Bürgerwissenschaft und Wissenschaftsläden

Plädoyer für eine Annäherung von Wissenschaft und Bürgerschaft durch Initiativen in Schulen, Universitäten und der Forschung

Wie und wodurch kommen Bürgerinnen und Bürger mit Wissenschaft, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Neuigkeiten aus der Forschung in Kontakt? Hier spielt zum einen die Berichterstattung in den Medien eine zentrale Rolle. Oftmals wird aber vergessen, dass bereits im formalen naturwissenschaftlichen Unterricht an Schulen ein wichtiger Grundstein für das Verständnis der Wissenschaften und dem Bild, das man sich von ihnen macht, gelegt wird. Darauf aufbauend sollen weitere Perspektiven und Entwicklungen zum Verständnis des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit vorgestellt werden, so zum Beispiel die Konzeption einer „Bürgerwissenschaft“ (Citizen Science) oder die Initiative der „Wissenschaftsläden“ (Wetenschapswinkels) an Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Immer wieder wird angeführt, dass sich die Wissenschaft zu sehr von der Öffentlichkeit entfernt habe oder dass das Verhältnis zwischen der Wissenschaft und den Bürgern ein gespanntes sei. So werden zum Beispiel in dem im Oktober 2005 erschienen Bericht Science and Society: Rights and Responsibilities des Internationalen Konzils der Wissenschaften (ICSU) verschiedene Problembereiche angeführt, beispielsweise rapide Veränderungen in der Produktion wissenschaftlichen Wissens und der Allianz der Naturwissenschaften mit privaten Sponsoren, ethische Bedenken und neue Risken sowie unvorhersehbare Nebenfolgen durch zügige Fortschritte oder eine allgemeine Unübersichtlichkeit der technischen Innovation in einer globalen Forschungslandschaft. Zudem glauben immer weniger Bürgerinnen und Bürger, dass es den Wissenschaften alleine gelingen kann, die drängendsten Probleme der Menschheit zu lösen. In westlichen Gesellschaften deren Kultur, Ökonomie, Umwelt und Politik zu einem großen Teil durch Wissenschaft und Technik gestaltet und definiert sind wird sich ein gespanntes und problematisches Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft kaum positiv auf die Idee und Durchführung einer nachhaltigen und von allen akzeptierten Zukunftsgestaltung auswirken.

Insbesondere Kinder und Jugendliche scheinen sich zudem immer weniger für Wissenschaft und Technik zu interessieren. Laut des europäischen Berichts Strata-Etan ist die Zahl der Studierenden in den „Basiswissenschaften“ (Physik, Chemie, Mathematik) in Deutschland, den Niederlanden und in Großbritannien in den letzten Jahren um ein Drittel zurückgegangen. Dazu wird in unzähligen Medienberichten lamentiert, dass die naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler beständig abnehmen und die Kinder und Jugendlichen die Naturwissenschaften als zu schwierig oder zu langweilig ablehnen oder als nicht relevant für ihr eigens Leben betrachten.

Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass in der Bundesrepublik – wie auch in anderen europäischen Ländern – der Unterricht naturwissenschaftlicher Fächer im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht obligatorisch ist und vermutlich zu einem großen Teil zu dem (negativen) Bild beiträgt, das Kinder und Jugendliche von Wissenschaft und Technik haben und das sie auch im weiteren Verlauf ihres Lebens nur selten wieder vollständig ablegen werden.

Grund genug einen Blick auf die aktuellen Debatten und Entwicklungen im Rahmen des (natur)wissenschaftlichen Unterrichts zu werfen und darüber nachzudenken welche Rolle der naturwissenschaftliche Unterricht an Schulen im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und damit auch hinsichtlich einer nachhaltigen und partizipativen Zukunftsgestaltung spielen könnte.

In mehreren englischsprachigen Ländern gibt es seit Jahrzehnten Kontroversen darüber, wozu genau der Unterricht naturwissenschaftlicher Disziplinen an den Schulen gut sein soll. Etwas vereinfacht gibt hierzu zwei grundsätzlich unterschiedliche Argumentationsmuster: Zum einen die des naturwissenschaftlichen Unterrichts primär für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Vorbereitung für als die Beschäftigung in Forschung, Industrie und Wirtschaft, also eine vorwiegend berufs- und beschäftigungsorientierte Perspektive. Zum anderen die eines naturwissenschaftlichen Unterrichts der zukünftige Bürgerinnen und Bürger auf die persönlichen und politischen Herausforderungen, Entscheidungen und Belange in von Wissenschaft und Technik durchdrungenen Gesellschaften vorbereitet, also eine eher gesellschaftspolitisch orientierte Perspektive. Das Science Education Forschungsprogramm widmet sich jedoch nicht nur der formalen, sondern auch der informellen Wissenschaftserziehung, wie sie beispielsweise durch Wissenschafts- und Technikmuseen stattfindet.

Die Argumentationslinie, die einen „harten“ und auf wissenschaftlichen Fakten basierenden Unterricht favorisiert, ist vermutlich die älteste. Gründe warum naturwissenschaftliche Fächer an Schulen unterrichtet werden sollen finden sich hier vor allem im Zusammenhang mit wirtschaftlichem Wachstum, globalen Wettbewerb und der Ausbildung technischer Fähigkeiten, die im späteren Arbeitsleben gebraucht werden.1

Aus gesellschaftspolitischer Sicht – so wird in dieser Tradition weiterhin argumentiert – sei es jedoch unabdingbar genügend wissenschaftlichen Nachwuchs zu haben. Denn der wissenschaftliche Nachwuchs sichere die Forschung und mehr Forschung im Lande führe zu Innovationen, Effizienz und somit zur Sicherung von Arbeitsplätzen und der Ankurbelung der nationalen Wirtschaft und somit dem nationalen Wohlergehen und der Sicherung des nationalen Wohlstands. Oft schließt sich an diese Argumentation der Hinweis an, dass es der Forschung bedürfe, um im weltweiten wirtschaftlichen Konkurrenzkampf Schritt halten zu können. Für den naturwissenschaftlichen Unterricht bedeutet dies, dass dieser auf die Bedürfnisse von wissenschaftlicher Aus- und Weiterbildung und die Anforderungen von Wirtschaft und Industrie zugeschnitten werden muss.

Die alternative Argumentationslinie ist mehr partizipatorisch auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und damit inklusiv und integrativ orientiert und befürwortet daher einen breiter angelegten Wissenschaftsunterricht, der nicht nur der beruflichen Aus- und Weiterbildung und ökonomischen Verwertbarkeit einiger weniger dient, sondern stattdessen allen Schülerinnen und Schülern helfen soll, ein Gespür für wissenschaftliches Denken und Herangehensweisen zu vermitteln. In anderen Worten geht es darum, Kinder und Jugendliche zu verantwortungsbewussten Bürgern zu erziehen, die auch hinsichtlich Technik und Wissenschaft Entscheidung zu treffen in der Lage sind.

Wissenschaft und Technik und ihre Folgen umgeben sie tagtäglich in Beruf und Alltag. Politisch wie privat müssen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, die im weitesten Sinne wissenschaftliche oder technische Elemente enthalten, angefangen von der Wahl und den daraus folgenden Konsequenzen des privaten Transportmittels oder der eigenen Ernährung über kosmetische oder medizinische Behandlungen bis zu Referenden auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, bei denen Bürgerinnen und Bürger aufgerufen sind sich an Debatten mit wissenschaftlich-technischen Gehalt zu beteiligen oder darüber mit zu bestimmen, wenn etwa über genetisch veränderte Nahrungsmittel, Energiepolitik oder Stammzellengebrauch in der Forschung Entscheidungen getroffen werden müssen. Deshalb muss der Schwerpunkt des naturwissenschaftlichen Unterrichts – aus der Sicht der Befürworter dieser Argumentationslinie – von einem rein auf Fakten und Formeln basierenden Ansatz auf einen breiteren Ansatz umschwenken, der den zukünftigen Bürgern ein grundsätzlicheres Verständnis der Natur von Wissenschaft und Technik mit auf den Weg gibt.

Diese zweite Argumentationslinie zielt auf die Ausbildung einer so genannten wissenschaftlichen Bürgerschaft, im Englischen „Scientific Citizenship“, ab, also der Ausbildung einer Bürgerschaft, die auch hinsichtlich Wissenschaft und Technik befähigt ist eigene Entscheidungen für das persönliche und gesellschaftliche Wohl zu treffen und dabei nicht auf blindes Vertrauen in Expertokratien, zum Beispiel durch Spezialistenkommissionen und Expertenräte, angewiesen ist.

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