China-Bashing

Die westlichen Medien arbeiten sich an einem neuen alten Feindbild ab

Die politische und gesellschaftliche Diskussion über den Tibet-Konflikt ist im höchsten Maße politisiert. Große Teile der Gesellschaft haben ein klares Bild von diesem Konflikt: Auf der einen Seite stehen gleichgeschaltete bedrohlich wirkende Chinesen, die mit äußerster Macht gegen friedliche Mönche vorgehen. Auf der anderen Seite stehen die Tibeter, die romantisierend zu edlen Wilden verklärt werden. Böse Menschenrechtsverletzer hier, gute gewaltlose Mönche dort – klar auf welcher Seite man selbst stehen will. Differenziertheit ist da nicht erwünscht, man möchte kognitiven Dissonanzen schließlich aus dem Wege gehen. Die Medien haben dieses Bild mit der Zeit geschaffen und bedienen es bereitwillig. Es ist ja auch bequem, komplexe Themen eindimensional darzustellen und auch noch auf der Seite der Guten zu stehen. Die Exiltibeter und der Dalai Lama spielen den Medien mit ihrer Hollywood-Strategie dabei kongenial in die Karten.

Der Unterschied zwischen dem realen Westen und seinem idealisierenden Selbstbildnis und den Ansprüchen, die er daraus an andere anlegt, könnte größer kaum sein. Chinas Menschenrechtsverletzungen sind natürlich zu verurteilen, sie richten sich aber nicht speziell gegen Tibeter, sondern die Chinesen sind selbst Opfer dieser Politik. Wenn nun die tibetischen Opfer sich nach einigen Tagen friedlicher Demonstrationen gegen die chinesischen Opfer erheben, chinesische Geschäfte anzünden, deren Besitzer bei lebendigen Leibe verbrannten, und chinesisch aussehende Passanten steinigen, so ist diese rohe Gewalt und durch nichts zu rechtfertigen.

Kein Staat würde dies dulden – anscheinend sind die Unruhen in Los Angeles aus dem Jahre 1992 bereits in Vergessenheit geraten, bei denen 20.000 US-Sicherheitskräfte und Soldaten 7.000 Menschen festnahmen und es zu 53 Todesopfern kam - teils durch gezielte Schüsse der Sicherheitskräfte. 1996 fanden in Atlanta die olympischen Spiele statt und niemand kam auf die Idee, beim Fackellauf gegen die USA zu demonstrieren.

Wenn in den Medien von einem Völkermord die Rede ist, so beleidigt dies alle Opfer wirklicher Völkermorde und wenn von ernsthaften Kommentatoren argumentiert wird, die Chinesen würden Tibet „überfremden“, weshalb die Tibeter ein Recht auf Widerstand hätten, so spielt dies natürlich auch den Rechtsextremen in Deutschland in die Hände, die ähnliche Argumentationsmuster pflegen. Aber tibetischer Nationalismus ist natürlich etwas anderes, da er irgendwie pittoresk und romantisch daherkommt. Faktisch spielen solche Argumente natürlich auch den chinesischen Hardlinern in die Hände, die ja immer argumentieren, man könne den Tibetern nicht mehr Autonomie einräumen, da dies zu einem Nationalismus führen würde, der die dort lebenden Chinesen unterdrückt.

Aus diesem Grund sind die chinesischen Dissidenten und Regimekritiker mit der Berichterstattung westlicher Medien, die in chinesischen Medien als Propaganda dargestellt wird, und den Aktionen der „Free-Tibet“ Aktivisten auch sehr unglücklich. Chinesische Schriftsteller und Regimekritiker befürchten, dass die einseitige Berichterstattung westlicher Medien und die Protestaktionen die Nationalisten beider Seiten in einen Teufelskreis gegenseitiger Beschuldigungen treiben. Wenn die Berichterstattung westlicher Medien schon einen ausgewiesenen Regimekritiker wie Li Datong anwidert, welche Effekte soll sie dann bitte auf „normale“ Chinesen haben?

Die meisten Chinesen reagieren mit Verbitterung und tiefer Enttäuschung – und dies nicht zu Unrecht. Bisweilen schlägt die Berichterstattung von gefärbter Einseitigkeit in blanken Rassismus um. In dieser Woche war in britischen Medien von widerwärtigen, schrecklichen, roboterhaften, mysteriösen und zurückgebliebenen Schlägertypen (alles Originalzitate) zu lesen, die aus der rechtschaffenen edlen Insel einen polizeistaatlichen Albtraum machen wollten – als sei dies in einem Land mit den rigidesten „Antiterrorgesetzen“ (vgl. dazu Britische Antiterrorgesetzgebung verstößt gegen die Menschenrechte) und 4,2 Mio. Überwachungskameras überhaupt noch nötig.

Es ging dabei um 15 Chinesen, die als Sicherheitskräfte vom chinesischen NOK angeheuert wurden, um einen reibungslosen Fackellauf in London zu gewährleisten. Bewaffnet waren sie mit einer kleinen schwarzen Tasche, in der nichts anderes war, als ein Zippo-Feuerzeug, mit dem sie die Fackel bei Bedarf neu entzünden können – im raucherfeindlichen Großbritannien ist dies sicher auch nötig.

Unbewaffnet joggten sie im Trainingsanzug neben der Flamme her und nirgends ist ein Beleg zu finden, dass sie Gewalt angewendet hätten oder sich in einer anderen Form unbotmäßig verhalten hätten. Ganz anders als ihre 2.000 britischen Kollegen, die 37 Demonstranten inhaftierten und dabei nicht eben zimperlich vorgingen.

Das unglaubliche Verbrechen dieser Chinesen war es vielmehr, dass sie irgendwie seltsam aussahen, was die Medien zu eigenwilligen Spekulationen verleitete. Durch die Reihe war in den Medien von „Schlägertypen“ die Rede, die mit ihren Ohrstöpseln und schwarzen Handschuhen irgendwie „mysteriös“ aussahen - bei spätwinterlichen Temperaturen mit Schneeregen ist das Tragen von Handschuhen natürlich unüblich. In London wurden schon Brasilianer von der Polizei erschossen (siehe Panikalarm), da sie für das Wetter unübliche Kleidung trugen und irgendwie “mysteriös” aussahen. So gesehen, ist es den Chinesen noch glimpflich ergangen.

Ein Kommentator der Daily Mail phantasierte gar, die „Schläger“ würden fürchten, dass ihnen die Organe entnommen werden, wenn sie einen Demonstranten mit der Fackel entkommen ließen. Auch die deutschen Medien konnten es nicht sein lassen und stiegen in das sinophobe Geplärre mit ein. Die TAZ fragte sich wer „Chinas „Schläger” im Ausland” sind, die dpa schwadroniert, die Fackelwächter hätten ein Gardemaß von mindestens 1,90m.

Dabei hätte ein einziger Blick auf die Agenturphotos genügt, dies in das Reich der Mythen zu verbannen. Neben der 1,73m großen Fackelläuferin Denise Lewis wirken die Hünen der dpa eher kleinwüchsig – aber was interessieren schon Details, wenn man es martialisch krachen lassen kann. BILD findet das alles unfassbar und titelt “Prügel-Chinesen beschützen das olympische Feuer”, ohne freilich belegen zu können, was “Chinas brutale Blau-Männer” eigentlich so Schlimmes getan haben sollen, außer mysteriös auszusehen.

Bei all dem sollte man nicht vergessen, dass die Planung für die Protestaktionen im Vorfeld der Olympischen Spiele im Mai 2007 auf einem Kongress der Exiltibeter in Brüssel koordiniert wurde, der von der FDP-nahen und von Steuergeldern finanzierten „Friedrich Naumann Stiftung für Freiheit“ veranstaltet wurde. Der ehemalige „Schattenaußenminister“ Wolfgang Gerhard gab dort das Leitmotiv an:

Unsere (sic!) Zeit ist jetzt gekommen – besonders wegen der Olympischen Spiele im nächsten Jahr.

Auch eine Vertreterin des State-Department war anwesend – niemand geringeres als das PNAC Mitglied Paula Dobriansky, ehemalige Vize-Direktorin des berüchtigten National Endowment for Democracy. Da wundert es auch nicht, dass eben diese staatlich finanzierte „Stiftung“ die exiltibetische Dachorganisation, die mit der Koordination der Aktionen im Umfeld der Olympischen Spiele beauftragt wurde, mitfinanziert.

Sinophobie ist partei- und richtungsübergreifend. Auch im linksalternativen Spektrum scheint sie ähnlich populär zu sein, wie im rechten Spektrum die Islamophobie. Die Vorstöße der westlichen Politik sind an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten. Besonders problematisch ist, dass die Kritik – und sei sie im Einzelfall noch so berechtigt – eher das Gegenteil dessen bewirkt, was sie vorgibt, bewirken zu wollen. Die Transformation Chinas ist bereits im Gange, die „Fesseln“ der Meinungs- und Pressefreiheit werden langsam aber stetig gelockert, eine erfolgreiche Ausrichtung der Olympischen Spiele würde diesen Trend nur verstärken.

Werden die Spiele zu einem ähnlichen Desaster wie der Fackellauf, so stärkt dies die rückwärtsgewandten Parteikader, die gegen eine Öffnung Chinas sind. Will man die liberalen Kräfte stärken, so ist dies nur über einen kooperativen Dialog zu erreichen und nicht durch Demütigungen und Pauschalverurteilungen. Auch die Tibetfrage kann nur friedlich gelöst werden. Jetzige Bewohner zu vertreiben, Grenzen zu verändern und der ehemals unterdrückten Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, ihrerseits zu unterdrücken, schafft neue Aggressionen, neues Leid und neue Gewalt.

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