Cargo-Kultuspolitik - Teil 1

Hochschulpolitik beschränkt sich allzu oft auf das Imitieren von Äußerlichkeiten statt auf die Übernahme von zugrundeliegenden Konzepten

Die Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs erreichte irgendwann auch die friedliche Inselwelt Melanesiens. Auf einsamen Inseln rodeten die Amerikaner Wälder, errichteten Landebahnen und Gebäude, und schafften gewaltige Mengen an Nachschub herbei: Kleidung, Nahrung, Waren aller Art. Die Indigenen schauten dem Treiben, das sie nicht recht verstanden, fasziniert zu. Irgendwann war der Zweite Weltkrieg vorbei, die Amerikaner verließen die Inseln, und die Indigenen stellten fest, dass der Warenstrom ausblieb.

Also bastelten sie Flugzeugmodelle aus Holz, stellten Kopfhörerattrappen her und malten sie entsprechend der Originale an und so weiter - alles in der Hoffnung, dass sie durch das Nachahmen der Amerikaner ähnlich schöne Geschenke von den Ahnen erhalten würden.

Was klingt wie der Plot eines politisch inkorrekten Klamaukfilms, ist tatsächlich Realität und ein spannendes Forschungsgebiet der Ethnologie ("Cargo-Kult"). Und ich schreibe darüber deswegen so ausführlich, weil ich bei der Betrachtung der heutigen Hochschullandschaft nicht den Eindruck vermeiden kann, als würde so mancher Kultuspolitiker glauben, er könnte die Magie der Amerikaner kopieren, sofern er nur seine Attrappen hübsch genug anmalt.

Praktisch alle Vorschläge zur Reformierung des Hochschulwesens orientieren sich am amerikanischen Modell. Das scheint prima facie gar nicht so dumm zu sein, denn immerhin gehören die amerikanischen Universitäten zu den weltweit erfolgreichsten.

Leider scheint kaum jemand auch nur den Versuch zu unternehmen, das amerikanische System zu durchschauen: Man orientiert sich an albernen Äußerlichkeiten und verschwendet viel Geld darauf, diese nachzuäffen, ohne das tiefere Prinzip zu verstehen. Ein paar Beispiele sollen dies illustrieren.

Gern und oft wird gefordert, die Habilitation abzuschaffen: Schließlich kennen erfolgreichere Länder keine Habilitation, und so würden deutsche Nachwuchswissenschaftler sinnlos schikaniert.

Die Habilitationsleistung besteht üblicherweise aus einer schriftlichen Arbeit, einer oder mehreren mündlichen Leistungen, und dem Nachweis erfolgter Lehre. Ich kenne keine Fall, dass einem Kandidaten aufgrund eines schlechten Probevortrags die Habilitation verweigert wurde; und die Lehre muss nur stattgefunden haben (die Qualität wird nicht bewertet). Damit bleibt lediglich die schriftliche Arbeit als echte Hürde übrig, die aber nach praktisch keiner Habilitationsordnung publiziert werden muss. Dies hat dementsprechend auch zur Folge, dass viele Habilitationsschriften nie im Druck erscheinen - wer je eine Arbeit zum Druck vorbereitet hat, weiß, welch ein arbeitsreicher Schritt damit entfällt.

Promovierte Nachwuchswissenschaftler in den USA erhalten ihre erste Anstellung üblicherweise als "Assistant Professor". Damit beginnt eine Laufbahn, die im Regelfall über den "Associate Professor" zum "Full Professor" führt. Allerdings findet keine automatische Beförderung statt: Damit der Sprung zum "Associate Professor" (und damit zur Unkündbarkeit und ca. verdoppeltem Gehalt ...) gelingt, müssen die Lehrleistungen positiv evaluiert werden, der Nachwuchswissenschaftler muss aktiv am akademischen Leben teilnehmen (Vorträge, Rezensionen, Artikel ...) und vor allem: Er muss in den vier Jahren seiner Zeit als "Associate Professor" sein "second book" veröffentlichen.

Der Unterschied besteht also nicht etwa darin, dass blutjunge, unverbrauchte Amerikaner schneller Professoren werden können, weil sie nicht so viel schreiben müssen (wie so manche Cargo-Kultuspolitiker glauben). Ganz im Gegenteil: Die Anforderungen sind wesentlich härter. Man muss nicht nur eine Arbeit schreiben, sondern sie auch veröffentlichen. Mehr noch: Für das Gremium, das über die Übernahme zur nächsten Stufe entscheidet, macht es einen erheblichen Unterschied, ob das Buch bei Harvard University Press oder Books on Demand erscheint. Und während der deutsche Jungwissenschaftler "irgendwann", evtl. auch nach dem Ablauf der Assistentur seine Habilitation einreichen kann, tickt beim Amerikaner unerbittlich die Uhr, und er muss die Arbeit fertig haben, wenn die Übernahme zum Associate Professor ansteht (es sei aber konzediert, dass sich der Amerikaner im Vergleich zu seinem deutschen Kollegen die Zeremonie des Habilitationsvortrags spart).

In Teil 2: Gravierende Missverständnisse, die den Beginn des Systems betreffen

(Peter Riedlberger)

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