Bumerangeffekt

Filesharer und ihre Verfolger - ein fruchtbares Biotop

Eines Tages bemerkte ich, dass meine leere Espressotasse am oberen Rand immer ausgesprochen sauber war. Genau da, wo ich Reste der Créma erwartete, war nichts.

Es dauerte nicht lange, bis ich meinen Kater dabei erwischte, in unbeobachteten Momenten auf den Schreibtisch zu springen und die Créma abzulecken. Im Prinzip hatte ich nichts dagegen und stellte ihm die nächste leere Tasse auf den Boden, damit er nicht wieder auf dem Weg zur Tasse quer übers Notebook läuft. Doch die geschenkten Tassen wollte er nicht, schnupperte nicht mal dran. Eine leere Tasse auf meinem - für ihn verbotenen - Schreibtisch war jedoch weiterhin interessant.

Dahinter steckt ein komplexes psychologisches Phänomen. Es verführt Teenager dazu, ihre Mofas zu frisieren und Erwachsene, am Carfreitag [sic!] an illegalen Straßenrennen teilzunehmen - eine Art des Nonkonformismus.

Psychologen nennen das Phänomen Reaktanz:

Unter psychologischer Reaktanz versteht man eine recht komplexe Abwehrreaktion, die als Widerstand gegen äußere oder innere Einschränkungen aufgefasst werden kann. Reaktanz wird in der Regel durch psychischen Druck (z. B. Nötigung, Drohungen, emotionale Argumentführung) oder die Einschränkung von Freiheitsspielräumen (z. B. Verbote, Zensur) ausgelöst. Als Reaktanz im eigentlichen Sinne bezeichnet man dabei nicht das ausgelöste Verhalten, sondern die zugrunde liegende Motivation oder Einstellung.

(Wikipedia)

Die Anlage dazu tragen wir alle in uns, aber die notwendige, reaktante Grundeinstellung ist bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt, tendenziell wehren wir Menschen uns aber gegen offenesichtliche Versuche, unsere Freiheiten einzuschränken.

Das nutzt die Werbebranche schon längst. Eine Postkarte mit der Beschriftung "Bitte nicht umdrehen" auf den Tisch zu legen, garantiert geradezu, dass sie umgedreht und die Werbebotschaft auf der verdeckten Seite neugierig wahrgenommen wird. Man nennt das auch Bumerangeffekt Auch die Verknappung eines Gutes führt durch Reaktanz zur Aushebelung der normalen Preisbildung, was in der Volkswirtschaftslehre als Binsenweisheit gilt:

Verkäufer wissen diese menschliche Reaktion zu nutzen, indem sie den Anschein erwecken, dass das Produkt limitiert und somit nur für einen begrenzten Zeitraum verfügbar ist. Menschen nehmen die knappe Verfügbarkeit eines Produktes als Einschränkung ihrer Wahlfreiheit wahr, in dessen Folge die bedrohte bzw. verlorene Alternative aufgewertet wird.

Und nicht nur unmittelbare Verbote, sondern auch das Brechen gesellschaftlicher Tabus kann durch diese Abwehrreaktion provoziert werden. Der bekannteste (mutmaßlich) virale Werbespot "Polo. Small but tough" arbeitete exakt so - den Konflikt zwischen Israel und Palästina in der Werbung zu nutzen und auch noch ein Selbstmordattentat zur Pointe zu machen, sorgte erst für die Verbreitung des Spots im Netz.

Reaktanz ist auch ein Erklärungsversuch für viele kleine "Kavaliersdelikte", also Regel- und Gesetzesverstöße, die dem Individuum im konkreten Einzelfall bewusst sind und die Ablehnung einer als unsinnig oder ungerecht "erkannten" Regelung ausdrücken. Das Vordrängeln beim Spurwechsel, wenn man im Reißverschlusssystem eigentlich noch wenige Sekunden warten müsste. Die kreative Uminterpretation beliebiger Postquittungen als "Porto für Bewerbungen" bei der Steuererklärung.

Oder die "Raubmordkopie" der neusten Staffel der Lieblingsfernsehserie, die bislang nur in den USA erschienen ist.

Gerade in der Film- und Fernsehbranche arbeiten die Produzenten gezielt mit der Verknappung von Gütern, indem DVDs in Europa erst zeitverzögert angeboten werden und dank der Regioncodes im DVD-Player eine direkte Bestellung in den USA sinnlos ist.

Dadurch warten die Fans - siehe oben - händeringend auf den Verkaufsstart und sind bereit, höhere Preise zu zahlen, um Besitzer eines der ersten Exemplare zu werden. Theoretisch zumindest, denn bei digitalen Medien, die sich beliebig und verlustfrei kopieren lassen, ist jede Knappheit des Guts ein offensichtlich vorsätzlicher Akt des Produzenten. Sprich: eine vorsätzliche Einschränkung der Entscheidungsfähigkeit des Individuums.

Eine der Triebkräfte hinter dem Filesharing urheberrechtlich geschützter Medien ist in der Tat der Bumerangeffekt. Die Produktionsfirmen enthalten mir die Medien absichtlich vor - das akzeptiere ich nicht und will ich sie jetzt erst recht. Es ist verboten, die gerippten DVDs neuer Serienstaffeln als Torrent zur freien Verfügung zu stellen. Es ist verboten die frisch gekaufte CD zu rippen und die MP3 zu seeden.

Dabei ist es kinderleicht, gegen diese Verbote zu verstoßen. Die Belohnung ist ein doppelter Lustgewinn: Man konsumiert zum ersten die illegal erlangten Medien und setzt sich zum zweiten über eine vorsätzliche Einschränkung des eigenen Handlungsspielraumes hinweg.

"Diese CD dürft Ihr nicht kopieren!" hat werbepsychologisch gesehen eine ähnliche Wirkung wie die Karte mit der Aufschrift "Bitte nicht umdrehen!"

Die Labels warnen und drohen, doch seit Home Taping is killing Music in den 1970ern schafften sie es nur, die Kopiererei eher interessanter zu machen. Bei CDs kam um 2000 herum der Kopierschutz auf - Sonys Rootkit war ein trauriger Gipfel. Doch haben die lächerlichen, teilweise durch Abschalten des Autostarts zu überlistenden Kopierverhinderer erreicht, was die Industrie erhoffte?

Offenbar nicht. Das mittlerweile in Gesetzen manifestierte "Diese CD dürft Ihr nicht kopieren!" hat werbepsychologisch gesehen eine ähnliche Wirkung wie die Karte mit der Aufschrift "Bitte nicht umdrehen!"

Menschen, die durch Filesharing riesige Sammlungen an MP3, Software oder Filmdateien illegal herunterladen und gleich wieder anderen zur Verfügung stellen, tun dies augenscheinlich nicht, weil sie sich diese Musik nicht leisten können, sie aber unbedingt hören wollen. Um diese Medien in ihrer Lebensspanne abzuspielen, müssten sie den Beruf und alle sonstigen Verpflichtungen aufgeben, so umfangreich ist manche Sammlung.

Einige "Extremfilesharer", die ich kennen gelernt habe, erschienen mir wie exzentrische Sammler, die gelegentlich im Boulevardfernsehen portraitiert werden. Deren ganzes Haus aus Vitrinen für Ü-Eier-Figuren oder exotische Gartenzwerge besteht und die vermutlich tot umfallen, wenn sie eines Tages bemerken, dass ihre Sammlung vollständig ist.

Und doch ist der reine Sammeltrieb ist die Ausnahme. Vielmehr hat die Szene als solche ein ganz anderes Selbstbild:

Wir sind Filesharer!
Wir scheissen auf euer Urheberrecht.
Wir scheissen auf eure Gesetze.
Wir scheissen auf euer geistiges Eigentum.
Wir scheissen auf eure Anwälte.
Wir scheissen auf euer Copyright.
Wir sind Filesharer!
Wir scheissen auf eure Vorratsdatenspeicherung.
Wir scheissen auf eure Netz-Sperren.
Wir scheissen auf eure Three Strikes.
Wir scheissen auf euer Notice and Takedown.
Wir scheissen auf eure Razzien.
Wir sind die Filesharer.

Ob authentisches Manifest oder Fake beschreibt dieses anonyme Statement anschaulich den nonkonformistischen Boden, auf dem schon andere Subkulturen wuchsen:

Die dreckigen und schnoddrigen Elemente des Punk Rock wurden hier zum Programm: das Establishment, und damit der Status Quo der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, wurde offen abgelehnt und brüskiert. Die herrschenden Werte [...] wurden durch einen radikalen Nonkonformismus negiert.

(Wikipedia über die Entstehung des Punk)

Die Filesharerszene existiert, weil das, was sie mit urheberrechtlich geschützten Werken macht, weder erlaubt noch erwünscht ist. Sie negiert die Gültigkeit der Normen und Gesetze und verstößt bewusst und offen gegen sie.

Musiklabels haben sich fast ein Jahrzehnt geweigert, die real existierende Nachfrage nach legalen Musikdateien zu befriedigen. Technikaffine Konsumenten wollten seit der Erfindung des tragbaren MP3-Players mit dieser Technologie die Party feiern und haben Musiker dazu eingeladen, aber keiner kam. Und ihre Labels haben per Kopierschutz sogar verboten, dass Musik legal als MP3 abgespielt wird.

Fast alle Maßnahmen der Film- und Musikindustrie gegen die digitale Kopie ihrer Erzeugnisse waren und sind vor diesem Hintergrund exakt kontraproduktiv. Ermittlungen, um Filesharer aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, werden zum Wettkampf. Drohungen in Kinospots und auf Websites sowie entsprechende Kampagnen rufen nur das Verbot immer wieder ins Gedächtnis. Ein Verbot jedoch schränkt die persönliche Handlungsfreiheit ein und und macht den Verstoß schmackhaft:

Es tut mir Leid doch
ich muss leider gestehen
es gibt Dinge auf der Welt
die sind - leider geil.
Auto's machen Dreck,
Umwelt geht kaputt
doch 'ne fette neue Karre is' - leider geil.
Ich knabber' an nem'
Buntstift, Mama sagt 'Lass das!'
doch es entpannt mich - leider geil.

(Deichkind, Leider Geil)

Jede Forderung nach Internetsperren führt zu Methoden, die diese umgehen, jeder Ruf nach Vorratsdatenspeicherung beschert Anonymisierungsdiensten neue Nutzer. Jede internationale Übereinkunft wie ACTA führt zu mitunter utopischen Plänen wie dem Aufbau eines luftgestützten Funknetzes ohne Eingriffsmöglichkeiten durch Regierungen.

Zwar gibt es Aussteiger aus der Szene, die angesichts von Abmahnungen gegen sie selbst oder Bekannte wieder Gartenzwerge sammeln oder sich die Zeit nehmen, die geleechten Blockbuster endlich mal in Ruhe anzuschauen. Inwieweit sich die "Raubkopieszene" in den letzten Jahren in Struktur und Stärke entwickelt hat, kann jedoch niemand in belastbaren Zahlen ausdrücken.

Sehr wohl aber lassen sich die Kulturlobbyisten, nach deren Unkenrufen "das Internet" schon jetzt zu Einbußen in der kulturellen Vielfalt führt, widerlegen. Auch eine pleite gehende Musikindustrie und ein Massensterben von Filmfirmen durch all die "Raubkopien" sind eher nicht zu erkennen.

Haben die "Raubkopieszene" und der legale Markt vielleicht gar keine nennenswerte Überschneidung? Ist das Vorgehen gegen die "Raubkopierer" möglicherweise längst ein Selbstzweck von Schutzvereinen wie der GVU geworden? Sind die einzigen, die echte Vorteile aus dem harten Vorgehen gegen Täter ziehen, am Ende die abmahnenden Anwaltskanzleien?

Hat sich ein Biotop von Jägern und immer raffinierter werdenden Gejagten entwickelt, die sich wie einst NATO und Warschauer Pakt gegenseitig hochschaukeln?

Was, wenn man auf jeden Internetzugang eine Abgabe berechnen und diese als Tantiemen an Musiker ausschüttet, indem man die Anzahl ihrer Songs in Tauschbörsen als Verteilungsschlüssel nähme? Man muss es nicht Kulturflatrate oder Kulturwertmark nennen, die GEMA berechnet ja bereits Gebühren für legale Kopien.

Auf einmal wären die ehemaligen "Raubkopien" legal, niemand würde mehr durch das Tauschen brüskiert und der Nonkonformist im Filesharer zöge keinen Lustgewinn mehr aus dem reinen Tauschen von Dateien.

Eine Legalisierung der Tauschbörsen würde den heutigen P2P-Traffic vielleicht auf das Maß zurückgehen lassen, in dem wir früher auf dem Schulhof Privatkopien von Vinylalben getauscht haben. Eine kontrollierte Form der Privatkopie also, die dank der GEMA-Abgabe auf Leercassetten niemandem mehr schlaflose Nächte bereitet. (Volker König)