Chicago Boys im hellenischen Chicago

Ein dicht gestricktes Gangsternetz

Nicht immer wussten die Opfer, worauf sie sich einließen. Eine Angestellte hatte ihrer Meinung nach am Schalter einer Bank ein legales und normal verzinstes Darlehen aufgenommen, fand sich jedoch plötzlich auf der Kundenliste der Wucherer.

Noch dramatischer verlief es für eine Bankangestellte. Die Dame, deren Initialen von der Polizei mit E.F. angegeben wurden, hatte als freie Mitarbeiterin der Piräus-Bank die Aufgabe, für deren Kunden, Herrn Markos Karamperis, den Kopf der Bande, im Ausland einen Kredit zu beantragen. 22.800 Euro verlangte nach Angaben des Opfers die Schweizer Bank für die Antragsbearbeitung. Das Geld wurde gezahlt, der Kredit jedoch nach eingehender Prüfung verweigert. E.F. musste als Strafe an Karamperis 30.000 Euro zahlen. Dies wollte sie nicht einsehen und ging bereits im Oktober 2010 zur Polizei. Damals noch nicht mit dem erwarteten Erfolg. Denn statt wie erwartet Schutz zu erhalten, musste sie daraufhin ihre Eigentumswohnung im Wert von 120.000 Euro an die Wucherer verpfänden. Den notwendigen Papierkram zur Kaschierung der illegalen Aktion erledigten die Mafiosi mit der Panhellenischen Bank und der Probank.

Praktischerweise hatten diese nämlich auch Polizisten, sowie Direktoren und Topmanager der erwähnten Banken in ihren Reihen. Während der Regionalchef der Piräusbank, den nach deren neuesten Angaben keiner seiner Vorgesetzten kannte, gefasst wurde, ist ein Topmanager der Probank noch nicht eindeutig identifiziert worden. Dieser hatte Karamperis kurz vor der Festnahme gewarnt. Dem Banker war aufgefallen, dass die Staatanwaltschaft die Kontenbewegungen des Mafioso im Visier hatte . Fast wäre der Boss noch entwischt.

Doch die Fahnder ermittelten über eine mittlerweile sehr oft eingesetzte Telefonabhörtechnik und hatten bereits alles, was sie brauchten, auf Band. Sie wussten, dass mindestens einer der Erpressten, Leonidas Margiolis, ein Restaurantbetreiber, unter dem ungeheuren Druck der Wucherer in den Freitod ging. Margiolis hatte sich 600.000 Euro geliehen und schuldete mit Zinseszinsen nach wenigen Monaten weit mehr als das Doppelte. Karamperis vergoss nach Margiolis Tod Krokodilstränen über den "lieben Freund, dem ich tausendfach mit Hilfe zur Seite stand".

Zahlreiche weitere Selbstmordversuche wurden ebenfalls registriert. Es ist darüber hinaus ein Fall dokumentiert, in dem eines der Bandenmitglieder, ein in Thessaloniki bis dato hoch angesehener Orthopäde und ehemaliger Nationalmannschaftsschwimmer, Vasileios Printzios, persönlich in ein Krankenhaus ging, im weißen Kittel ein von der Gruppe zusammengeschlagenes Opfer geradezu kidnappte und in die nahe Thessaloniki gelegene Stadt Serres verschleppte. Dort erwartete das bereits malträtierte Opfer eine weitere Dosis der Prügelstrafe.

Im kaum beleuchteten winterlichen Athen versuchen Obdachlose auf den Entlüftungsschächten der Athener Metro etwas Wärme zu finden. Bild: W. Aswestopoulos

Prominente Opfer der nordgriechischen Camorra

Unter den Opfern der Wucherer befindet sich mit dem im Gießen geborenen Demis Nikolaidis ein prominenter Ex-Fußballeuropameister und Sportfunktionär. Für geliehene 350.000 Euro retournierte das ehemalige Sportidol den Mafiosi insgesamt 620.000 Euro. Ob Ehefrau Despina Vandi, eine von Griechenlands kommerziell erfolgreichsten Sängerinnen, davon wusste und was genau der Multiunternehmer mit dem Geld machen wollte, ist noch nicht bekannt.

Zur Angebotspalette der Gangster gehörte nicht nur der Geldverleih. Um sich frisches Bargeld zu verschaffen, erpressten sie Schutzgeld von Geschäftsinhabern der Region. Auch Antonis Kanakis, ein erfolgreicher Fernsehsatiriker und Strandbarbesitzer, musste zahlen.

Prominente Köpfe aus bester Gesellschaft

Noch erschreckender als die Details der Taten lesen sich die Namenslisten der nun angeklagten Gangster. Als Kopf der Bande wurde Markos Karamperis identifiziert. Sein Name tauchte bereits 2008 im Zusammenhang mit den klösterlichen Vatopedion- Immobiliendeals mehrfach auf (Griechenland: Korruption ohne Korrumpierte). Offiziell betrieb der gute Mann Nachtlokale, vermietete Immobilien, darunter pikanterweise auch an Finanzämter und das Justizministerium und machte mit seinem operativen Geschäft hochoffiziell andauernd Verluste.

Trotzdem hatte der Mann Geld, viel Geld. Diese Millionen, so behauptete er, habe er bei Fußballwetten gewonnen. Mehr als 2.200 eigens für diese Geldwäsche gekaufte Wettscheinbelege wies er dafür gegenüber dem Finanzamt vor. Erst jetzt fiel auf, dass mit den Scheinen etwas nicht stimmt. Denn um sie alle aufzugeben, hätte der smarte Karamperis in Lichtgeschwindigkeit kreuz und quer durch Hellas düsen müssen und dabei – als darbender Geschäftsmann – hunderttausende Euros in der Tasche haben müssen.

Offensichtlich war er mit dieser legalen Fassade würdig genug für die Politik. Denn bei den Regionalwahlen 2010 wurde er von der an der aktuellen Regierung beteiligten LAOS-Partei als Vizegouverneur vorgeschlagen. Die Partei distanzierte sich am Wochenende unter dem Eindruck der mafiösen Aktionen ihres Wahlkandidaten von ihm. Man habe seinerzeit nichts über den Mann gewusst, denn schließlich habe er ein reines polizeiliches Führungszeugnis vorweisen können, heißt es in einer Erklärung.

In Thessaloniki findet sich jedoch kaum ein Bewohner, der nicht schon längst wusste, dass Karamperis zumindest ein verschlagener Hallodri ist. Zur Entlastung der Parteiverantwortlichen könnte dienen, dass Karamperis im Besitz eines Waffenscheins ist, somit also theoretisch durchaus eingehend polizeilich überprüft wurde. Allerdings liegen in der Praxis die Hürden für so einen Schein in Hellas nicht besonders hoch (Ist die EU eine "Hochsicherheitszone"?).

Trauzeuge und eng befreundet war Karamperis auch mit dem Politiker Panagiotis Psomiadis, dem aufgrund einer Verurteilung wegen Amtsmissbrauch suspendierten Gouverneur Thessalonikis. Dass Psomiadis, der sich im Winter 2009-2010 um den Vorsitz der Nea Dimokratia bewarb und dabei einen Achtungserfolg erzielen konnte, mit der ersten Frau des Selbstmordopfers Margiolis vermählt ist, ist ebenso nur ein weiteres interessantes Detail am Rande wie die Tatsache, dass die Nea Dimokratia aktuell auch an der Regierung beteiligt ist.

Anzeige