Bure - erstes Atomendlager Europas?

Im ostfranzösischen Bure soll Atommüll bis zu 100.000 Jahre gelagert werden

Auch deutsche Forscher unterstützen das Projekt. Dagegen sind deutsche und französische Atomkraftgegner - sie demonstrieren nächste Woche gemeinsam gegen den Castor und Endlagerstätten.

Nächste Woche soll zum 13. Mal ein Castortransport von Frankreich nach Gorleben rollen. Atomkraftgegner aus beiden Ländern protestieren gegen die Endlagerpolitik ihrer Regierungen. Im französischen Ort Bure könnte nun tatsächlich Europas erstes Endlager entstehen. Während um den Standort Gorleben seit Jahrzehnten heiß gestritten wird, erforscht die französische Entsorgungsagentur Andra seit 1999 relativ ungestört im lothringischen Ort Bure den Untergrund. Die Atomkraftnation Frankreich sucht ebenso wie Deutschland händeringend nach einem geeigneten Endlager.

Bure ist derzeit die Hoffnung der französischen Atomwirtschaft: In dem Ort, der rund 150 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt ist, soll das erste Endlager für Atommüll entstehen. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht, da die französische Regierung derzeit keine Alternativen hat und der Berg an Atommüll jeden Tag wächst. In Frankreich sind dies laut Schätzungen rund zwei Kilogramm pro Jahr und Einwohner - davon ist allerdings nur ein kleiner Teil hochradioaktiv und rund 80 Prozent werden wieder aufbereitet. Bure hat als Endlager laut Befürwortern entscheidende Vorteile: Das Tongestein soll sich besonders gut eigenen und in der strukturschwachen Region hofft man auf wenig Widerstand der Anwohner.

Die französische Entsorgungsagentur Andra (Französische Agentur für die Verwaltung von radioaktiven Abfällen) untersucht dort seit 1999 den Untergrund und hofft ab 2012 auf eine weitere Genehmigung der Regierung. Die gilt als ausgemacht, da viele Standorte in den letzten Jahren aufgrund lokaler Proteste aufgegeben werden mussten.

Das Tongestein unter Bure eigne sich für eine Endlagerung von angeblich bis zu 100.000 Jahren - so lange bis das strahlende Material keine Gefahr mehr darstellt. Die Entsorgungsagentur hat in 500 Meter Tiefe Stollen angelegt, von denen die Lagerröhren abgehen sollen. Derzeit befinden sich dort die Forschungslabore, in denen auch deutsche Wissenschaftler arbeiten.

Das Netz aus Tunneln und Lagerräumen soll unterirdisch eine Strecke von 200 Kilometer umfassen. Ziel ist es, das strahlende Material gut zu verschließen aber notfalls auch wieder aus Bure herausholen zu können. Denn nach französischem Gesetz muss der Prozess der Einlagerung rückgängig gemacht werden können, sollte es doch zu Komplikationen kommen. Umweltschützer bezweifeln allerdings die "Rückholbarkeit" von einmal eingelagerten Atommüll.

2017 soll mit dem Bau der unterirdischen Lagerstätten begonnen werden. Schon 2025 soll der erste Atommüll nach Bure kommen. Ob der Zeitplan eingehalten wird, ist aber fraglich, da es nicht nur immer mehr Protest aus den Nachbargemeinden, sondern auch technische Probleme gibt. So sprechen Kritiker von Rissen, die sich in der Tonschicht bilden könnten.

Das Forschungsinstitut für Energie und Umwelt (l‘Institut pour la recherche sur l‘énergie et l‘environnement, IEER) hat im März diesen Jahres die Forschungen von Andra bewertet und kam zu dem Schluss, dass die Untersuchungen in Bure nicht ausreichen würden, um den Standort zum Endlager zu erklären. Es gebe viele ungeklärte Fragen, denen bis jetzt nicht nachgegangen wurde, wie beispielsweise Hohlräume im Gestein, Trinkwasseradern, Feldspalten und die Reaktion des Gesteins auf die Wärme der radioaktiven Behälter.

Auch die Bundesanstalt für Geowissenschaften unterstützt die Forschungen in Bure: Deutsche Forscher, die vor Ort sind, wurden bis jetzt mit rund 2,4 Millionen Euro gefördert. Das schreibt die Bundesregierung in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Fraktion Die Linke. Die französische Regierung gibt etwa 16 Millionen Euro pro Jahr für das Forschungsvorhaben aus und hat allein 375 Millionen in die Errichtung der Anlage in Bure investiert.

Ganz in der Nähe der Endlagerstätte hat Andra schon einmal damit begonnen, für Atomkraft zu werben: In einer Ausstellung "Die Radioaktivität von Homer bis Oppenheimer" soll die Bevölkerung auf ihren neuen Standort eingestimmt werden. In der Region des Endlagers wohnen allerdings nur fünf Einwohner pro Quadratkilometer. Die Bürgerinitiative "Bure zone libre" hat immerhin an die 500 Mitglieder und erhält Unterstützung von der Antiatombewegung. Dennoch fehlt der Anwohnerprotest.

Gerüchten zufolge sollen die wenigen "Nachbarn" des Standortes mit Geld ruhig gestellt worden sein. Der Zeitplan von Andra sieht vor, ab 2013 eine "öffentliche Debatte" über den Standort zu führen. Doch auch dahinter wittern die Atomkraftgegner nur eine weitere Scheindiskussion, die, so der Vorwurf, kaum Platz für wirkliche Argumente oder gar ein Mitspracherecht der Bevölkerung zulassen wird.

Am 24. November rufen französische und deutsche Atomkraftgegner wieder zum Protest gegen den 13. Castortransport auf, der in der Wiederaufbereitungsanlage La Hague in der Normandie starten und nach Gorleben fahren wird. In Valognes, einer Stadt nahe La Hague, soll ab 22. November ein Anti-Castor-Camp stattfinden. Entlang der Castorstrecke, die von französischen Atomkraftgegnern schon vorab ins Netz gestellt wurde, soll es dann bis ins Wendland Proteste geben.

Ob sich das deutsche Atommüllproblem irgendwann mit der Eröffnung vom Endlager Bure erledigt haben könnte, muss bezweifelt werden. Derzeit gehen die Betreiber trotz Beteiligung deutscher Wissenschaftler an der Erkundung des Standortes davon aus, dass dort ausschließlich französischer Atommüll endgelagert wird. Die deutsche Regierung muss also weiter suchen und ein Ende der Proteste ist auch trotz Atomausstieg nicht abzusehen.

Kommentare lesen (128 Beiträge)
Anzeige