Chicago mit der Seele suchen

Deephouse gewinnt an Boden in der Clubnation Deutschland

Eine eingeschworene Gemeinde in Clubland Deutschland schwört seit Jahren auf Deephouse als der tiefsten Reinkarnation von jazzigen und souligen Akkorden über orthodoxen Housebeats. Derzeit scheint die Szene-Bewegung aus dem lasziven Ghetto plüschiger After-Hours-Nächte auszubrechen und immer mehr Anhänger zu finden, während zugleich die Zahl deutscher Deephouse-Produktionen steigt. Jan Joswig von de:bug macht sich auf die Suche nach dem lokalen Spirit in der Deephouse-Nation.DE.

Deephouse-Produzent Vincenzo aus Hamburg

Balearic-House ist die Musik, die man nie runterpitcht. Deephouse ist die Musik, die man nie hochpitcht. Auf mehr Definitionseinengung würden sich Deephouse-Jünger (sic!) nie einlassen. Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Und der Vibe, deutsch mit einem entschuldigenden Achselzucken mit 'Gefühl' übersetzt, liegt jenseits der Diskutierbarkeit. Da, wo Mütter die Gräber ihrer verlorenen Söhne harken, in Chicago, brachte Larry Heard 1986 als Mr. Fingers "Can you feel it" heraus, 1989 Ron Trent "Altered States", dazwischen war die Blaupause gelegt für ein Genre, dessen Emotionsmystizismus nur mit dem des klassischen Freejazz, dessen Formkonservatismus aber nur mit dem dänischer Oldtimejazzer neben Smörrebrödständen vergleichbar ist. In keinem Genre sind die musikalischen Bausteine so eng definiert, in keinem sind sie so schwer ohne den Phrasenverdacht reproduzierbar. Deephouse befindet sich auf der Suche nach dem heiligen Nadelör, an dem es von selbstgewählter, sprachlicher Begrenzung zum Kuss der Musen hindurchspringt. Dieser Sprung wird seit Anfang der 90er auf Chicagoer Labeln wie Ron Trents "Prescription", auf "Guidance" und "Large" oder der New Yorker Gründerzeitlinie von "Nu Groove" und Kerri Chandlers "Madhouse" bis zu Francois Kevorkians "Wave" und zum aktuellen Konsenslabel "Naked" aus San Francisco kultiviert.

Ahnenkult

Das zentrale Gefühl in Deephouse heißt: Ehrfurcht. Die Ehrfurcht der amerikanischen Originatoren vor IHM, die Ehrfurcht der internationalen Erben vor den Originatoren, IHNEN. Zu den erhebendsten Momenten in Deephouse gehört das Beschwören von DJ- und Produzentenstammbäumen vor wattierter Orgel wie in Basil Hardhouses "Hard for the DJ" oder Jovonns "Back in the Dark" (beides selbst Originatoren). Das deutsche Produzentenduo Netto Houz hat auf Spielkarten eine Heldengalerie angelegt - von Larry Heard, Glenn Underground, Chez Damier bis zurück zur DJ-Legende Ron Hardy. Tradition hat ein stärkeres Gewicht als Innovation. Romantischer Gefühlskonservatismus gebietet einen delikaten Umgang mit der eingeführten Sprache, ein Fortschreiben von Stimmungen, aber kein Neuschreiben. Wolfgang Tilmanns gab auf die Frage, was das Leben lebenswert mache, zur Antwort: Wärme. Nach dieser Wärme fahndet Deephouse. Und nie das Fender Rhodes vergessen. Needs, neugeshootete Houseproduzenten aus Frankfurt:

"Wenn wir in der elektronischen Musik Sachen wahrgenommen haben, dann waren es solche, die eine gewisse Wärme hatten. Selbst bei Techno waren das dann eher UR, nicht deren harte Sachen, sondern 'Galaxy to Galaxy'. Obwohl, das sagt ja jeder heute." Und: "Es wird in unseren Produktionen keine Revolution passieren, studiotechnisch oder aussagemäßig. Es wird wahrscheinlich für die Leute, die jetzt auf unsere Musik stehen, das gleiche Gefühl greifbar bleiben."

C-Rock, althasiger Houseproduzent aus Frankfurt und Betreiber der Label "Stir15" und "Lo-Fi":

"Deephouse ist ja nicht House mit avantgardistischen Zügen, Deephouse ist eine absolute Bauchmusik, bei der ganz, ganz wenig Kopf dabei ist. Bei der Musik an sich ist alles untenrum."

Jovonn, althasiger Houseproduzent aus New York:

"Livin' in the dark, dark rooms, smokey atmosphere, everybody's eyes is closed, the gritty, the hard Kicks, the fat bass lines, the Jazz chords..."

Die Jazz Chords und der Soul, wie beim benachbarten Garagehouse werden diese Linien beerbt. Aber wo Garage sich über Gesang, Refrains und Gefühls-Exaltationen die Party nicht verderben lassen will, tröstet Deephouse in introvertierter Nachdenklichkeit über die Hinderungsgründe zur Party hinweg. Das ist starker Pathos-Tobak, der obendrein gerne mit dem Hinweis auf einen afroamerikanischen Erfahrungshorizont von Sklavenschiff bis Inner City Ghetto ethnopolitisiert wird. Deephouse als der aktuelle Blues der Jahrtausendwende aus den schwarzen Innenstadtbezirken der USA. Hat deutscher Deephouse damit das gleiche Transformationsproblem wie deutscher Hip Hop? Kann es so etwas überhaupt geben, deutschen Deephouse?

Netto Houz

Krautrock und Neue Deutsche Welle gelten als Musikstile, deren Ästhetikschwerpunkt in Deutschland liegt; Techno seit Trance als Stil, der zumindest einzelne Ästhetikschwerpunkte in Deutschland hat. Deephouse dagegen eilt der Mythos einer ur-amerikanischen und ur-schwarzen Musik voraus, deren gern beschworene Spiritualität nur vor diesem Hintergrund zu fassen sei. Deutscher Deephouse sei deshalb ein paradox. Das Misstrauen gegen illegitime, unempfundene Plagiate ist gerade in einem authentizistischen Genre, dass mit dem "Deep" keine Scherze treibt, groß. C-Rock:

"Die deutschen Stir 15-Sachen gelten immer noch als obskur, gerade wenn sie ganz traditioneller House sind wie das Glissando Bros.-Album. Das wird eher mit Argwohn betrachtet."

Aber im transatlantischen Austausch via 12-Inches heißt verstehen nicht, die Differenz zwischen dem Lebensumfeld der amerikanischen Produzenten und dem eigenen herauszuhören und aufzulösen; afroamerikanischer als Afroamerikaner werden zu wollen. Verstehen heißt zu erkennen, dass man die Deephousecodes von Übersee verinnerlichen und mit ihnen arbeiten kann, dass man ihnen aber möglicherweise ganz andere Signifikanz zuschreibt. Gleiche Sprache, andere Bedeutung. Das Bewusstsein von den transatlantischen Missverständnissen rechtfertigt es, einen Stil zu internationalisieren und ein individuelles Idiom zu entwickeln, das niemals falsch, nur anders sein kann. Needs: "House is a Feeling." Und zwar ohne enger zuschreibende Adjektive vor dem Feeling wie afro-american oder Ghetto. Dieses Feeling erlebt man als deutscher Fan und Produzent eben nicht vor Ort, man erhört es in der medialen Vermittlung, über Schallplatten. In den Rillen sitzt the Gritty, the fat Basslines, the Jazz Chords, das ganze Untenrum - und das Fender Rhodes nicht vergessen.

Die Berliner Netto Houz waren 1998 die ersten, die mit "Room 7107" (Ladomat 2072-1) im Albumformat ein massives Bekenntnis zu neotraditionalistischem Deephouse setzten. Damit standen sie in einer gerade die Möglichkeiten von Minimalästhetiken entdeckenden oder zu Mousse Ts Partygarage die Handtasche schwenkenden Houseszene in Deutschland wie der einsame Rufer im Walde da (und sind erst einmal verstummt...). Der Hamburger Vincenzo, der auf dem Parallellabel zu Steve Bugs "Poker Flat", "Dessous", veröffentlicht, stieß ein Jahr später mit seinem nonchalanten Album "1-800-Vincenzo" (Dessous 001), die Tür weiter auf und definierte den Rahmen zwischen Deephouse und Downtempo, in dem sich Deepness am ehesten mit "heimeliger Eleganz" übersetzen lässt.

Glance

Nach diesen Einzelauftritten im Albumformat ist deutscher Deephouse seit dem letzten Jahr zu einem erkennbaren Phänomen gereift. Vor allem die Alben von Glance, "Never in Time" (Stir15 DLP 3) und den Glissando Bros., "A great Gift anytime" (Stir15 DLP 4) sowie die Eps der Leipziger Gamat 3000 (Album geplant für Frühjahr 2001, www.gamat3000.de) und der Frankfurter Needs reihen sich zu einem Profil, das einen in Amerika klassischen Stil als Alternative zu einer durch den Minimal-Präfix immer homogenisierteren (und formalisierteren) House- und Technoavantszene in Deutschland in Stellung bringen könnte. Needs grenzen ab:

"Die Minimalhouseschiene hat in unserem Kosmos niemals eine Rolle gespielt. Es ist nicht so, dass wir eine gute Platte von Robert Hood oder Daniel Bell nicht hätten schätzen können, aber die gesamte Entwicklung, die im europäischen Rahmen stattgefunden hat, hat niemals den richtig großen Aspekt für uns gehabt... Wertschätzung und Respekt ist da, aber eben keine Beeinflussung."

So sehr sich die deutschen Deephouse-Enthusiasten noch als Außenseiter fühlen, wenn in einer allgemeinen Minimalermüdung ihre Haltung populärer wird, könnte Tanzelektronik in Deutschland in die klassizistische Epoche eintreten: Chicago "mit der Seele suchen" und statt Bauhaus-Kuben die Karl Friedrich Schinkel-Schule ausrufen. Traditionsehrfürchtige Nachkonstruktion kann genau so aktuell verbindliche Statements setzen wie avantgardebeflissene Neukonstruktion - und viel erhebendere. Die Gewissheit meißelt sich spätestens in den Househimmel, wenn man so etwas wie Needs' "So many things", Gamat 3000' "Radio Moon", Glissando Bros.' "Flowers" oder Glance' "Move when I move" hört. (Jan Joswig)