Burka-Verbot: Die vollverschleierte Debatte

Afghanische Frauen, die eine Burka tragen. Bild: USAID.gov

Von Frauenemanzipation bis Terrorabwehr: Um kaum etwas wird derzeit so leidenschaftlich diskutiert, wie um ein Verbot der Burka. Noch eines fehlt der Debatte: Fakten. Hier sind ein paar davon

"Gesichtsschleier" wäre die deutsche Entsprechung. Aber das arabische Wort "Burka" wörtlich zu übersetzen, würde der Bedeutung, die der islamischen Vollverschleierung derzeit in Deutschland beigemessen wird, nicht gerecht. Von Emanzipation über Bewahrung der demokratischen Diskussionskultur bis hin zur Terrorabwehr reichen die Argumente, die Befürworter eines Verbots derzeit hervorbringen.

"Die Burka ist ein Käfig aus Stoff", sagte Berlins Innensenator und CDU-Landesvorsitzender Frank Henkel am Freitagmorgen im Morgenmagazin von ARD und ZDF und bekräftigte die Forderung der CDU/CSU-Innenminister nach einem Verbot des Gesichtsschleiers. Unter der Überschrift "Wir wollen das Burka-Verbot" fährt die BILD gleichzeitig gleich mehrere prominente Burka-Gegner auf. Der ehemalige SPD-Bürgermeister von Neukölln schreibt dort zum Beispiel: "Die Frau ist das Eigentum des Mannes, die niemand anders sehen darf. Das ist finsterstes Mittelalter, das Gegenteil von Selbstbestimmung. Das Burka-Verbot zeigt, was bei uns geht und was wir ächten."

An meinungsstarken Positionen zum islamischen Schleier mangelt es dieser Tage also nicht. Was anderes sucht man in der Debatte um die Burka hingegen vergeblich: Fakten. So kann zum Beispiel niemand auch nur ungefähr sagen, wie viele muslimische Frauen in Deutschland ihr Gesicht überhaupt mit dem arabischen Niqab oder der afghanischen Burka verschleiern.

"Uns liegen jedoch keine Statistiken über das Tragen von Burkas in Deutschland vor", ist die Antwort der Pressesprecherin Edith Avram vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Zwar erfasse das Am "das Alter, die Religionszugehörigkeit und ethnische Zugehörigkeit von Flüchtlingen", Informationen zum Tragen von Schleiern liegen aber nicht vor.

Auch in anderen Bundesbehörden sucht man vergebens nach konkreten Zahlen. Im Dezember 2015 hatte der Grünen-Bundestagsabgeordneten Özcan Mutlu bei der Bundesregierung nachgefragt. Zu dieser Zeit hatten führende Unionspolitiker wie Julia Glöckner ein Verbot des Schleiers gefordert. Doch auch er erhielt die Antwort: "Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse über die Anzahl von Burkaträgerinnen in Deutschland vor."

Aus Sicht der Bundesregierung, in deren Reihen sich immer mehr Politiker für ein Verbot der Burka stark machen, ist es wahrscheinlich sogar besser sich ahnungslos zu geben. Denn fragt, man bei Imamen, Verkäuferinnen von islamischen Boutiquen oder afghanische Vereinsvertreter und damit bei Leute, die sich mit Fragen islamischer Schleier auskennen, bekommt man stets dieselbe überraschende Antwort: Es gibt in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit keine einzige Muslimin, die die afghanische Burka trägt.

"Ich lebe seit 1969 in Deutschland, seit 1985 bin ich mit Afghanistan beschäftigt, seit 1997 bin ich im diplomatischen Dienst. Ich habe in dieser Zeit keine einzige Frau in Deutschland gesehen, die eine Burka trägt", sagt Abed Najib, der für die afghanische Botschaft arbeitet. Und Najib wird noch deutlicher: "In Deutschland trägt niemand die Burka."

Zum selben Urteil kommt auch Ingeborg Baldauf. Die Burka komme "außerhalb ihres Ursprungsgebiets nicht vor", sagt die Professorin am Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität Berlin und Afghanistan-Forscherin. Einer der Gründe: Für viele Frauen sei die Burka schlicht zu unpraktisch und altmodisch. Fromme Musliminnen trügen außerhalb Afghanistans in der Regel nicht Burka, sondern Niqab.

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