Cahora Bassa: Ein Staudamm im Wandel der Zeit

Steht die koloniale Erblast vor einem Besitzerwechsel?

Mosambik, das am 25.6.1975 seine Unabhängigkeit von Portugal erlangte, betreibt mit Cahora Bassa das größte Wasserkraftwerk im Süden Afrikas. Das Überbleibsel aus den Kolonialzeiten von Portugiesisch-Ostafrika hat schwierige Zeiten hinter sich, und seine Zukunft bleibt vorerst ungewiss. 1997 wurde Mosambik von den Vereinten Nationen zum ärmsten Land der Erde gekürt. Mittlerweile bestreiten die verschiedensten ausländischen Investoren 60% des Staatshaushalts, und die Weltbank spricht von einer Erfolgsgeschichte – Lichtjahre entfernt von Angola.

Die Gegend um Cahora Bassa (zu Kolonialzeiten Cabora Bassa genannt), 100 Kilometer stromaufwärts von der heutigen Provinzhauptstadt Tete, war zwischen dem 17.-und 19. Jahrhundert der Endpunkt der Stromauf-Reisen auf dem Sambesi. Händler und andere Reisende mussten hier die sklavengetriebenen Ruderboote verlassen; Stromschnellen und Wasserfälle machten eine Weiterreise auf dem Flusslauf unmöglich. Die Boote konnten nur noch zurück treiben, und die Mühsal der Arbeit der Sklaven fand in Kebrabassa (Chewa: „das Ende der Arbeit“) ihren Schlusspunkt – daher vermutlich der Ursprung des Wortgebildes „Cahora Bassa“.

Der Staudamm Cahora Bassa in Mosambik – das größte jemals von Portugal projektierte hydroelektrische Bauwerk. Hier ist alles groß – die Dimensionen, die Auswirkungen auf die an den Sambesi angekoppelten Ökosysteme (wie die Folgen der Unterbrechung des natürlichen Rhythmus von Dürre- und Überschwemmungsperioden), die Möglichkeiten für Mosambik und seine Nachbarländer – bis hin zu den mit dem Betrieb verbundenen politisch- finanziellen Schwierigkeiten. Bild: HCB

Der Staudamm Cahora Bassa war Bestandteil eines Plans zur landwirtschaftlichen, energetischen, und geologischen Entwicklung des Sambesi-Beckens, der zwischen 1957 und 1965 im Lissabonner Übersee-Ministerium (Ministério do Ultramar) entworfen wurde. Die Baumaterialien wurden vom Hafen Beira auf 750 beschwerlichen Kilometern ins Landesinnere transportiert – bis zum Dorf Songo, dem Basislager von Cahora Bassa. Die Versorgungslinien wurden häufig von FRELIMO-Rebellen angegriffen. Da die Staumauer noch immer als potentielles Sicherheitsrisiko gilt, ist sie weiterhin von Minenfeldern umgeben; Zugang ist nur nach Genehmigung durch die Behörden möglich.

Auf dem Höhepunkt der Konstruktionsmaßnahmen arbeiteten dort mehr als 7.000 Menschen – 5.000 Mosambikaner und mehr als 2.000 Europäer. Das federführende ZAMCO-Konsortium bestand aus deutschen (Siemens, Hochtief, AEG Telefunken, BBC), französischen, italienischen, eidgenössischen sowie südafrikanischen (ESKOM) Unternehmen. Die Beteiligung deutscher Firmen löste in Deutschland zu Beginn der 1970er Jahre zahlreiche Proteste aus.

Cahora Bassa staut mit dem Sambesi den längsten Fluss im Süden Afrikas an und kann mehr als 2.000 MW an Leistung erzeugen. Es war von vorneherein für die Versorgung Südafrikas mit billigem Strom bestimmt. Südafrika bezieht heute ca. 60% des erzeugten Stroms (29% fließen – deutlich teurer - nach Simbabwe). Für die 1.420 Kilometer lange Strecke nach Johannesburg wurde zur Vermeidung von Verlusten bei der nutzbaren elektrischen Leistung eine Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Trasse gebaut; Siemens setzte hier erstmalig auf Thyristoren als Stromrichterventile.

Die Betreibergesellschaft Hidroeléctrica de Cahora Bassa (HCB) begann 1978 mit der Erzeugung von Elektrizität. 1981 unternahmen RENAMO-Milizen erste Sabotageakte an den Übertragungsleitungen, deren Intensivierung 1985 im vollständigen Zusammenbruch der Stromversorgung gipfelte. Nach Beendigung des Bürgerkriegs im Jahre 1992 mussten fast sämtliche Hochspannungsmasten ersetzt oder zumindest generalüberholt werden. Erst am 1.8.1998 konnte die Belieferung Südafrikas mit voller Leistungsfähigkeit wieder aufgenommen werden.

Portugal hält noch immer 82% der Anteile an der Betreibergesellschaft HCB – die restlichen 18% gehören zu Mosambik. Mit der Unabhängigkeit Mosambiks im Jahre 1975 wurde angestrebt, dass nach Abzahlung der mit dem Bau verbundenen Schulden an Portugal die portugiesischen Anteile an Mosambik übertragen werden. Das ist bis heute nicht geschehen.

Bisher führte jede portugiesische Regierung die (vor zwei Jahren erneut geschätzte und umstrittene) Schuldenmenge von ca. 3 Milliarden Euro als Haupthindernis für eine Einigung an. Die Schulden stammen hauptsächlich aus den Wartungsmaßnahmen der Dammanlage, der Instandsetzung zerstörter Leitungen sowie Krediten für die HCB. Dieses Hindernis ist direkt mit einem weiteren Hemmschuh verbunden: dem jahrelangen Beharren des südafrikanischen Stromkonzerns ESKOM auf den 1969 vertraglich zwischen Portugal und Südafrika festgelegten, extrem niedrigen Strompreisen (1988 gab es eine den Währungsschwankungen geschuldete Anpassung). Dieser Sachverhalt verwies eine zumindest teilweise Rückzahlung der Schulden aus eigener Kraft in den Bereich des Aussichtslosen.

Die angesetzten trilateralen Verhandlungen zwischen Mosambik, Portugal und Südafrika scheiterten stets fruchtlos; selbst die Übertragung der Regierungsverantwortung an Nelson Mandela brachte nicht den erhofften Durchbruch. So lieferte Mosambik über Jahre hinweg – vertraglich verankert – den weltweit billigsten Strom. 2002 wurde die HCB der sturen ESKOM- Haltung überdrüssig und nahm Südafrika kurzerhand vom Netz. 2004 schließlich musste ESKOM einen höheren Preis akzeptieren – dieser stieg von 2 auf ca. 7,26 (südafrikanische) Cents pro Kilowattstunde und liegt damit immer noch unter den Erwartungen der HCB. Ein Druckmittel der ESKOM war stets der Verweis auf die Energieüberschüsse Mosambiks, die woanders keinen Absatz finden würden.

Der durch die Staumauer bei Cahora Bassa gebildete, rund 250 Kilometer lange See hat eine Fläche von ca. 2.700 Quadratkilometern; sein Speichervermögen wird auf 65 Milliarden Kubikmeter Wasser geschätzt. Die traditionelle Fischerei nach Kapenta (Tanganjika- Sardine) aus der Familie der Heringe sieht sich mittlerweile einer Fischerei im Groß-Maßstab gegenüber. Kapenta und andere pelagische Fischbestände werden dadurch zunehmend von Überfischung bedroht. Dutzende Fangschiffe, vor allem aus Simbabwe, kommen über die Grenze und gehen illegal auf Fischzug - nachdem schon die Fischbestände im Kariba-Stausee in Simbabwe stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Bild: Radio Bridge Overseas Trust

Auch der Süden Mosambiks erhält Strom von Cahora Bassa – ein Re-Import über den Umweg Südafrika –, allerdings zu einem, verglichen mit der mosambikanischen Stromausfuhr nach Südafrika, stark überhöhten Preis, der eine Mietzahlung für die Nutzung der Hochspannungsleitung an ESKOM beinhaltet.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit maß die neue Regierung in Maputo dem Sambesi-Tal keine größere Bedeutung für die Entwicklung des Landes bei – eine Fehleinschätzung, die erst 1996 revidiert wurde. Jetzt dient das „Kabinett des Sambesi-Tals“ den „großen sozialen und ökonomischen Zielen der Regierung“.

Cahora Bassa-Stausee, EOSAT- Aufnahme (Ausschnitt). Der Sambesi-Zufluss befindet sich im linken Bildteil; rote Flächen entsprechen dichter Vegetation im Uferbereich. Bild: NASA

Im August letzten Jahres wurde eine Umspannstation in Cuamba eingeweiht: Strom von Cahora Bassa ist nun auch in der nördlichsten Provinz des Landes, in Niassa, verfügbar. Dieses (Teil-)Projekt zur Elektrifizierung des Nordens des Landes wurde mit 45 Millionen US-Dollar von der norwegischen NORAD- und schwedischen SIDA- Entwicklungsbehörde gefördert. Vorher nutzte man dort Dieselgeneratoren zur Energiegewinnung. Künftig werden weitere Regionen an das Stromnetz angeschlossen.

Doch Mosambiks Wirtschaftswachstum verlangt mehr. Wird nicht in neue Energieprojekte investiert, drohen ab 2007 Engpässe. Neue Aluminiumhütten in Beira und Maputo sowie ein Bergbauprojekt zur Titan-Gewinnung in der Gaza-Provinz erfordern Elektrizität, die gegenwärtig auch nicht aus den Nachbarländern geliefert werden kann. Aluminium ist seit 2001 wichtigstes mosambikanisches Exportgut – gefolgt von Elektrizität). Fieberhaft wird für den Süden Afrikas nach neuen Energiequellen gesucht. Erdgas könnte eine Lösung sein, doch dass größte Energiepotential liegt im Kongo-Becken. Die bereits projektierten Staudämme der Demokratischen Republik Kongo mit geschätzten insgesamt 100,000 MW Leistung könnten die Energieprobleme der Region für die nächsten Jahrzehnte lösen – wenn die benötigte Investitionssumme von mehreren Milliarden US-Dollar aufgetrieben wird.

In Mosambik sind am Sambesi zehn Staudämme mit einer geschätzten Kapazität von 50 Millionen Kilowattstunden pro Jahr geplant – Umweltschützer warnen neben der ökonomischen Fragwürdigkeit vor den üblichen Begleitschäden.

70 Kilometer flussabwärts von Cahora Bassa z.B., bei Mepanda Ncua (Mpanda Úncua), soll ein neuer Staudamm entstehen. In der Umgebung wurden große Kohlelagerstätten sowie andere Bodenschätze entdeckt. Doch der Baubeginn dieses ebenfalls noch aus Kolonialzeiten stammenden Projekts wurde auf Eis gelegt – erst muss eine Lösung für das Cahora-Bassa-Problem gefunden werden.

Der ehemalige portugiesische Präsident Mário Soares sieht nun die Zeit gekommen, um zu einer schnellen Lösung zu finden und die Kontrolle von Cahora Bassa vollständig an Mosambik zu übergeben.

Cahora Bassa-Stausee 1990, aufgenommen von Landsat 5. Bild: United States Department of Agriculture/ NASA

Doch angesichts anderer Interessenten erscheint dieses Ansinnen fraglich. Erst kürzlich wurde bekannt, dass chinesische Geschäftsleute unter Führung des Glücksspiel-Tycoons Stanley Ho portugiesische Anteile an HCB kaufen wollen, wenn diese im Rahmen der angestrebten Problemlösung veräußert würden. Ursache ist sicher nicht nur die bei jeder Gelegenheit zur Schau gestellte brüderliche Freundschaft zwischen Mosambik und China. Vielmehr machten die Chinesen klar, dass sie neben HCB auch in die Erschließung sämtlicher Reichtümer des Sambesi-Tals investieren wollen.

Hier droht ein weiterer Interessenkonflikt, denn Mosambik hat auf Anraten der International Finance Corporation das Moatize- Projekt zur Erschließung der riesigen Kohlevorkommen in der Provinz Tete bereits an den brasilianischen Bergbauriesen Companhia Vale do Rio Doce (CVRD) vergeben. Dieses Projekt ist mittel- bis langfristig das größte in Mosambik – mit einer veranschlagten Investitionssumme von ein bis zwei Milliarden US-Dollar. Andere von der Weltbank unterstützte Projekte betreffen die Wiederbelebung bzw. den Aufbau von Schienennetzen; z.B. fließen 110 Millionen US-Dollar in den Beira- Schienenweg.. Eine umfassende Stärkung des Privatsektors bei Wiederaufbau, Betrieb und Management der Eisenbahn ist im Projektpapier festgeschrieben. Nach Fertigstellung können dann die Reichtümer des Landes bequem zum Hafen von Beira abtransportiert werden.

Fast möchte man meinen, dass die Globalisierung nahtlos dort anknüpft, wo die Kolonialherren einst aufhören mussten. (Bernd Schröder)

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