Calais: Der Krieg der Schleuser

Sicherheitszaun in Calais. Bild: VOA, gemeinfrei

Der Gewalt unter Migranten aus Afghanistan und Eritrea liegt angeblich ein mafiaähnlicher Machtanspruch von Schleppern zugrunde und das Phänomen, dass Calais für viele Migranten die letzte "Hoffnungsstation" ist

Die Härten in Calais suchen ihresgleichen. Nachrichten aus der französischen Hafenstadt hören sich an wie Berichte aus einer Kriegszone. Der Spiegel meldet am Freitagmittag, den 2.Februar:

Sie gingen mit Eisenstangen aufeinander los, Schüsse fielen: Bei Massenschlägereien unter Migranten in der französischen Stadt Calais sind mehrere Menschen schwer verletzt worden. Fünf Flüchtlinge hätten lebensbedrohliche Schusswunden erlitten, 18 weitere seien durch Schläge verletzt worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Spiegel online

Der französische Innenminister Gérard Collomb begab sich gestern Abend in Stadt, die sich fortan auf "Chaos reimt", wie Le Monde schreibt, beklagte ein Ausmaß der Gewalt, wie man es bislang nicht kannte ("jamais connu").

Nach einer Nacht im Chaos von Calais versprach Collomb zwei zusätzliche Polizeieinheiten (CRS) ab dem heutigen Freitag, dass der Staat die Essenverteilung an die Migranten übernehmen werde und darüber hinaus richtete Collomb, wie die Regionalzeitung La Voix du Nord berichtet, eine Botschaft der Entschlossenheit an die Öffentlichkeit:

Wer nach Großbritannien will, muss einen anderen Weg wählen, nicht den über Calais.

Gérard Collomb

Das ist, wenn man sich über die Hintergründe der Auseinandersetzungen informiert, einer dieser Sätze, von denen es heißt, dass sie durch stetige Wiederholung nicht wahrer werden. Oder dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Auch die anderen Aussagen von Collomb sind von dieser Klasse. Auch die Migrations-Politik der Macron-Regierung, die als "hart" gekennzeichnet wird, erscheint hilflos, wenn es um die Migranten in Calais geht.

Härte in der Grenzpolitik ("einfach zumachen"), wie sie vielen als Lösung der seit Jahren vertrackten und miserablen Situation vorschwebt, hilft in Calais anscheinend nicht wirklich weiter. Man realisiert dort den Grundsatz, so gut es geht. Frankreich und Großbritannien sind keine Anfänger. Calais hat jahrelange Erfahrungen in der Grenzkontrolle hinter sich. Beide Länder stecken Millionen in die Grenzsicherung und in den Ausbau der Anlagen und der Bewachung. Dennoch beruhigt sich die Lage in Calais nicht.

Die Polizei ist nicht "lax"

Zunächst zur Behauptung Collombs zum "nie gekannten Ausmaß der Gewalt", wie sie auch im Tageschau-Bericht über Schwerverletzte bei den "Massenschlägereien in Calais" zitiert wird. Man muss nicht weit suchen, um zu sehen, dass Gewalt in einem Ausmaß, das mit den Ansprüchen, die man gewöhnlich an eine zentraleuropäische Stadt stellt, nicht vereinbar ist, nicht erst seit gestern in Calais vorkommt.

Zuletzt hatten in Calais im vergangenen November Migranten aufeinander geschossen, bei einem Streit unter Afghanen gab es damals fünf Verletzte. Anfang Juli 2017 waren 16 Menschen bei Zusammenstößen verletzt worden, im Juni 2016 erlitten 40 Menschen bei Schlägereien Verletzungen.:.ntv

Bei Auseinandersetzungen zwischen CRS-Polizeieinheiten und Migranten verlor ein Migrant sein Augenlicht, berichtete das französische Magazin l'express am vergangenen Dienstag. In dem Bericht ist von einer "Anti-Besetzungs-Operation" der Polizei ("opération anti-squat") die Rede und von "Zusammenstößen", die sich in der Woche zuvor in Calais zwischen einer Hundertschaft von Migranten und 50 Polizisten ereigneten.

Seit der Auflösung des Migrantenlagers "Jungle" in Calais (siehe dazu "Hast Du Dich gesehen, Du Affe?" - Rumble in the Jungle in Calais), Ende Oktober 2016, versucht die Polizei mit tatsächlich hartem und entschiedenen Vorgehen, das stark in der Kritik steht, zu verhindern, dass sich neue Camps entwickeln könnten.

Den Migranten werden frühmorgens, ungeachtet kühler Temperaturen oder anderer ungünstiger Wetterverhältnisse Zelte, Schlafsäcke, Decken und anderer Schutz von der Polizei entrissen. Solche Einsätze geschehen unter dem eben erwähnten Begriff "opération anti-squat". Das Vorgehen ist absichtlich hart und folgt auch nicht unbedingt den Regelungen, wonach persönliche Habseligkeiten der wild zeltenden Migranten von derlei Zugriffen verschont bleiben sollen.

Es geht um Abschreckung, darum dass der Staat der ewigen Wiederholung entgeht, die es schon seit Zeiten des Hardliner-Innenministers Sarkozy gibt: Migrantenlager wachsen sich zu einem Problem aus; sie werden von den Ordnungskräften und Bulldozern leergeräumt und niedergerissen. Etwas später werden sie neu errichtet und wachsen wieder.

Man kann also nicht behaupten, dass es die französische Polizei an Härte fehlen lässt oder dass die neue Regierung unter Macron "lax" vorgehen würde, dennoch gibt es je nach Schätzungen zwischen 600 und 800 Migranten, die sich nach wie vor in Calais aufhalten - obwohl Macron die Anweisung ausgab, dass er in Frankreich keine Migranten mehr sehen wolle, die auf Straßen oder im Gelände übernachten.

Die Schleuser wollen Kontrolle

Die Probleme, die hinter dem Scheitern der Politik in Calais und hinter den eskalierenden Gewaltausschreitungen stecken, haben gemäß einer Reihe von sach- und ortskundigen Blogbeiträgen, die ohne Zahlschranke bei Mediapart zu lesen sind, vor allem mit zwei Eigenarten der Situation zu tun: einmal mit den Interessen und der Macht der Schleuser und zum anderen mit der Wirklichkeit, dass Calais für viele Migranten die letzte Hoffnungsstation ist, an der sie, die schon zuvor, etwa bei der Überquerung des Mittlermeers, große Risiken für Leib und Leben nicht scheuten, festhalten.

Die Schleuser, so der Mediapart-Blog zu den aktuellen Ereignissen, stünden "unter großem Druck". Denn sie brauchen, damit ihre Geschäfte funktionieren, die Kontrolle nicht nur über die Stellplätze der Lastwagen oder Tankstellen, Raststätten, sondern auch über die Aufenthaltsorte und Unterschlupfe der Migranten - ihrer Kunden.

Es geht um Kontrolle über eine ganze Zone, das freie Gelände, verlassene Gebäude, industrielle Brachzonen, wie auch Orte, an denen Essen von Hilfsorganisationen ausgegeben wird - weshalb es nicht sicher ist, ob es tatsächlich gelingen wird, wie von Collomb heute angekündigt, die Essensverteilung tatsächlich unter staatlicher Kontrolle zu halten.

Dass sich die Schleuser verhalten wie eine Mafiaorganisation zeigt sich daran, dass sie seit einiger Zeit Migranten verprügeln, die die Überfahrt nach Großbritannien auf eigene Faust unternehmen wollen, so der Blogautor François G.

Gewaltausschreitungen zwischen Afghanen und Afrikanern

Nach dessen Informationen stammen die Schleuser mehrheitlich aus Afghanistan und die Opfer meist aus Eritrea oder Äthiopien. Die Auseinandersetzungen hätten die Form von Gewaltausschreitungen zwischen den Gemeinschaften angenommen ("violences intercommunautaires").

So ist es zwar für die Polizei und die Gerichte von Bedeutung, wer gestern jeweils den Anstoß für verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen den Afghanen und den Afrikanern gegeben hat - laut Informationen von Le Monde waren es zunächst Schüsse eines Afghanen -, aber, um die Gründe zu erfassen, warum es zu einer solchen Eskalation der Gewalt kommt, ist es zweitrangig.

Anscheinend gibt es trotz aller scharfen Kontrollen der Grenzhüter und der Polizei in Calais und Umgebung noch immer Möglichkeiten genug, einen Lastwagenfahrer zu finden, der gegen Bezahlung Migranten an Bord nimmt oder andere Lücken - trotz des vielen Geldes zur Grenzsicherung, trotz der 50 Millionen, die Großbritannien nach der kürzlich erfolgten Vereinbarung zwischen Macron und May für die Sicherung der britischen Außengrenze in Calais zusätzlich bezahlen will.

Lücken im System

Lastwagenfahrer aus osteuropäischen Ländern verdienen gerade mal 600 Euro im Monat, so François G. - und es muss noch andere geben im Grenzsystem Calais, die sich für zusätzliche Einnahmen erwärmen können. Auch zeigt die Bewaffnung der Afghanen, dass es ganz offensichtlich - trotz der Präsenz von Sicherheits-, Grenzschutz und Polizeikräften in der Region Lücken der Durchsetzung von "Recht und Ordnung" gibt.

Dass diese Lücken mit Kräften und beinahe mit Notwendigkeit aufgetan werden, liegt an der eigentümlichen "Nachfrage"-Situation in Calais: Für viele Migranten ist Großbritannien das einzige Ziel ihrer langen Reise.

Entweder, weil sie nicht in Frankreich bleiben wollen oder weil sie dort kein Aufenthaltsrecht bekommen haben und auch nicht in Deutschland oder einem anderen europäischen Land. Großbritannien werde so zur letzten Hoffnung.

Großbritannien als "letzte Hoffung"

Viele Migranten würden dorthin wollen, weil sie englischsprachig sind und nicht französischsprachig, weil sie in Großbritannien Verbindungen haben zu Verwandten, Freunden, Bekannten oder einem Netzwerk, weil dort angeblich leichter Jobs zu finden sind und die Kontrollen auf dem Job-Schwarzmarkt weniger streng als auf dem europäischen Festland.

Macrons Migrationspolitik, von der man sagt, dass sie die strengste seit langem sei, beabsichtigt, dass jeder Migrant zu den Aufnahme- und Verteilungszentren gebracht wird, damit sie oder er nicht auf der Straße leben muss. Nach Informationen des genannten Mediapart-Bloggers wollen die meisten Migranten in Calais aber gar nicht in solche Zentren, weil sie dort woanders hin geschickt werden, als sie es vorhaben.

Sie weigern sich, weil sie wissen, dass sie ihre Fingerabdrücke schon an anderen Grenzstationen abgegeben haben und nach der Dublin-Regelung sofort nach Italien, Griechenland oder Spanien zurückgeschickt würden. Viele, so der Mediapart-Blogger, würden zudem wieder zurückkommen, auch wenn es dem Präfekten gelungen sei, sie abzuschieben.

Bislang hat es noch keine französische Regierung geschafft, den Zug der Migranten nach Calais tatsächlich zu stoppen.