Bundeswehr plant weiteres großes Drohnenprogramm

Heer und Marine wollen aus dem Desaster der Spionagedrohne "Euro Hawk" lernen. Die zu beschaffenden Drohnen sollen deutschen Zulassungskriterien entsprechen

Die Drohnenpläne der Bundeswehr sind umfangreicher als bislang berichtet. Außer der Beschaffung von milliardenschweren Spionagedrohnen und von bis zu 16 Kampfdrohnen wird der Fuhrpark von Drohnen mittlerer Reichweite komplett erneuert. Schon ab 2018 sollen die neuen Flugroboter einsatzbereit sein. Dann könnte auch die Bundespolizei Interesse anmelden.

Zum Ausgleich einer "Fähigkeitslücke" entwickelt die Bundeswehr ein Nachfolgesystem für die derzeit genutzten kleineren und mittleren Drohnen. Gemeint sind die die Typen LUNA und KZO zur "luftgestützten Aufklärung im Interessenbereich bis 100 Kilometer". Ab dem zweiten Halbjahr 2018 sollen sie durch ein neues System ersetzt werden, bis 2020 könnten dann alle derzeit vorhandenen Drohnen ausgemustert werden.

Die neue Serie wird derzeit noch vorbereitet und trägt die Arbeitsbezeichnung "Hocheffizientes Unbemanntes System zur Aufklärung mittlerer Reichweite" (HUSAR). Es soll sich in das von der Bundeswehr verfolgte "Gesamtkonzept Drohnen" einpassen und die noch zu beschaffenden großen und sehr großen Drohnen im unteren Flughöhenbereich ergänzen. Das "HUSAR"-System soll geltenden Zulassungsrichtlinien entsprechen. Damit will die Bundeswehr ein Desaster wie bei der Spionagedrohne "Euro Hawk" vermeiden (Wir.Drohnen.Deutschland).

Noch unklar ist, ob für "HUSAR" neue Drohnen gekauft, bestehende Drohnen verbessert oder neue Drohnen entwickelt werden sollen. Vermutlich hat die Bundeswehr bereits entsprechende Marktsichtungen durchgeführt, um sich über derzeit verfügbare Drohnen zu informieren. Die verschiedenen Ansätze könnten auch kombiniert werden.

Laut der Publikation einer Lobbyorganisation sind die Anforderungen an das neue System in einem Dokument "Fähigkeitslücke und Funktionale Forderung" beschrieben. Für das Heer wird dort der Begriff "Abbildende Aufklärung in mittlerer Reichweite für bodengebundene Operationen" benutzt.

Als "Kernleistung" werden Flugzeiten von mehr als 12 Stunden verlangt. Die neuen Drohnen sollen Einsatzhöhen von bis zu 6.000 Meter erlauben. Die mittelgroßen Drohnen sollen sich durch "höchste Mobilität und Verfügbarkeit" auszeichnen. Ihre Steuerung soll durch mobile Stationen erfolgen. Diese leicht auf- und abbaubaren Basisstationen sollen auch gegen feindlichen Beschuss gesichert werden.

Das Dokument enthält nur vage Anforderungen zur mitgeführten Aufklärungstechnik. So soll die Nutzlast der Drohnen aus "leistungsfähiger, marktverfügbarer, modularer Multi-Sensorik" bestehen. Denkbar sind optische Systeme, wie sie bereits in den Drohnen des Typs "LUNA" verbaut sind. Vermutlich wünscht sich die Bundeswehr aber auch miniaturisierte Radartechnik mit höherer Auflösung. Die US-Armee hat in ihre Drohnen nach Medienberichten fliegende IMSI-Catcher eingebaut, um Mobiltelefone aus der Luft zu orten.

Wie das Heer will auch die Marine eine "Fähigkeitslücke" zur "Aufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet" mithilfe neuer Drohnen schließen. Im Mittelpunkt steht der "Aufklärungs- und Identifizierungsbedarf" der Korvette K130 auf Hoher See und in den Küstenregionen. Ursprünglich wollte die Marine hierfür Helikopterdrohnen der Firma Schiebel aus Österreich beschaffen, war hiervon aber wegen der schnellen technologischen Entwicklung zunächst wieder abgerückt (Auch Bodentruppen der Bundeswehr wollen größere Helikopter-Drohnen). Vor allem aber haben finanzielle Risiken für den Zulassungsprozess zum Abbruch des Projektes geführt. Angeblich habe der Hersteller nicht alle erforderlichen Unterlagen vorgelegt.

Wohl aus diesem Grund soll auch die neue Marinedrohne mit einer Zulassung der neuen militärischen Luftfahrtbehörde ausgestattet werden können. Dafür muss sie bestimmte Anforderungen erfüllen. Auch soll die Drohne auf den K130 "integrier- und betreibbar" sein. Gemeint ist, dass sie in die kleinen Garagen der Korvette passen muss und beispielsweise während der Fahrt "automatisch" starten und landen kann.

Die weiteren technischen Anforderungen ähneln denen des Heers, allerdings genügt der Marine ein Betrieb von bis zu vier Stunden. Mit der Drohne sollen auch knapp unterhalb der Wasseroberfläche tauchende Soldaten bzw. Wasserfahrzeuge erkannt werden. Dabei könnte es sich auch um Unterwasserdrohnen handeln. Auch Objekte in Küstennähe ("Schnittstelle See – Land") sollen aufgeklärt werden können.

Aufhorchen lässt die Spezifika der "Möglichkeit der zusätzlichen Übertragung von Bild- und Videodaten an ein bodengebundenes Remote Video Terminal". Dabei könnte es sich um die Relaisfunktion für Unterwasserdrohnen handeln, die zur Zeit noch mit dem Problem der geringen Reichweite zu kämpfen haben. Zwar können sich diese weit von den Schiffen entfernen, die Übermittlung ihrer Aufklärungsdaten unter Wasser ist aber begrenzt. Würde die Unterwasserdrohne von einer Flugdrohne begleitet, ließe sich der Einsatzradius beträchtlich vergrößern.

Möglicherweise wird die Marine doch noch Schiebel-Drohnen kaufen. Denn zwar ist offen, ob marktverfügbare Flugroboter beschafft oder aber neue Drohnen entwickelt werden. Denkbar sei aber auch eine "Produktverbesserung in Nutzung befindlicher" taktischer Drohnen. Auch die Marine will im zweiten Halbjahr 2018 über das System verfügen.

Als nächstes könnte auch die Bundespolizei nach größeren Drohnen verlangen. Wie die Marine wurden durch die Bundespolizei See seit 2011 ebenfalls Tests mit Helikopter-Drohnen durchgeführt (Drohnen bald auch für Inlandsgeheimdienst und Bundeskriminalamt?). Wie bei der Marine wurden Starts und Landungen von einem Schiff der polizeilichen Küstenwache geübt.

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