China: Erste Kinder angeblich geboren, die mit Gene Editing behandelt wurden

Screenshot aus Video

Der leitende Wissenschaftler erklärt, dass es kein moralisches Problem bei solchen Eingriffen in die Keimbahn gebe und dass die Menschen von Erbkrankheiten befreit werden sollten

Die Bild-Zeitung war gestern schnell dabei und meldete: "Gentech-Hammer in China!" In dem ansonsten weitgehend von AP abgeschriebenen Artikel heißt es allerdings falsch, dass der Wissenschaftler He Jiankui behauptet habe, es sei ihm gelungen, "erstmals das Genmaterial von Neugeborenen komplett künstlich zusammenzustellen". Tatsächlich berichtete He Jiankui in mehreren Videos, dass er mit seinem Team in seinem Genetik-Labor an der Südlichen Universität für Wissenschaft und Technik in Shenzen ein einzelnes Gen mit der CRISPR-Genschere durch Gene Editing ausgeschaltet habe.

Es handelt sich um einen ähnlichen Tabubruch, wie er nach der Entwicklung des Klonens geschehen ist. Hier kam es zu Verboten von Versuchen an menschlichen Embryonen, während einzelne Wissenschaftler und Organisationen um Aufmerksamkeit buhlten und erste Klonkinder ankündigten. Es waren schließlich ebenfalls chinesische Wissenschaftler, die erstmals mit der Methode des somatische Zellkerntransfers Primaten klonten, wie Anfang des Jahres berichtet wurde. Es handelte sich um Langschwanzmakaken. Die Wissenschaftler von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften erklärten, dass es nun auch möglich sei, Menschen zu klonen, was sie aber nicht anstrebten. Die Klonierung der Makaken sei wichtig, weil diese für Medikamententests verwendet würden. China wolle mit genetisch identischen Makaken als Tiermodelle führend auf der Welt werden. Die Wissenschaftler berichteten von ihrem Erfolg in der Zeitschrift Cell.

Sollte das Team um He Jiankui nicht nur Embryonen mit der Genschere CRISPR/Cas9 gezielt genetisch verändert haben, was bereits mehrmals geschehen ist (Durchbruch bei der gentechnischen Veränderung des Menschen) und auch von He gemacht wurde, sondern es geschafft haben, dass daraus gesunde Kinder entstanden sind, würde damit wohl irreversibel die Keimbahntherapie beginnen. Mit der Genschere lassen sich gezielt einzelne Gene einbauen oder ausschalten, die dann auch an die Nachkommen vererbt werden - mit allen Vorteilen, aber auch möglichen Nachteilen. Letztes Jahr hatten Wissenschaftler berichtet, dass durch Gene Editing das Risiko für Nebenwirkungen steige. Es könne zu Hunderten von nicht erwünschten Mutationen im Prinzip überall im Genom kommen. Die Wissenschaftler haben das erste Mal einen Organismus vollständig sequenziert, der mit CRISPR verändert wurde (CRISPR-Genom-Editierung mit unerwünschten Nebenwirkungen).

Der von seinem Erfolg begeisterte He Jiankui. Bild: Screenshot

Die chinesischen Wissenschaftler haben angeblich das Gen CCR5 verändert, das einen Co-Rezeptor für die HIV-Infektion darstellt. Wie He sagt, haben einige Menschen die Genvariante CCR5-Δ32, wodurch sie vor einer HIV-Infektion geschützt sind. Nach He wurde mit der Genschere diese Mutation eingeführt, um CCR5 unschädlich zu machen. Bei einer IvF wurden Embryos von sieben Paaren genverändert, bislang wurden von einer Frau, die ebenso wie ihr Mann angeblich nicht genannt und befragt werden will, Zwillinge geboren. Die Mädchen seien gesund.

He, der auch eine Firma mit dem Namen Direct Genomics besitzt und deswegen auf direkten kommerziellen Erfolg aus sein dürfte, erklärte, er wollte nicht nur der Erste sein, sondern auch ein Beispiel setzen. Die Gesellschaft, so sagte er gegenüber AP, müsse jetzt entscheiden, was als nächstes getan werden sollte. Von Designer-Kindern dürfe man nicht sprechen, das verletzte Eltern mit Erbkrankheiten. Wenn dann solle man von "genchirurgischen Babys" sprechen. In 20 oder 30 Jahren wären Menschen, die mit einem Gene Editing behandelt wurden, ebenso selbstverständlich wie heute Menschen, die durch künstliche Befruchtung auf die Welt gekommen sind.

Nach der Befruchtung wird das CRISPR/Cas-System in Zelle injiziert. Bild: Screenshot aus Video

Ansonsten gibt er sich als Wissenschaftler, der "auf Sicherheit und einen wirklichen Vorteil für den Patienten" setzt, Sicherheit gehe ihm über alles andere. Schon technisch sei das Gen sicherer zu verändern als andere, weil es weiter von anderen Genen entfernt sei. Dazu sei CCR5 das mit am besten untersuchte Gen und man müsse nur ein paar Moleküle entfernen. Dazu wäre HIV weiterhin eine tödliche Krankheit, für deren Behandlung medizinische Fortschritte notwendig seien. Mit seiner Methode könne man nicht alle heilen, aber einigen betroffenen Familien mit hohem Risiko helfen, ihre Kinder vor diesem Schicksal zu schützen.

Um den Tabubruch abzumildern, hat er sich selbst und anderen ethische Richtlinien gegeben. Die Genchirurgie dürfe nur bei Familien eingesetzt werden, die wegen eines kaputten Gens, Unfruchtbarkeit oder einer verhinderbaren Krankheit in Not sind. Sie dürfe "niemals für Ästhetik, Verbesserung oder Geschlechterwahl oder auf eine Weise benutzt werden, die das Wohlergeben, die Freude und den freien Willen eines Kindes beeinträchtigen würde. Niemand hat das Recht, die Genetik eines Kindes zu bestimmen - mit Ausnahme zur Verhinderung von Krankheiten." Die Risiken müssten durch die medizinischen Notwendigkeiten überwogen werden. Die Autonomie eines Kindes sei zu achten. Gene würden den Menschen nicht definieren. Aber dann kommt doch das Versprechen, das zugleich ein Geschäftsmodell ist, aber natürlich nur im besten Sinne: "Jeder soll frei von Erbkrankheiten sein. Reichtum soll nicht die Gesundheit bestimmen. Organisationen, die Gentherapien entwickeln, habe eine tiefreichende moralische Verpflichtung, Familien aus jedem Hintergrund zu dienen."

Dazu passt, dass Anfang November eine Umfrage veröffentlicht wurde, nach der mehr als 60 Prozent der Chinesen die Erforschung, Entwicklung und Anwendung von Gene Editing befürwortet. Die Meisten seien dafür, Gene Editing zu erlauben, und zwar für ein großes Spektrum: neben erblichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Korrektur von krebsverursachenden Mutationen auch zur Verlängerung der Lebensspanne und zur Bekämpfung des Demenzrisikos. Auch der Schutz vor einer HIV-Infektion wird hier benannt. Zufall?

Als Ergebnis der Umfrage wird der Schluss gezogen, dass die Forschung mit Gene Editing in China "nicht nur ein vielversprechendes Potential" habe, sondern auch "den Bedürfnissen der Menschen" entspreche. Die Menschen hätten zudem ein hohes Vertrauen in die Kontrolle der Regierung. He Jiankui hatte auch einen Kommentar dazu abgegeben. Man darf also annehmen, dass die Regierung Gene Editing beim Menschen erlauben und fördern wird, aber nicht-therapeutische Anwendungen wie die Verbesserung des IQ verbieten wird, also etwa in dem Sinne der ethischen Richtlinien von He.

Vorerst jedoch scheint sich die chinesische Regierung noch distanzieren zu wollen. Ein Mitglied der Nationalen Gesundheitskommission, zuständig für Ethik-Evaluation, sagte der SMCP, man habe davon nichts gewusst: "Wir haben es gerade im Internet gesehen. Wir sind genauso geschockt wie alle anderen." Allerdings wurden ein Versuch vom Ethikkomitee der Universität genehmigt, die Genehmigung ist auch online und auch auf Englisch zugänglich. Sie wurde aber erst am 8.11. rückwirkend erteilt. Das Labor veröffentlichte aber eine nicht unterschriebene Genehmigung auf Englisch aus dem Jahr 2017, in einer chinesischen Fassung ist sie unterschrieben. Daraus könnte man ableiten, dass die Nationale Gesundheitskommission die Kontrolle nicht ausübt oder nicht ausüben kann.

Siehe zur Diskussion über Keimbahntherapie den Essay von Gregory Stock, der 1998 die erste Konferenz über die Chancen und Risiken einer Keimbahntherapie organisiert hat: Keimbahn-Therapie. Die Aussichten für gentechnische Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Francis Collins, der Leiter des amerikanischen Humangenomprojekts, hatte offenbar die richtige Ahnung, als er 2001 sagte: "Wenn wir in 20 Jahren erfolgreich gelernt haben werden, in eine Zelle einzugreifen und sehr chirurgisch ein einzelnes Basenpaar von Genen im Genom in etwas zu verändern, das keine Krankheit verursacht, dann wird es verführerisch sein, sich dies ganz ernsthaft zu überlegen. In vielleicht 20 Jahren werden wir soweit sein."

(Florian Rötzer)

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