Bundesregierung fördert Open Source

Unterstützung des Verschlüsselungsprogramms GPG hat zunächst vor allem symbolische Bedeutung

Werner Koch und seine Mitstreiter können sich freuen: das von dem Düsseldorfer Programmierer koordinierte Open-Source-Projekt GNU Privacy Guard (GPG) soll noch in diesem Jahr eine Finanzspritze des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) in Höhe von rund 250.000 Mark erhalten. Im nächsten Jahr sollen weitere Mittel und Maßnahmen folgen. Die Bundesregierung will damit die Potenziale von Open Source für den Sicherheitsbereich erschließen und erhofft sich von der Förderung eine Signalwirkung.

Kaum zurück im Amt, will Ulrich Sandl, im BMWi für den "Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen und IT-Sicherheit" zuständig, die liberalen Krypto-Eckwerte der Bundesregierung mit Leben füllen. Im Juni war der Referatsleiter beim "Bonner Fenstersturz" aus seiner Privatwohnung fast zu Tode gekommen und lag mehrere Tage im Koma. "Ich hatte Glück gehabt: es war dieselbe Höhe wie bei Rex Gildo", kann Sandl heute wieder scherzen.

Seit dem Unfall hat sich die Lage im Kryptobereich verändert: die USA haben ihre Exportbeschränkungen für Verschlüsselungsprodukte neu formuliert und verlangen von Kryptoherstellern nun "nur" noch, ihre Exportgüter dem Wirtschaftsministerium bzw. der National Security Agency (NSA) zu einer einmaligen "technischen Überprüfung" vorzulegen (Amerikanische Regierung lockert Krypto-Exportbeschränkung). Die Zeiten des "wilden Westen" im Streit um die Verschlüsselung sind damit vorbei, glaubt Sandl.

Die Auseinandersetzungen sind letztlich aber nur subtiler geworden: statt mit der Keule geschlagen wird nun mit dem Florett gefochten. Im Vordergrund steht für das BMWi weiter die Sensibilisierung deutscher Unternehmen, die mit der Plattform Sicherheit in der Informationsgesellschaft der Bundesregierung eingeleitet wurde. In Zukunft dürften aber auch Standardisierungsprozesse im Kryptographiebereich an Bedeutung gewinnen, da über Gremien und Organisationen inzwischen die eigentliche Politik gemacht wird.

Der zweite große Schwerpunkt ist die Förderung von Open-Source-Projekten, von denen sich das BMWi vor allem im Sicherheitsbereich eine größere Transparenz und Verläßlichkeit von Produkten erhofft. "Das Prinzip der Vertrauensförderung durch Risikoverschleierung funktioniert unter den Bedingungen der modernen Informationsgesellschaft immer weniger", unterstützt Olaf Winkel vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster die Pläne. Hersteller, Netzbetreiber und Diensteanbieter, die das Vertrauen ihrer Kunden gewinnen und bewahren wollten, seien gut beraten, sich an den mit Open Source verknüpften Leitbildern der Transparenz und der schnellen Reaktion zu orientieren.

Den schönen Worten will das BMWi gerade nach dem jüngsten Skandal um Microsofts Verschlüsselungsschnittstelle in Windows-Betriebssystemen, die für Kritiker wie Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club eine Hintertür für die NSA enthalten, nun Taten folgen lassen. Die Kernfrage sei, so Sandl, wie sich die Transparenz sicherheitstechnischer Vorgänge verbessern ließe: "Gerade für mittelständische Unternehmen ist es fast unmöglich den tatsächlichen Sicherheitswert eines Verschlüsselungsprodukts zu beurteilen."

Ein wichtiger Ansatz soll die Förderung von GPG darstellen. "Mit dem Konzept von GPG könnte ein Werkzeug geschaffen werden, das als 'public domain'-Software ohne Einschränkungen für alle Benutzerschichten - Behörden, kommerzielle Nutzer und Privatbenutzer eingeschlossen - frei und unentgeltlich verfügbar ist", freut sich Hubertus Soquat, Referent für IT-Sicherheit im BMWi. Die angekündigte Geldspritze soll vor allem dazu dienen, komfortable Benutzerschnittstellen für das bisher noch als "Geek-Spielzeug" verschriehene GPG zu schaffen und Anpassungen für die verschiedenen Betriebssysteme sowie Mailclients zu entwickeln.

Mit einer Broschüre zum Thema "Linux in kleinen und mittleren Unternehmen" will das BMWi außerdem das Open-Source-Betriebssystem als Alternative zu Windows und als Plattform für den Firmeneinsatz promoten. Darin sollen Unternehmensleiter mit der Grundlagentechnologie von Linux vertraut gemacht werden. Als Partner und Sponsor konnte das BMWi den Linux-Distributor LinuxLand gewinnen. (Stefan Krempl)