COVID-19: Das resistente Kind - ein Trugschluss?

Neuere Untersuchungen bieten Ansätze zu einem fehlenden Puzzlestück im COVID-19-Bild - Jugendmediziner fordert: "Wir müssen mehr an unsere Kinder denken"

Kinder, auch sehr kleine Kinder, können COVID-19 entwickeln. Viele von ihnen, einer Münchner Studie zufolge beinahe 50 Prozent, zeigen keine Symptome. Diejenigen, die am Virus erkranken, neigen zu milderen Symptomen wie leichtes Fieber, Müdigkeit und Husten. Bei einigen Kindern traten jedoch auch schon schwere Komplikationen auf.

Die Situation von Kindern während der Pandemie und ihre Rolle als Infektionsüberträger sind nicht gut erforscht. Daran hängen einige kontrovers diskutierte Fragen, wie zum Beispiel diese: Sind Kinderbetreuungsstätten wie Kindergärten, Krippen oder Grundschulen ein größeres Potenzial für die unkontrollierte Ausbreitung von Corona, als bislang offiziell dargestellt? Die Klärung der Rolle von Kindern als Überträger der Infektion könnte auch helfen, die Situation in den Familien besser einzuschätzen. Das wäre gerade jetzt angebracht, wo die Politik mit dem Weihnachtsfest jongliert und Familien mit Kindern nicht durch harte Ansagen verprellen möchte.

Mehr Virus heißt nicht: Schwerere Symptome

Frühe Studien legten nahe, dass Kinder nicht viel zur Verbreitung des Coronavirus beitragen. Neuere Studien nähren jedoch Bedenken, dass Kinder sehr wohl in der Lage sein könnten, die Infektion weiter zu verbreiten. Bei infizierten Kindern sind hohe Virenmengen nachgewiesen worden; was die Besorgnis verstärkt, dass Kinder - auch solche ohne Symptome - die Infektion leicht auf andere übertragen können. Infizierte Kinder hatten jüngeren Untersuchungen zufolge genauso viele oder mehr Coronaviren in ihren oberen Atemwegen wie infizierte Erwachsene. Die bei Kindern gefundene Virusmenge - ihre Viruslast - war dabei nicht mit dem Schweregrad ihrer Symptome korreliert. Mit anderen Worten: Mehr Virus bedeutet nicht schwerwiegendere Symptome.

Dadurch kann das Bild, das wir vom resistenten Kind während der Coronakrise entwickelt haben, absolut trügerisch sein.

Die Studie "COVID Kids Bavaria" etwa soll diesen und weiteren Fragen nachgehen. Dazu gehören auch weiter gefasste Fragen der Kindergesundheit, zum Beispiel zu den Auswirkungen der Pandemie auf das psychische Befinden der Kids (durch ihre Isolation während des Lockdowns) oder die medizinische Behandlung speziell von Kindern. Im Rahmen der Bavaria-Studie ermitteln die Kinderkliniken der sechs Bayerischen Universitätskliniken bis Februar 2021 gemeinsam an 150 Kinderbetreuungseinrichtungen und Grundschulen im ganzen Freistaat, wie viele Kinder infiziert sind und ob sie Symptome aufweisen.

Kinderbetreuungseinrichtungen: Horte für die Ausbreitung?

Die Auswertung der Daten soll bis Ende März 2021 abgeschlossen sein. Zentrales Anliegen der Studie ist es herauszufinden, inwieweit Kinder in Kinderbetreuungseinrichtungen und in der Grundschule ein erhöhtes Risiko darstellen, Überträger für eine Ausbreitung des Coronavirus zu sein, und wie man dem entgegenwirken kann. Die Teilnahme ist freiwillig; um sich über Infektionszahlen und Symptomatik ein möglichst breites Bild zu verschaffen, sind die Mediziner auf die Mithilfe der Eltern angewiesen. Die Probenentnahmen erfolgen stichprobenartig und werden bei Kindern im Alter von einem bis zehn Jahren sowie bei Lehrern und Erziehern vorgenommen.

Die Langzeit-Studie richtet damit den Blick gezielt auf einen bislang kaum unter die Lupe genommenen Aspekt der Corona-Blackbox. Sie soll die Öffnung von Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen wissenschaftlich begleiten, das Infektionsgeschehen gezielter erfassen und lokale Infektionsausbrüche möglichst schnell identifizieren.

Eine Ende Oktober veröffentlichte Studie des Helmholtz-Instituts lässt unterdes begründeten Zweifel an den offiziell gebrauchten Standards zu COVID-19 und Kindern aufkommen. Das Institut in München fördert in seiner Analyse eine hohe Dunkelziffer bei Infektionen unter Kindern zutage. Getestet wurden fast 12.000 Kinder und Jugendliche zwischen einem und 18 Jahren im Zeitraum Januar 2020 bis Juli 2020 auf SARS-CoV-2-Antikörper.

Dabei zeigte sich: Im Vergleich zu den vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) gemeldeten Corona-Fällen bei Kindern lag die Antikörperhäufigkeit bei der Testgruppe für denselben Referenzzeitraum zum Teil sechsfach höher.

Symptomfreiheit - ein Problem

47 Prozent der Kinder mit Antikörpern hatten keine Symptome. Die Symptomfreiheit der Hälfte dieser Kinder und Jugendlichen stellt demnach eine besondere Herausforderung bei der Einschätzung des Infektionsgeschehens dar. Da viele Personen, bei Kindern knapp die Hälfte, keine Covid-19-typischen Symptome entwickelten, würden sie nicht getestet, so Markus Hippich, Mitarbeiter am Helmholtz Zentrum München. Die Ergebnisse deuten den Studienautoren zufolge übrigens auf keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin, es trifft also Jungen und Mädchen etwa in gleichem Maße.

Interessant auch hier der Blick auf die Situation der Familien. Hier belegt die Helmholtz-Untersuchung, dass rund ein Drittel der Kinder, die mit einem Familienmitglied zusammenlebten, welches positiv getestet wurde, Antikörper aufwiesen (35 Prozent). Die Übertragung bei Kindern mit virus-positiven Familienmitgliedern ist demnach beträchtlich und bringt etwas Licht in die bislang wenig beachtete Lebensrealität. Anders gesagt, die Diskrepanz zwischen gemeldeten Virusinfektionen und Antikörperaufkommen muss dringend neu evaluiert und bewertet werden. Hier schwebt die Politik immer noch über den Köpfen der Menschen. (Arno Kleinebeckel)