Chiliasmus

Unbekannter persischer Meister: Dhū l-Qarnain baut eine Mauer gegen Gog und Magog. Buchmalerei aus dem 16. Jh.

Christliche Endzeit und Juden - Teil 2

"Geh nicht in die Disco! - Womöglich kommt genau dann der Herr Jesus zurück - soll er Dich etwa an so einem Ort finden?!" - Dass viele Jugendliche aus evangelikalen Kreisen nicht in die Disco gehen und überhaupt recht "brav" sind, das liegt manchmal daran, dass sie die Wiederkunft Jesu erwarten, die Entrückung der Gläubigen und das Jüngste Gericht. Hinter diesem Glauben steht der "Chiliasmus". Dies ist eine in religiösen Kreisen weit verbreitete Ausprägung der Vorstellung der "Endzeit" im Sinne einer Heilsgeschichte. Was bedeutet dies und was steckt dahinter?

Teil 1: Das Ende der Zeiten

"Chiliasmus" nennt man die "religiös motivierte Erwartung eines innerweltlichen tausendjährigen messianischen Friedensreiches". Der Ausdruck kommt von "chilia ete", griechisch für "tausend Jahre"; für den angelsächsischen Raum sagt man "Millenarismus", von "millenarius", lateinisch für "tausendjährig". Diese Vorstellung gibt es in zwei Ausprägungen, als "Prämillenarismus" und als "Postmillenarismus".1

Prämillenarismus erwartet die Wiederkunft Christi vor dem Tausendjährigen Reich, Postmillenarismus erwartet sie am Ende des Tausendjährigen Reiches. Der Prämillenarismus ist weiter verbreitet - und zwar vor allem im angelsächsischen Raum.

Streng genommen beruht der Chiliasmus2 auf sieben Versen des letzten Buchs der Bibel, der Offenbarung des Johannes, und zwar Apk. 20, 1-7. Demnach gibt es erst ein tausendjähriges "Zwischenreich", beherrscht von Jesus und den ersten Auferstandenen, dann zettelt Satan einen Krieg an: Gog und Magog kämpfen um Jerusalem, Feuer fällt vom Himmel und vernichtet die Belagerungstruppen, der Teufel wird in einen Schwefelsee geworfen, wo ihn schon das Tier und der falsche Prophet erwarten, und dann bricht die ewige Heilszeit an. Diese Verse gehen wie die meisten Aussagen der Offenbarung auf eschatologische Vorstellungen des antiken Judentums zurück. Dort gibt es ähnliche Vorstellungen im Buch des Propheten Hesekiel3, und außerhalb der Bibel etwa im 4. Esrabuch, der syrischen Baruchapokalypse und im Testament des Isaak. Die Offenbarung des Johannes ist nicht das einzige Buch des Neuen Testaments mit solchen Vorstellungen. Wer sucht, kann sie auch in anderen Schriften entdecken: etwa die Auferstehung aller Toten am letzten Tage zum Gericht, und ewiges Heil oder ewige Verdammnis - je nach den Werken. Diese und ähnliche Ideen wurden in die Alte Kirche4 aufgenommen, aber sie waren immer ein randständiges Phänomen und wurden von der Gesamtkirche nie wirklich akzeptiert. Dennoch kann man sie als "kreative und provozierende Utopie" verstehen, weil sie das Selbstverständnis der Glaubensgemeinschaft auf einen gemeinsamen Grund stellte.

Unbekannter persischer Meister: Dhū l-Qarnain baut eine Mauer gegen Gog und Magog. Buchmalerei aus dem 16. Jh.

Im Mittelalter entwickelte sich ein sozialrevolutionärer Chiliasmus.5 Zur Zeit der Reformation und in der Neuzeit6 blieben derartige Vorstellungen zunächst weiterhin am Rande. Erst im 17. Jahrhundert wurde der protestantische Chiliasmus wirklich bedeutsam. Erstens, weil man hoffte, das Evangelium noch vor dem Ende der Welt durchzusetzen - nur dann hat die Hoffnung auf ein 1000jähriges Reich auf der Erde überhaupt Sinn. Zweitens, weil die Bibelausleger fanden, dass die Vorhersage aus der Offenbarung auf keine vergangene Epoche wirklich passte und man sie also noch erwarten müsste.

Dann ging die spanische Armada 1588 unter und dies wurde als Wunder aufgefasst. Englische Protestanten hielten ihr Land für die "ausgewählte Nation". Und so erlebte der Chiliasmus in England des 17. Jahrhunderts eine Blüte, zunächst vor allem der Prämillenarismus. Im 18. und 19. Jahrhundert dann der Postmillenarismus, dieser auch in Deutschland, vor allem durch die Arbeit von Johann Albrecht Bengel7: Man erwartete den Niedergang des Papsttums, eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes, die Bekehrung und Wiederherstellung des jüdischen Volkes, die Evangelisierung der Welt, und in Folge all dessen eine lange Zeit des Friedens und Wachsens der Kirche, bis Jesus wiederkäme.

Im 19. und 20. Jahrhundert gewann wieder der Prämillenarismus die Oberhand, weil die Französische Revolution als wichtiger Schritt im Fallen des päpstlichen Antichristen verstanden wurde: Die Gegenwart war schlimm - und nur die Wiederkunft Christi würde das Millenium herbeiführen können. Heute sind chiliastische Vorstellungen durch die historisch-kritische Methode der Bibelforschung in der wissenschaftlichen Theologie überholt, aber in konservativen christlichen Kreisen wahrscheinlich weiter verbreitet als je zuvor.

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