Chempark-Explosion: Aufklärung im Schneckentempo

Was genau zur Explosion im Chempark Leverkusen führte, ist auch mehr als eine Woche später unklar. Foto: DrTom / CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0

Genaue Ursache des Großbrandes weiter unklar. Anwohner geben sich mit Entwarnung nicht zufrieden. Welche Gifte sind in Luft und Boden?

Eine Woche nach der Explosion und dem Brand in der Leverkusener Sondermüllverbrennungsanlage von Currenta ist am Dienstagabend einer der Vermissten tot aufgefunden worden. Das Opfer sei identifiziert worden, bestätigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Köln. Damit erhöhte sich die Zahl der Todesopfer auf sechs. Nach Angaben der Kölner Polizei gilt eine Person weiterhin als vermisst.

Seit einigen Tagen ist ein Papier des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) zur Untersuchung der Brandniederschläge auf den Seiten der Landesbehörde wie auch der Stadtverwaltung im Internet einsehbar. Die Behörde mag in einer ersten Quintessenz "weder Gesundheitsgefahren noch eine nachhaltige Beeinträchtigung der Umwelt" erkennen.

Das klingt äußerst summarisch und wirft Fragen auf.

Magere Datenbasis

So fußt die Entwarnung auf lediglich vier Proben, die von einer Chemikerin in Bürrig genommen wurden, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger (KStA): In andere Stadtteile oder Städte, die ebenfalls den Rußregen abbekommen haben, seien die unabhängigen Experten nicht mehr gefahren. Und nach dem Regen sahen sie offensichtlich zunächst "keinen Sinn mehr darin, weitere Proben zu nehmen".

Bei der Landesbehörde war zu erfahren, die drei in Brand geratenen Tanks hätten jeweils ein Volumen von 200 bis 300 Kubikmetern und seien etwa zur Hälfte gefüllt gewesen. Man darf demnach von einer Füllmenge von 350 bis 400 Kubikmetern ausgehen, die dem explodierten Cocktail zugrunde lagen. Noch am gestrigen Mittwoch, mehr als eine Woche nach dem Großbrand, war es den Einsatzkräften nicht gelungen, zu dem Ursprungsherd vorzudringen, bestätigte die Kölner Staatsanwältin Lisa Klefisch unterdes auf Anfrage.

Beobachter zeigen sich derweil skeptisch, was die Ermittlung der genauen Umstände angeht, die die verheerende Explosion letztlich ausgelöst haben. Wie inzwischen mehrfach berichtet, stammen die Lösungsmittel und Chemikalien, die in der Anlage entsorgt werden, längst nicht alle aus dem Chemiepark selbst, sondern sie umfassen auch Importe, die hier zwecks Entsorgung angeliefert werden.

Was ist mit dem Rußregen?

In einem weiten Umkreis haben Menschen etwas von dem Rußregen abbekommen. Leverkusener hatten auch zum Wochenende noch deutlichen Gestank wahrgenommen, viele von ihnen meldeten sich beunruhigt bei örtlichen Medien, wie die Redaktion der Rheinischen Post meldet.

Die gewaltige Explosion und der anschließende Brand hatten die riesige Rauchwolke nicht nur über Leverkusen ziehen lassen. Die Rußpartikel gingen großflächig nieder. Aufgrund der vom Wind in Richtung Nordosten getragenen Rauchwolke am Tag der Detonation hatte die Feuerwehr noch im 60 Kilometer entfernten Dortmund die Bevölkerung aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten.

"Starke Lungenschmerzen und ein komischer Geschmack im Mund"

Den Augenzeugenbericht eines unmittelbaren Anwohners, Andreas M. (Name geändert), veröffentlichte das Kölner Blatt KStA. Der Befragte wohnt in Bürrig, nur einige hundert Meter vom Unfallgeschehen entfernt. Als sich die Explosion ereignete, habe sein gesamtes Haus gewackelt, vom Himmel sei schwarzer Ruß gefallen. "Wie ein Fall-Out", schildert Andreas M. die Szene. Sein gesamtes Grundstück sei übersät gewesen mit schwarzen Flocken. Die schwarze Wolke habe sich im Bereich des Chemparks wie ein Pilz in den Himmel gezogen. Er habe "starke Lungenschmerzen bekommen und einen komischen Geschmack im Mund." Die Luft habe extrem gestunken.

Eigene Recherchen in Köln ergaben, dass Bewohner in rechtsrheinischen Vororten während der letzten Tage davon berichten, mehrmals auf Terrasse oder Balkon Ruß wegwischen zu müssen. Unterdessen werden in der Stadt keine Proben von amtlichen Stellen genommen.

Desolate Informationslage

Die Bevölkerung rasch zu besänftigen, ist die eine Sache, darüber aufzuklären, was tatsächlich niedergeregnet ist und was womöglich eingeatmet wurde, ist damit nicht erledigt. Wenn Spielplätze gesperrt, das Tragen von Handschuhen bei der Gartenarbeit empfohlen werden, wirft das Fragen auf, die verunsichern: Aufklärung tut Not

Was noch in die Luft und in den Boden gelangt sein kann, ist weiterhin völlig unklar. Chempark-Leiter Lars Friedrich hat in einem Video an die Bevölkerung im Stadtgebiet und den angrenzenden Stadtteilen appelliert, kein Obst und Gemüse aus dem Garten zu essen und Rußpartikel nicht anzufassen. Paul Kröfges vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wurde am Montag deutlich:

Das bedeutet eine große Palette von giftigsten Stoffen, die einerseits durch die Explosion in die Umgebung verdriftet sein können, andererseits wohl auch eine bisher unbekannte Zahl und Menge an Verbrennungs- und Reaktionsprodukten mit wahrscheinlich hoher Toxizität, die hierbei entstanden und weiträumig verteilt werden konnten.

Paul Kröfges, BUND

Tiefgehende weitere Untersuchungen seien also unabdingbar, so der BUND.

Ohne Currenta läuft gar nichts

Soweit bekannt, wurde dem LANUV die vollständige Liste der in den Tanks enthaltenen Stoffe erst drei Tage nach dem Unfall gegeben. Auf Nachfrage verwies ein Sprecher des LANUV auf die Zuständigkeit der Betreiberfirma und der Bezirksregierung.

Die Kölner Bezirksregierung ihrerseits zeigt mit dem Finger auf Staatsanwaltschaft, LANUV und auf die Betreiberfirma Currenta. Ohne Currenta läuft offensichtlich gar nichts. Auch die Kölner Staatsanwaltschaft ist in ihrem Ermittlungsverfahren offenbar auf die Zuarbeit der Currenta angewiesen.

Und die LANUV kommt nur im Schneckentempo voran. Ein Sprecher sprach wohlklingend von einem "Screening-Programm". Mittels Feststoffanalysen soll das Vorliegen giftiger oder schädlicher Substanzen in Bodenablagerungen überprüft werden. Das werde aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Eine Liste der zu überprüfenden Stoffe existiert offenbar immer noch nicht.

Immer noch wartet die Bezirksregierung auf konkrete Untersuchungsergebnisse, wie der KStA in seiner heutigen Ausgabe (5. August 2021) berichtet. Ein Gerangel um Kompetenzen und Zuständigkeiten.

Die Nicht-Wissen-Katastrophe

Weitere Fragen wirft auch der späte Zeitpunkt auf, zu dem das LANUV am Unglückstag mit den Luftmessungen um den Explosionsort in Bürrig begonnen hat. Alarm war um 9:40 Uhr, um 12:20 Uhr war der Brand nach Currenta-Angaben gelöscht. Die Messungen des Amtes begannen erst um 13 Uhr. Auch in diesem Fall verweist der Sprecher der Landesbehörde auf die vorgelagerte Zuständigkeit der Feuerwehr.

Rainer Welte, promovierter Chemiker, Gründungsmitglied der Grünen und viele Jahre beim Bayer-Konzern beschäftigt, kritisiert im Interview mit dem KStA die desolate Informationslage.

Ich glaube denen, dass sie zwar im Großen wissen, was in den Tanks ist, aber es ist nicht möglich, alle Beimischungen der Lieferungen von außen bei der Annahme an der Anlage schnell genug zu bestimmen.

Rainer Welte

Gerade die Anlieferung unbekannter Substanzen und das Nicht-Wissen über den Grund der Explosion bezeichnet er als größtmögliche Katastrophe "weil es dann immer wieder passieren kann". Aus Weltes Sicht gibt es eine klare Konsequenz: "Wenn man die Ursache nicht herausbekommt, dann muss man die Anlage zumachen."

Der Ausschuss für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz im Landtag trifft sich am Montag, 9. August, zu einer Sondersitzung.

Weiterhin geschaltet bleibt die Chempark-Hotline. Unter 0214 / 26 05 99 333 sollen sich Bürger melden, die Ruß vom Großbrand bei sich gefunden haben und ihn beseitigt haben wollen. Die Warnung des Landesumweltamts, die Partikel nicht zu berühren, besteht weiterhin. Currenta will nach eigenen Angaben sicherstellen, dass alle Anfragen bearbeitet werden und verweist zusätzlich auf ein Formular auf seiner Internetseite. Dort können Schadensmeldungen im Zusammenhang mit der Explosion online abgegeben werden. (Arno Kleinebeckel)