzen ist?
Ronald Blaschke: In Marktgesellschaften Markt- und Profitkalküle, hinter dem Interessenvertreter des Marktes und Kapitals stehen, in politisch-totalitären Gesellschaften die autoritär Herrschenden. In demokratischen Gesellschaften, die sich menschenrechtlich definieren, gibt es keine Unterscheidung zwischen nützlichen und unnützlichen Menschen.
Der Mensch hat Würde und Wert an sich. Erich Fromm bemerkte zum Beispiel mit Bezug zum Grundeinkommen: "Das garantierte Einkommen würde nicht nur aus dem Schlagwort 'Freiheit' eine Realität machen, es würde auch ein tief in der religiösen und humanistischen Tradition des Westens verwurzeltes Prinzip bestätigen, daß der Mensch unter allen Umständen das Recht hat zu leben. Dieses Recht auf Leben, Nahrung und Unterkunft, auf medizinische Versorgung, Bildung usw. ist ein dem Menschen angeborenes Recht, das unter keinen Umständen eingeschränkt werden darf, nicht einmal im Hinblick darauf, ob der Betreffende für die Gesellschaft 'von Nutzen ist'."
Fromm nimmt das bedingungslose Existenz- und Teilhaberecht aus der Schusslinie jeglicher utilitaristischer Erwägungen.
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