Bundeszentrale für politische Wahrheit?

Eine Behörde des Innenministeriums will Jugendliche vor Verschwörungstheorien warnen - und verfängt sich dabei in Klischees, Halbwissen und Widersprüchen

Ende Juni lancierte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die dem Innenministerium untersteht, eine aufwändige Social-Media-Kampagne, um auf satirische Weise über die Absurdität von Verschwörungstheorien zu informieren. Unter dem Titel "Wahre Welle TV" wurden eine Website, ein YouTube-Kanal und eine begleitende Facebook-Seite gestartet, deren Inhalt im Wesentlichen aus sechs kurzen Videos besteht, die im Stil von TV-Dokumentationen gängige Verschwörungstheorien persiflieren sollen.

Produziert wurden die Videos der "Kampagne zur Erweiterung der Medienkompetenz" in Zusammenarbeit mit der Turbokultur GmbH, einer Firma des Filmemachers Martin Danisch, die sonst für Großunternehmen wie Mercedes oder Netflix Werbespots dreht und außerdem Videoinhalte für den öffentlich-rechtlichen Online-Jugendkanal "funk" bereitstellt. Zielgruppe des Projekts sind laut bpb Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 35 Jahren. In einer Pressemitteilung informiert die Behörde:

Die Website im Stil eines Fernsehsenders gibt vor, über Verschwörungen aufzuklären. Bei genauerem Hinsehen entlarvt sich das Angebot als satirische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und deren absurden und wirklichkeitsverzerrenden Argumentationsmustern. Sechs Filme, die in der Machart von unterschiedlichen Fernsehformaten gehalten sind, stellen die bekanntesten Verschwörungstheorien auf eine skurrile, realitätsferne Art und Weise dar, sodass die fehlende Logik der Verschwörungstheorien klar wird.

bpb

Die Frage, wie aus einer "realitätsfernen" Darstellung eines Sachverhaltes dessen "fehlende Logik" abgeleitet werden kann, konnte ein Sprecher der bpb mir gegenüber nicht klar beantworten. "In einer Überspitzung der monokausalen Denkstrukturen der Verschwörungstheorien", so der Sprecher, "soll deren fehlender Bezug zu multikausalen Ergebnisprozessen, die die Realität prägen, verdeutlicht werden." Ein Problem dabei ist allerdings, dass in den präsentierten Comedy-Videos, etwa zu 9/11, nicht bloß "Denkstrukturen überspitzt" werden, sondern schlicht Fakten verfälscht oder besser gesagt: ignoriert. Dem Gegenüber falsche und absurde Sätze in den Mund zu legen und ihn dafür dann als weltfremd zu kritisieren, erscheint nicht besonders schlüssig oder intelligent, geschweige denn "aufklärerisch".

Unklar bleibt auch, wie der Begriff Verschwörungstheorie von der bpb überhaupt definiert wird, insbesondere in Abgrenzung von der legitimen Äußerung von politisch abweichenden Ansichten und Zweifeln an etablierten Sichtweisen. Der Sprecher beantwortete diese Frage mit einem simplen Link auf das Buch "Nichts ist, wie es scheint - Über Verschwörungstheorien" des Tübinger Amerikanistik-Professors Michael Butter. Aus dessen Thesen habe die bpb "die Nutzbarmachung des Begriffes 'Verschwörungstheorie' maßgeblich abgeleitet". Konkreter wurde man leider nicht. Das ist vor allem deshalb brisant, weil Butter selbst sich in diesem Buch um eine klare Definition des Begriffes herummogelt.

Aber auch ganz unabhängig von solchen logischen Brüchen und Pauschalisierungen bleibt es unverständlich, was die Behörde glauben lässt, Menschen zu erreichen und für Medienkompetenz zu sensibilisieren, wenn man sich doch mehr oder weniger darauf beschränkt, die vermeintlichen Sichtweisen (oder auch nur Fragen) dieser Menschen lächerlich zu machen und abzuwerten. Deutlich wird vielmehr eine missionarisch anmutende Selbstgewissheit, "die Wahrheit" zu allen wesentlichen Fragen bereits zu kennen - obgleich man genau das in einem Projekttext dementiert ("es gibt nicht die eine Wahrheit") und es im Gegenteil sogar zum Merkmal der kritisierten "Verschwörungstheoretiker" erklärt: "Verschwörungstheoretiker sind meist felsenfest davon überzeugt, die Wahrheit zu kennen."

In der Kampagne der bpb werden Themen wie 9/11, Chemtrails, Antisemitismus, Reptiloide, "Flache Erde", "Lügenpresse" und "Islamisierung" sehr bunt und aufmerksamkeitsheischend miteinander verrührt. Gesellschaftlich relevante Debatten, wie zum Misstrauen gegenüber den Leitmedien oder zu den Zweifeln an der amtlichen Darstellung des "War on Terror", werden somit weitgehend beliebig mit geisteskranken Wahnideen von Splittergruppen vermengt - eine in den Medien seit Jahren beliebte Methode im Umgang mit den sogenannten "Verschwörungstheorien". Dass nun auch eine Bundesbehörde mit amtlichem Bildungsauftrag in solch trübem Fahrwasser schwimmt, erscheint als neue Stufe der Verwirrung beziehungsweise Desinformation.

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