China: Innen Hui, Außen Pfui

Die Bedingungen für chinesische Arbeiter in Pakistan sind hart. Foto: Gilbert Kolonko

Ein Blick in die Nachbarländer Chinas zeigt: Für die Erde ist das "System China" bisher nicht gesünder als der "freie Markt" des Westens

Fünf erschossene Demonstranten im April 2016 in Bashkhali bei Chittagong. Ein weiterer getöteter Demonstrant im Februar 2017 an gleicher Stelle. Wieder hatte es Proteste gegeben, gegen ein von China finanziertes Kohlekraftwerk.

Warum die Polizei gegen Anwohnerproteste tatkräftig unterstützt wird, zeigt, wer da Pekings Geschäftsinteressen durchsetzt: Selbst die konservative Bertelsmann Stiftung hat das wirtschaftlich aufstrebende Bangladesch zur Autokratie erklärt. Wohl auch wegen ihres besonderen Auslesesystems bei Wahlen.

Obwohl die Opposition die Wahlen zwischen 2013 und 2017 boykottiert hat, kam es in dieser Zeit zu mehr als 1000 Toten politischer Gewalt und 53.000 Verletzten, weil sich vorwiegend Anhänger der Regierungspartei mit der Partei der Awami-Liga bekämpften. So ist garantiert, dass der Kandidat mit der besten Schlägertruppe vorort das Rennen macht.

Später können diese Schlägertrupps Anwohner-Proteste gegen "Entwicklungs-Projekte" niederknüppeln - dafür wird der gewählte lokale Kandidat der Awami Liga mit Aufträgen in Zusammenhang mit dem Projekt bedacht. Anschließend können die Schläger von der regierungstreuen Presse als Gegendemonstranten bezeichnet werden.

Kohlekraftwerke "Öko"

Ein weiteres chinesisches Kohlekraftwerk mit einer Leistung von 1320 Mw wird am Andharmanik Fluß im Patuakhali Distrikt gebaut, in dem zwei der großen Laichplätze des Hilsa liegen, des geschützten Nationalfisches des Landes.

Da die Kohle für das Kraftwerk auch hier per Schiff transportiert wird, sind Verschmutzungen des Flusses vorprogrammiert, selbst ohne eines der häufigen Schiffsunglücke mit Kohlefrachtern. Ein Rundgang am Hafen in Gabtoli bei Dhaka zeigt, was Kohle schon vor der Verbrennung anrichtet: Im Umkreis von einem Quadratkilometer sind die Wege und das Ufer schwarz - der Fluss sowieso.

Dhaka: Schon jetzt ist die Luftverschmutzung in den Großstädten von Bangladesch, Indien und Pakistan lebensgefährlich. Foto: Gilbert Kolonko

Die Regierung Bangladesch hat versprochen die Energiegewinnung aus Kohle bis zum Jahr 2022 von 2 Prozent auf 50 Prozent zu steigern, dann sollen 23.000 Mw durch Kohlekraftwerke produziert werden. China plant in Bangladesch mittelfristige den Bau von Kohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von 17 Giga-Watt.

Eine Studie des Global Environmental Instituts fand heraus, dass China zwischen 2001 und 2016 außerhalb des Landes 240 Kohlekraftwerke gebaut hat, mit einer Gesamt-Kapazität von 251 GW. 58 Prozent dieser Kraftwerke waren mit veralteter Technologie ausgestattet.

In China sollen bis 2020 "dreckige" Kohlekraftwerke geschlossen und durch Kraftwerke mit neuster Technologie ersetzt werden. Dazu sind die Umweltstandards für Kraftwerke in China zum Teil höher als in Europa und den USA.

Auch in Sachen Sprache hat China vom Westen gelernt. So nennt es billige und dreckige Müllverbrennungsanlagen einfach "Öko" und verkauft sie dann nach Indien, das unter Narendra Modi angeblich made in India produziert.

In Bangladesch sind China und Hongkong zu den größten Einkäufern der Gerbereien Dhakas geworden, eine der schlimmsten Verschmutzungsindustrien des Landes. Nach einer Studie leiden 63 Prozent der Arbeiter des neuen Gerbereiparks in Savar-Dhaka unter Gesundheitsproblemen.

Selbst die chromverseuchten Lederreste der Gerbereien werden noch zur Steigerung des Wirtschaftswachstums benutzt, indem sie zu Tierfutter verarbeitet werden. Deutschlands Einkäufer wandern nach Indien ab, wo die Ledergerbereien eine Idee sauberer arbeiten.

Wie der Westen, muss China mittlerweile Wachstum im Ausland erwirtschaften, um die steigenden Konsum-Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung zu befriedigen - dass Chinas Einkommensungleichheit so stark steigt, wie in keinem andern Land, gibt einen Hinweis, warum das so ist.

Peking ließ Sri Lanka mit Krediten einen Hafen bauen, den das Land nicht brauchte. Als Sri Lanka die Kredite nicht zurückzahlen konnte, riss sich China nicht nur den Hambantota Hafen für 99 Jahre unter den Nagel, sondern ließ sich als Zins auch noch ein Stück Küste überschreiben.

Auch China sorgt mit seinen Ledereinkäufen für Wachstum in Bangladesch und achtet daheim auf die Umwelt. Willkommen im Club. Foto: Gilbert Kolonko

Natürlich ist China nicht das erste Land, das Sri Lanka Kredite für fragwürdige Projekte aufschwatzt, doch Peking scheint einen Plan zu haben: Da die Regierung in Kenia chinesische Kredite nicht zurückzahlen kann, soll es den Hafen in Mombasa an China abtreten.

Wasserkraftwerke

In Nepal baut China jetzt große Wasserkraftwerke, deren Dämme die Flüsse stauen. Ein Blick nach Pakistan zeigt, was Fluss-Stauungen auf lange Sicht anrichten: In der südlichen Region Sindh ist mittlerweile das Indus Delta gefährdet, inklusive der Mangrovenwälder, mit schwerwiegenden Folgen für Natur und Mensch.

Ein Blick nach Bangladesch gibt einen Einblick, wie Nachbarländer unter Fluss-Stauungen leiden. Während der Regenzeit öffnet Indien die Schleusen seiner Staudämme, so dass noch mehr Wasser nach Bangladesch fließt und die Felder zum Teil für Monate überschwemmt. Wenn die bengalischen Bauern dann in der Trockenzeit das Wasser dringend benötigen, schließt Indien die Schleusen. Dadurch drückt Meerwasser in die Flüsse hoch und fördert die Versalzung.

Dazu war das Erdbeben 2015 in Nepal keine Fata Morgana. Ein Beben im April diesen Jahres in Katmandu, erinnerte die Nepalesen an die 9.000 Opfer von 2015. Auch Gletscherseen werden in Nepal zu einer zukünftigen Gefahr für Staudämme, dass müsste Peking eigentlich selbst wissen, gilt doch die gleiche Gefahr auch für ihr Land.

Dazu gebe es in Nepal Beispiele, wie die Wasserkraft genutzt werden kann, ohne die Flüsse zu stauen und nebenbei noch das Land nachhaltig zu entwickeln. Dass dies nicht passiert, liege jedoch nicht nur an China, wie mir Nepals Energieminister Sharma 2017 am Lehmofen sagte: "Die Weltbank will, dass wir durch ausländische Konzerne große Wasserkraftwerke bauen."

"Nicht anders als die westliche Konkurrenz"

Die Weltbank ist Nepals größter Kreditgeber. Das chinesische Gegenstück zur Weltbank und dem Internationalen Währungsfond ist die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB). "Sie arbeitet nicht anders als die westliche Konkurrenz - nur drückt sich China gewählter aus", sagt der Menschenrechtler Hasan Mehedi und fährt fort:

Die chinesischen Verantwortlichen luden mich sogar nach Peking ein, wo ich meine Kritik gegen einige ihrer Projekte in Bangladesch vortragen durfte. Über eine Stunde nickten sie verständig und gelobten Besserung… nichts ist seitdem besser geworden. Zurzeit arbeite ich an einem Handbuch mit vielen Beispielen für den Umgang mit China, damit meine Kollegen wissen, dass sie sich nicht von den schönen Worten einlullen lassen dürfen. Unter dem Strich geht es auch Peking nur um Einfluss und darum, die Entwicklungsländer durch Kredite in die Schuldenabhängigkeit zu treiben.

Hasan Mehedi

Auch Pakistan hilft China mit Kohlekraftwerken auf die Sprünge. In Islamabad plant die Regierung die Stromgewinnung aus Kohle von unter Ein-Prozent auf über 50 Prozent zu steigern. Alleine aus der Wüste Thar sollen durch chinesische Firmen jedes Jahr 3,8 Millionen Tonnen abgebaut werden - die gesamten Kohlevorkommen in der Wüste Thar reichen aus, um die nächsten 100 Jahre jährlich 200.000 MW Strom zu produzieren.

Doch die Kohleförderung ist sehr wasserintensiv und schon jetzt sind Grundwasserstöcke in der Nähe der Kohlegruben leer. In Anbetracht von Pakistans schweren Wasserproblemen fördert das den "Selbstmord auf Raten" des Landes.

Auch die indischen Gerbereien wie in Kolkata Bantala arbeiten nur eine Idee sauberer. Foto: Gilbert Kolonko

Dazu gibt es auch in Pakistan für China spezielle Wirtschaftszonen, in denen die Gesetze des Landes sogar offiziell nicht gelten.

Doch in Pakistan zeigt sich auch, dass China gelernt hat, eigene Pläne zu hinterfragen: Pakistans Generäle haben schon die Vereinigten Staaten von Amerika knapp 30 Jahre an der Nase herumgeführt und die letzten 19 Jahre als Melkkuh benutzt. 60 Milliarden hat China in den letzten Jahren im Zuge der Neuen Seidenstraße in Form von Krediten in Pakistan investiert, trotzdem ist das Land weiter in einem jämmerlichen Zustand.

Die pakistanische Rupie stürzte im ersten Amtsjahr von Imran Khan von 122 gegen über den Dollar auf 150 Rupien ab. Die pakistanische Börse ging Ende Mai so dramatisch auf Talfahrt, dass die Aktienhändler ihren Premierminister um Hilfe riefen.

Doch der ist trotz bester Absichten ein Gefangener der Geister, mit denen er zusammenarbeiten musste, um die Wahlen zu gewinnen: Der Armee, die andauernd das eigene Land bestiehlt und der Geister des Establishments, dem er erneut Steuern erlassen musste.

Die Zeche zahlte die Masse der Bevölkerung, mit der Erhöhung der indirekten Steuern. Trotzdem ist Pakistan wieder pleite und musste erneut beim IWF betteln gehen, um die laufenden Kosten bezahlen zu können: Über die Hälfte des Staatshaushaltes muss für die Armee und die Schuldenbegleichung ausgegeben werden. Doch den pakistanischen Generälen hat China jetzt gezeigt, dass es wegen ihrer Spielchen mit den Extremisten nicht das Geschäft mit Indien aufs Spiel setzt.

Vor einem Monat hat China zugestimmt, dass Mazood Azhar auf die Terrorliste der UN gesetzt werden kann. Mazood Azhar ist der Führer der Jaish-e-Mohammed, die hinter zahlreichen Anschlägen in Indien steckt und von der pakistanischen Armee und den Geheimdiensten hofiert wurde, da die Terrororganisation hilfreich im Kampf um Kaschmir war.

In Bangladesch, Indien und Pakistan wird zudem auch ohne Chinas Hilfe Kohle in Massen verbrannt. Foto: Gilbert Kolonko

Es bleibt zu hoffen, dass Peking auch eigene Fehler begriffen hat: Einfach ein paar tausend chinesische Arbeiter unvorbereitet in eine völlig fremde Kultur zu schicken, funktioniert nicht. Auch wenn anzumerken ist, dass sich nur eine geringe Anzahl von Chinesen in Pakistan danebenbenimmt, irgendwann macht es die Masse der "unangenehmen" Vorfälle und die Stimmung kippt: chinesische Banden, die Bankautomaten manipulieren; ein chinesischer Menschenschmuggler-Ring, der pakistanische Frauen nach China verkauft.

China hat den Schlüssel in der Hand

Dazu chinesische Arbeiter, die ihre pakistanischen Aufpasser verprügeln. Dabei war es ein pakistanischer Wachmann, der sich im November 2018 vor dem chinesischen Konsulat in Karatschi einem Selbstmordattentäter in den Weg stellte und mit seinem Leben Schlimmeres verhinderte. In China wurde daraufhin Geld für die Angehörigen gesammelt.

Zwei Monate zuvor gab es einen Selbstmordanschlag auf chinesische Arbeiter in Belutschistan, der drei pakistanischen Polizisten das Leben kostete. Trotzdem kam es auch schon zu ermordeten chinesischen Staatsbürgern. Wenn Peking in Pakistan erfolgreich sein möchte, müssen die Parteimanager aufhören, rein strategisch und profitabel wie der größte Konzern der Erde zu denken.

Ein Blick auf die Taten der USA in dieser Region verrät, dass einzig China einen Schlüssel in der Hand hält, um das beinahe Unmögliche zu schaffen: Pakistan wieder auf die Beine zu bekommen und die pakistanischen Generäle zur Vernunft zu bringen. Das würde auch Afghanistan eine echte Chance ermöglichen.

Wer wirklich glaubt, die USA sind in Afghanistan wegen der Bodenschätze oder eines anderen ausgeklügelten Planes, traut Washington bei weitem zu viel zu: In seinem mit wissenschaftlichen Methoden erarbeiteten Buch Directorate S zeigt Steve Coll detailliert auf, dass die Erde nicht von Verschwörern gelenkt wird, sondern von Stümpern.

Selbstverständlich war Afghanistan für die amerikanische Kriegsindustrie in großes Geschäft, aber ansonsten ein riesiges Desaster, das entstand, weil es keinen wirklichen Plan gab, was die USA eigentlich nach "Kriegsende" in Afghanistan wollten.

In Gabtoli wird die Kohle von Schiffen auf Laster verladen, dabei verfärbt sich die Umgebung schwarz. Bild: Gilbert Kolonko

Natürlich ist China auch nicht der Hauptschuldige am Klimawandel. 1948 entwickelte Maria Telkes in den USA ein Solarhaus, dass sich zu 75 Prozent selbst versorgte. Schon Mitte der 1950er-Jahre besaßen 80 Prozent aller Haushalte in Kalifornien einen solarbetriebenen Durchlauferhitzer.

Doch dann setzten sich die Industriebosse der Kohle- und Stromindustrie zusammen und nahmen dabei einen Schauspieler zur Hilfe, der das in Werbespots machte, was er später als Präsident der Vereinigten Staaten mit Margarete Thatcher tat: Im Auftrag der Industrie die Bevölkerung verblöden und es freie Marktwirtschaft nennen. Beides passiert heute noch, nur die Namen der Schauspieler in Werbung, Politik und Presse wechseln, um für das Märchen vom freien Markt zu werben.

Wenn der Westen wirklich einen freien Markt gelebt hätte, würde China wohl schon seit Jahren massenweise Solaranlagen an Bangladesch, Indien oder Pakistan verkaufen, anstatt Kohlekraftwerke. Obwohl wahrscheinlicher ist, dass China ohnehin ein sehr anderes Land geworden wäre.