Checkpoints in Hamburg

Mit einem Großaufgebot fahndete die Hamburger Polizei am vergangenen Donnerstag und Freitag nach Terroristen, die gar keine sind

Ein Hinweis eines arabisch sprechenden Mannes auf drei Männer, die seiner Ansicht nach wahrscheinlich einen Terroranschlag planten, genügte, um in der Hansestadt eine bisher nie da gewesene Fahndungsmaschinerie in Gang zu setzen.

Mehr als 1.000 Uniformierte schwärmten aus, um die vermeintlichen "Terroristen" zu finden, 12 Kontrollpunkte wurden im Stadtgebiet eingerichtet, Fahrzeuge angehalten, Hunderte Personen mit der Hand an der Waffe überprüft, Wohnungen durchsucht und zahlreiche Menschen vorübergehend festgenommen. 18 Stunden lang ließ Hamburgs Innensenator Udo Nagel (parteilos) die Puppen tanzen, am Ende stand fest: die "Terroristen" waren gar keine.

Drei Männer an der Bushaltestelle Holstenstraße, einer von ihnen trägt einen Rucksack, die sich - angeblich - auf arabisch unterhalten. "Wir brauchen uns nicht zu fürchten, wir werden morgen Helden Allahs sein", soll einer von ihnen einem ägyptischen Zeugen zufolge gesagt haben. Der Mann wandte sich an die Polizei und das beschriebenen Szenario reichte aus, um die oben beschriebene Maschinerie in Gang zu setzen - wenn auch mit erheblicher zeitlicher Verzögerung.

Die Beamten, die der Zeuge ansprach, waren gerade mit einem anderen Fall beschäftigt. Sie versuchten vergeblich, einen zweiten Polizeiwagen herbeizurufen und schickten den Mann schließlich zur nächsten Polizeiwache. Derweil waren die Verdächtigen längst mit dem Bus davon gefahren. Anhand einer der 2.500 Videokameras, die die Hamburger Hochbahn in Betrieb hat und die u.a. in 710 Wagen der U- und S-Bahn sowie in 30 Bussen installiert sind, konnten Fotos der verdächtigen Männer veröffentlicht werden.

Dann begann die fieberhafte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen: Knapp zwei Millionen Menschen sind in der Hansestadt offiziell registriert, täglich kommen Tausende Durchreisende, Pendelnde und Touris dazu, die "Holstenstraße" ist ein Verkehrsknotenpunkt, den täglich Tausende Menschen passieren. Trotzdem gelang es einen der Verdächtigen ausfindig zu machen, die beiden anderen stellten sich daraufhin. Es handelte sich um drei junge Männer aus Tschetschenien. Stundenlang wurden sie verhört, doch alles Zureden half nix, sie wollten einfach keine Terroristen werden. Es gebe bislang keinen Hinweis darauf, dass die Männer Terroristen seien oder gar einen Anschlag geplant hätten, ließ die Polizeiführung am Freitag Abend verlauten. Selbst die Papiere der Kriegsflüchtlinge seien "in Ordnung". Unklar ist, ob sie inzwischen wieder frei gelassen wurden.

Selbstbewusst verteidigte Nagel am Freitag Abend den Medien gegenüber die kostspielige Aktion. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), der sich zufällig zu einem Wahlkampfauftritt in der Hansestadt befand, gab ihm Rückendeckung. Vor allem die Kamera-Überwachung sei ein wirksames Hilfsmittel gewesen, so Nagel. "Hätten wir die Kameras nicht, lägen uns keine Fahndungsfotos vor", sagte er der Hamburger Morgenpos. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Hartmut Lubomierski bezweifelt hingegen, dass Videokameras ein taugliches Mittel zur Terrorbekämpfung seien. Die Anschläge in London hätten doch bewiesen, dass Attentate nicht verhindert, sondern höchstens die Täter identifiziert werden könnten - allerdings erst nach der Tat.

Ebenfalls am vergangenen Freitag - quasi so nebenher - wurde der Hamburger Hauptbahnhof wegen eines herrenlosen Koffers in den Ausnahmezustand versetzt. Nicht zum ersten Mal: Schon vor einigen Wochen wurde zweimal Alarmstufe Rot ausgerufen, einmal ebenfalls wegen eines vergessenen Koffers und einmal wegen eines Handys.

Dass Terrorfahndung in der Hansestadt groß geschrieben wird, bewies schon Nagels Vorgänger als Innensenator, Dirk Nockemann (damals Schill-Partei). Nachdem bekannt wurde, dass der US-Geheimdienst CIA Hinweise auf einen möglicherweise für Anfang Januar 2005 geplanten Terroranschlag auf das Bundeswehr-Krankenhaus in Hamburg hatte, fackelte Nockemann nicht lange und ließ "alle verfügbaren Polizeikräfte" plus dazugehöriges Militärarsenal vor dem Hospital auffahren. 342 zum Teil schwer bewaffnete Uniformierte mit Spürhunden und zahlreiche Panzerfahrzeuge der Polizei versetzten den Stadtteil in den Ausnahmezustand.

Nockemann ließ sogar Barrikaden bauen: 30 Tonnen Laub und Sand wurden für Straßensperren angekarrt. Mit dieser Inszenierung, die Nockemann seinerzeit in die Schlagzeilen aller bundesdeutschen Medien brachte, läutete der Ex-Senator damals den Wahlkampf ein. Trotzdem scheiterte seine Partei an der 5-%-Hürde, Nockemann trat dann später in die CDU ein, inzwischen ist er dort wieder ausgetreten und will eine neue Rechtspartei gründen. (Birgit Gärtner)

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