Causa "Corelli": Welche Verbindungen hatte der V-Mann zum NSU?

Zweifel an den offiziellen Darstellungen - Sonderermittler Jerzy Montag vor dem Untersuchungsausschuss in NRW

Das Bild des unaufgeklärten NSU-Komplexes setzt sich aus Tausenden von Bruchstücken zusammen - Woche für Woche weitere Details. Auch letzte Woche (16. Juni) erfuhr man im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) von Nordrhein-Westfalen Neues: Vom toten V-Mann "Corelli" mit dem bürgerlichen Namen Thomas Richter gibt es einen weiteren, bisher nicht bekannten Bezug zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU). Die Paulchen Panther-Propaganda-DVD mit den Mordtaten soll Videosequenzen über rechtsradikale Aktivitäten beinhalten, die der Mann gedreht und auf seine Homepage gestellt hatte. Das berichtete Jerzy Montag, vom Bundestag eingesetzter Sonderermittler zum Fall Richter/Corelli, eher beiläufig den Abgeordneten in Düsseldorf. Um genau zu sein, handelte es sich um einen Bezug des NSU zu "Corelli".

"Corelli" - das ist inzwischen eine Chiffre für den staatlichen Anteil am Treiben der Terrorgruppe NSU. So wie "Primus", "Tarif", "Piatto", "Otto", "Hagel" - Decknamen von V-Leuten des Verfassungsschutzes in der rechtsextremen Szene mit Verbindungen zum Böhnhardt-Mundlos-Zschäpe-Trio. Die ganze Dimension ist noch unklar.

Nach dem plötzlichen Tod von Thomas Richter im April 2014 beauftragte das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr) des Bundestages, das die deutschen Geheimdienste kontrollieren soll, den früheren Abgeordneten der Grünen, Jerzy Montag, die Todesumstände zu untersuchen. Im Mai 2015 lieferte Montag seinen Bericht ab.

Er ist als geheim eingestuft und gesperrt. Lediglich eine 30-seitige Zusammenfassung wurde veröffentlicht. Doch wie ungenügend selbst der Parlamentsbeauftragte Montag Einblick in die Angelegenheit bekommen hat, zeigt sich in diesen Wochen: Der Tod Richters wirft erneut Fragen auf.

Er soll an einem plötzlichen Zuckerschock gestorben sein, hieß es bisher, ausgelöst durch eine nicht erkannte Diabeteskrankheit. Unter Diabetes hatte der Tote zu Lebzeiten nicht gelitten. Zwei Jahre nach seinem Gutachten sagte der verantwortliche Mediziner nun aus, bei Nachforschungen auf Stoffe gestoßen zu sein, die einen Zuckerschock erzeugen können. Darunter Rattengift. Die asservierten Körpergewebeteile Richters sollen nun neu untersucht werden.

Und mit einem Jahr Verspätung erfuhr die Öffentlichkeit, dass im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), für das Richter die meiste Zeit gearbeitet hat, zufällig ein weiteres Handy seines geheimen Mitarbeiters "Corelli" sowie fünf SIM-Karten gefunden wurden. Und zwar kurz nach Fertigstellung des Corelli-Berichtes durch den Sonderermittler Montag. Der wurde jetzt beauftragt, seine Untersuchung wieder aufzunehmen. Am 6. Juli soll Jerzy Montag seinen ergänzten Corelli-Bericht dem PKGr vorstellen.

Stimmt Maaßens Aussage, Corelli haben keinerlei NSU-Bezug gehabt?

Er habe gedacht, so Jerzy Montag vor dem Ausschuss in Düsseldorf, alles Material über "Corelli" bekommen zu haben, doch jetzt sehe er, dass das nicht stimme. Als er später in seiner Befragung einmal launig erklärte, er "wisse alles" über "Corelli", dürfe es nur nicht öffentlich sagen, produzierte er zwar einen schlagzeilenträchtigen Satz, zeigte damit aber unfreiwillig, wie wenig bewusst ihm sein unvollständiges Wissen offensichtlich ist. Denn bei der Vernehmung Montags kamen immerhin ein paar Dinge zur Sprache, die bisher so nicht bekannt waren und die die Erklärung des BfV-Präsidenten Hans-Georg Maaßen antasten, "Corelli" habe keinerlei NSU-Bezug gehabt.

Zum Beispiel die Umstände des direkten Kontaktes zwischen Thomas Richter und Uwe Mundlos im Februar 1995 während ihrer Zeit in der Bundeswehr. Es soll der einzige Kontakt zwischen den beiden gewesen sein, heißt es. Allerdings muss da mehr gewesen sein. Die beiden tauschten bei dem Treffen als Soldaten Informationen über die Neonazi-Szene aus. Mundlos berichtete Richter über eine neue Kameradschaft in Jena, nannte Namen und Telefonnummern der führenden Leute. Er habe sich immer gewundert, so Montag nun, "wie zwei junge Männer, die sich nicht gekannt haben sollen, merkten, dass sie aus dem gleichen Stall" sind. Möglicherweise war es nicht das erste und einzige Treffen der beiden. Richter taucht gleich zweimal auf der 1998 sichergestellten Namensliste von Mundlos auf.

Eine Topquelle, die insgesamt 300 000 Euro Agentenlohn einstrich

Thomas Richter war über einen Zeitraum von fast 20 Jahren V-Mann des Verfassungsschutzes. Eine Topquelle, die insgesamt 300 000 Euro Agentenlohn einstrich. 180 Leitzordner gebe es von und über ihn, so Montag. Zum Vergleich: Gute Quellen würden in der Regel zehn bis 20 Ordner produzieren. Richter habe Zugang zur rechtsextremen Szene in ganz Deutschland gehabt, aber auch im Ausland, Großbritannien, USA. Er habe an jeder Demo teilgenommen, über alles berichtet, was er erfuhr und ständig fotografiert. Allerdings habe Richter auch wiederholt signalisiert, dass er aussteigen wolle. Das habe das Bundesamt (BfV) ignoriert und ihm stattdessen immer wieder Aufträge erteilt.

Montags Darstellungen sind interessant, auch, weil sie nicht widerspruchsfrei sind. So hält er "Corelli" für einen "in der Wolle gefärbten Rechtsextremisten", zugleich aber für "nachrichtenehrlich", der sogar über laufende Veranstaltungen und Aktionen von Rechtsextremisten berichtet habe, was manchmal zu Polizeieinsätzen führte. Dann wäre Richter aus Sicht der Rechtsextremen aber ein Verräter. Andererseits soll der Spitzel mit seinen vielen vielen Berichten "keine Straftaten verhindert" oder "Täter benannt" haben, so Montag. Dann wiederum stellt sich die Frage, was das für Berichte waren und wozu.