"Chemtrails" beeinflussen das Klima

Kondensstreifen in Reiseflughöhe. Bild: DLR

Die von Flugzeugen verursachten Kondensstreifen tragen nach einer Studie mehr zur Klimaerwärmung bei als die CO2-Emissionen allein

Seit 20 Jahren werden von manchen Zeitgenossen die Chemtrails gefürchtet. Das sind die am Himmel sichtbaren Kondensstreifen (Contrails), die die Flugzeugabgase hinterlassen. Nach den Verschwörungstheorien gibt es davon abweichende, länger anhaltende Streifen, die angeblich ausgebrachte Chemikalien verursachen. Sie sollen etwa der gezielten Wetterkontrolle oder der Klimabeeinflussung durch Aluminium- oder Barium-Teilchen dienen. Es könnte auch darum gehen, das Bevölkerungswachstum der Menschen durch ausgebrachte Gifte zu stoppen oder das Verhalten der Menschen zu beeinflussen.

Dahinter soll jedenfalls eine Regierung oder gar eine globale Verschwörung mit finsteren Absichten stehen. Nach einer allerdings schon etwas älteren Umfrage in den USA, in Kanada und Großbritannien (2011) halten immerhin 16 Prozent der Menschen dies für möglich.

Nach einer im Wissenschaftsjournal Atmospheric Chemistry and Physics erschienenen Studie sind die Kondensstreifen tatsächlich nicht ganz harmlos, auch wenn die möglichen Folgen anders sind, als die Chemtrail-Aktivisten vermuten. Lisa Bock und Ulrike Burkhardt vom Institut für Physik der Atmosphäre am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt haben die Folgen der von Flugzeugen stammenden Kondensstreifen-Zirren auf das Klima untersucht. Wenn es feucht und kalt ist, verursachen die von Flugzeugmotoren ausgestoßenen Rußpartikel die Bildung von Eiskristallen, die dann mitunter lange bestehende Kondensstreifen erzeugen und das Klima beeinflussen. Das könnte man durchaus auch als eine Art des Geoengineering durch massenhaftes Fliegen bezeichnen, was allerdings zur Erwärmung der Atmosphäre beiträgt und damit die anthropogene Klimaerwärmung weiter verstärkt.

Bislang wurden bei Flugzeugen nur die CO2-Emissionen zur Bewertung der klimaschädlichen Emissionen herangezogen, aber nicht ihre Auswirkung auf das Klima. Die Kondensstreifen als von Menschen verursachten Wolken müssen nicht wärmend wirken, sie können auch, wenn sie die Sonneneinstrahlung reflektieren, die Atmosphäre kühlen. Aber sie verhindern ebenso, dass die von der Erde aufsteigende Wärme entweichen kann. Offenbar überwiegt in der Regel die wärmende Wirkung die kühlende.

Die Kondensstreifen-Wolken selbst, sowie ihre Einflüsse auf die Erdoberfläche, sind laufende Forschungsthemen. Bisher gibt es noch große Unsicherheiten über die Gesamtklimaauswirkungen dieser Wolken insbesondere bezüglich ihrer Auswirkungen auf die Oberflächentemperatur. Aber eines ist klar: Sie erwärmen die Atmosphäre.

Lisa Bock

Der Flugverkehr trug nach einer Studie etwa 5 Prozent zur anthropogenen Klimaerwärmung bei. Wegen des starken Wachstums des Flugverkehrs wird auch dieser Anteil zunehmen. Die Wissenschaftler haben mit dem Klimamodell ECHAM5-CCMod für die Atmosphäre berechnet, wie hoch der Beitrag der vom Flugverkehr verursachten Kondensstreifen-Zirren für die Klimaerwärmung steigen wird. Das Modell berücksichtigt bei den Wollen auch gesondert die Kondensstreifen-Zirren. Dabei geht es nicht nur um die Zahl der Flüge, sondern auch um deren geografische Verteilung, um die verwendeten Treibstoffe und die Veränderung der Atmosphäre durch die zunehmende Klimaerwärmung. Wird die Atmosphäre wärmer, könnte sich die Bildung von Kondensstreifen reduzieren.

2006 wurden beispielsweise noch 93 Prozent des Flugtreibstoffs auf der nördlichen Erdhälfte verbrannt, die Hälfte der Flugzeug-Emissionen entsteht über den USA, Europa und Ostasien. Künftig wird der Anteil der Emissionen in den tropischen Regionen steigen. Vermutlich wird auch ein größerer Teil des Flugverkehrs in größerer Höhe stattfinden. Alternative Treibstoffe, die den Anteil der Rußpartikel senken, reduzieren die Bildung von Kondensstreifen und damit die Erwärmung. Aber Schätzungen gehen davon aus, dass der Treibstoffverbrauch bis 2050 um das 2,7- bis 5-Fache steigen wird. Wird die Treibstoffeffizienz der Motoren verbessert, soll das aber zum weiteren Anwachsen der Kondensstreifenbildung führen. Veränderungen der Aerodynamik, geringere Gewichte und eine Verbesserung der Motoren- und Operationseffizienz führen zu einer verbesserten Treibstoffeffizienz, senken also die Kosten, aber nicht die Belastung, wenn nicht auf alternative Treibstoffe umgestiegen wird.

Aufgrund von Simulationen gehen die Autoren davon aus, dass der Flugzeugverkehr im Jahr 2006 einen Strahlungsantrieb (radiative forcing) von 49 mW m−2 (Milliwatt pro Quadratmeter) aufwies, der als Referenzgröße verwendet wird. Zur Berechnung des Strahlungsantriebs wurden für verschiedene Simulationen die vorhergesagte Zunahme des Flugverkehrs, Veränderungen der Treibstoffeffizienz und der Emissionen, vor allem der Rußpartikel, und die Veränderungen der Auswirkung der Kondensstreifen aufgrund der anthropogenen Klimaerwärmung berücksichtigt.

Die Wissenschaftler kommen dabei auf einen Strahlungsantrieb von 160 oder sogar 180 mW m−2, der also um das Drei- oder Vierfache höher wäre als 2006. Die Klimabelastung der CO2-Emissionen lagen nach den Berechnungen 2006 bei 24.0 mW m−2 und würden je nach Simulation bis 2050 auf 58,0 bis 84,5 mW m−2 ansteigen. Das heißt, dass die vom Flugverkehr verursachten Kondensstreifen-Zirren jetzt und in Zukunft stärker zur Klimaerwärmung beitragen als die CO2-Emissionen.

Szenarien für den Strahlungsantrieb bis 2050, a ist die Situation 2006. Bild: DLR

Daher ist die Reduktion von Rußemissionen nach Ansicht der Wissenschaftler wichtig, um die Klimawirkung der Luftfahrt zu verringern, aber ausreichend sei dies auch nicht: "Selbst wenn ein 90-prozentiger Rückgang der emittierten Partikel gelingt, wird es wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Klimaauswirkung von Kondensstreifen auf das Niveau von 2006 zu begrenzen", sagt Ulrike Burkhardt. Letztlich muss wohl einfach weniger geflogen werden.