"Büyük Lider" an alle

Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der "Büyük Lider", 2014. Bild: DoD

Per SMS dirigiert der "große Führer" Erdoğan seine Anhänger im In- und Ausland

"Wer ist der Feind? Augenscheinlich jede kritische Stimme gegen Erdoğan und seine Anhänger. Dazu Fahnen, Fahnen, Fahnen und Allahu-Akber-Rufe. Noch nie gab es in der Türkei so eine gefährlich Melange aus Islamismus, Nationalismus und Gewaltbereitschaft!" schreibt die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün aus Köln auf ihrem Facebook-Profil.

Bedrohliche Gemengelage

Diese hochexplosive Mischung braut sich auch in Deutschland zusammen. Nicht erst, aber vor allem seit diesem denkwürdigen 15. Juli 2016, der in der Türkei künftig Nationalfeiertag werden soll. Das teilte der türkische Präsident seinen Landsleuten in einer Handybotschaft mit: "Mein liebes Volk, gib nicht den heroischen Widerstand auf, den Du für Dein Land, Deine Heimat und Deine Fahne gezeigt hast."

Das "liebe Volk" folgte dieser Aufforderung umgehend, z.B. in Artvin, einem Ort in der Schwarzmeerregion, durch den Bau von Panzern auf Pappmaché, wie auf Akgüns Facebook-Seite zu sehen ist.

Am vergangenen Wochenende demonstrierten u.a. in Berlin und Hamburg tausende Menschen für einen demokratischen Wandel, für einen friedlichen Dialog, gegen den Putsch und eine Diktatur Erdoğans, gegen Nationalismus und Islamismus. Letzteres sowohl in der Türkei als auch hier in Deutschland. Die Demonstrationen verliefen weitestgehend störungsfrei. Befürchtete Angriffe seitens türkischer Nationalisten blieben aus.

Bislang bekamen hierzulande diese hochexplosive Gebräu aus Nationalismus und Islamismus alevitische, kurdische und fortschrittliche türkische Organisationen und deren Repräsentant, aber auch Politiker, Journalisten und Anwälte wie z.B. Lale Akgün, der Grünen-Politiker Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland e.V. (KGD), Ali Ertan Toprak, die Linken-Politikerin Sevim Dağdelen, die Anwältin Seyran Ateş und viele andere zu spüren. Das äußerte sich in Hassmails oder Hetze in türkischen Medien, bis hin zu Morddrohungen gegen Cem Özdemir (Ditib und die Drohungen: "Kein Wenn, kein Aber, kein Jedoch"). Anlass war zunächst die Armenien-Resolution im Deutschen Bundestag, die Özdemir und Dağdelen gemeinsam mit anderen türkisch-stämmigen Bundestagsabgeordneten aus den Parteien SPD, die Grünen und Die Linke initiiert hatten.

Perlen des türkischen Nationalismus

So war in der Welt in der letzten Woche zu lesen:

"Seit dem Putschversuch bekommen wir täglich Drohnachrichten und Hassbotschaften", sagt Velican Doğan, Vorsitzender des Bundes Alevitischer Jugendlicher in NRW. "Was für perfide Dreckschweine die Aleviten in Deutschland doch sind"; "Ihr kommt auch noch dran" oder "Wir rotten Euch aus, verbrennen Euch wie 1993" posten User, deren Profilbilder oft die türkische Fahne zeigen. 1993 zündete eine aufgepeitschte Menge in der türkischen Stadt Sivas ein Hotel an, in dem sich die Besucher eines alevitischen Festivals befanden. 35 Menschen starben.

Das zeigt, wie ernstzunehmend solche virtuellen Botschaften durchaus sind. In demselben Artikel heißt es:

Im Visier deutscher Erdoğan-Anhänger stehen auch die Kurden. Seit Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland e. V., vor zwei Wochen in den ZDF-Fernsehrat berufen wurde, läuft gegen ihn eine Hetzkampagne. 'PKK-Terrorist in den ZDF-Fernsehrat gewählt', schrieben einen Tag vor dem Putschversuch die AKP-nahen Blätter. Toprak aber hat die PKK nie verharmlost. Er ist Kurde und Erdoğan-Kritiker.

Und genau das ist der springende Punkt: Er ist Erdoğan-Kritiker!

"Hey moppelchen, wieso bist du nur so hassversessen? deine PKK Freunde werden niemals auf türkischen Boden ihre Flagge hissen!" fragte jemand Sevim Dağdelen auf Twitter. Das zeigt, dass der virtuelle Hass auf Frauen nicht nur bedrohlich ist, sondern auch auf Verletzung ihrer Würde abzielt. Als die Politikerin das einzig Richtige tat, nämlich den Verfasser dieses Kommentars zu blockieren, setzte er noch eins drauf: "jetzt hat das dicke Mädchen mich geblockt ..." (Um dem Hetzer kein Forum zu bieten, wird hier nicht verlinkt).

Grünen-Chef Özdemir äußerte in der Talkshow von Anne Will zum Thema "Putschversuch in der Türkei - was macht Erdoğan jetzt?", dass es für ihn aufgrund der Armenien-Resolution nicht ratsam sei, in die Türkei zu fahren. Auch Seyran Ateş wurde nach ihrem Auftritt bei Anne Will zwei Tage nach dem Putsch in der Türkei mit Hassmails überzogen. Das veranlasste sie zu folgender Stellungnahme:

Liebe Leute,

vor allem diejenigen, die offensichtlich keine Ahnung von ‪Demokratie‬ und ‪Streitkultur‬ haben. Ich kritisiere nicht ‪DIE‬ ‪TÜRKEI‬. Das ist ein Land mit fast 80 Mio Einwohnern. Das kann nicht sprechen. Ich kritisiere in Teilen die aktuellen politischen ‪Machthaber‬ und manche von deren 52% ‪Anhängern‬.

Und zwar, weil ich es nicht gut finde, wenn man seine eigene Meinung nicht äußern darf, wenn sie nicht der Meinung der ‪‎AKP‬ entspricht. Ich finde es nicht gut, wenn sie Menschen bedrohen und verprügeln, weil sie eine andere Meinung haben. Ich sympathisiere also mehrheitlich mit den 48%, die in der Türkei zur ‪Opposition‬ gehören. Natürlich auch hier nicht mit allen. Das ist kein Verbrechen und kein Verrat an der Türkei. Damit bin ich weder automatisch ein Mitglied der ‪PKK‬ noch der ‪Gülenbewegung‬. So einfach funktioniert Demokratie!

Seyran Ateş