China: Professor schlägt ärmeren Männern Teilung von Ehefrauen vor

Trotz Kritik in Sozialen Medien hält Xie Zuoshi seine Idee für zukunftsträchtig

In China erregt derzeit ein Vorschlag des an der Zhejiang-Universität lehrenden Wirtschaftswissenschaftlers Xie Zuoshi viel Aufsehen. Der Professor hat sich Gedanken über die möglichen Probleme gemacht, die dem 1,37-Milliarden-Einwohner-Land durch das (unter anderem durch selektive Abtreibungen entstandene) zahlenmäßige Übergewicht junger Männer drohen könnten: Auf 118 männliche kommen nämlich aktuell nur 100 weibliche Geburten. Millionen Junggesellen könnten seiner Ansicht nach ohne realistische Hoffnung auf eine Ehefrau nicht nur zu Vergewaltigern, sondern auch zu Mördern und Bombenlegern werden.

Xie Zuoshi schlägt deshalb etwas vor, wozu ihn die Tibeter inspiriert haben: Dass sich mehrere Männer eine Gattin teilen. Bei diese früher dort verbreiteten Form der Polyandrie heirateten meist zwei oder mehr Brüder eine Frau, wenn sie sich nur gemeinsam eine leisten konnten. Heute ist das Phänomen in Tibet praktisch verschwunden, existiert aber noch in anderen entlegenen Gebieten Asiens und Afrikas, zum Beispiel in der indischen Bergregion Jaunsar-Bawar und in Malwa im Pandschab.

Polyandrieszene aus dem indischen Mahabharata-Epos. Foto: Vaticanus. Lizenz: CC BY 2.0.

All diesen traditionellen Gesellschaften ist gemein, dass der Individualismus eher gering ausgeprägt und die Identität stark mit der Familie verbunden ist. Das gilt als Grund dafür, dass die Nachkommenschafft auch dann akzeptiert wird, wenn sie von den Mit-Ehemännern stammt (die ja die eigenen Brüder sind). In den meisten Teilen Chinas ist die Bevölkerung heute deutlich individualistischer. Zudem gibt es bei den Han keine Tradition der fraternalen Polyandrie, weshalb es wenig verwundert, dass Xie Zuoshis Idee in Sozialen Medien ganz überwiegend auf massive Ablehnung stößt.

Nimmt man an, dass Männer Ehefrauen vor allem zur Sicherung von Nachkommenschaft suchen, scheint Polyandrie in einer individualistischen Gesellschaft nur sehr bedingt eine Lösung. Zwar ließe sich heute durch genetische Test feststellen, welches Kind welchen Vater zuzuodnen ist - aber ob sich mit den emotionalen Gegebenheiten tatsächlich funktionierende Aufzuchteinheiten herstellen lassen, müsste man durch Großexperimente herausfinden, die man in China heute wahrscheinlich nicht mehr so bedenkenlos wagt wie in den 1950er und 1960er Jahren.

Sieht man von der Nachkommenschaft ab und konzentriert sich rein auf den Geschlechtstrieb, dann bieten sich für den Ehefrauenmangel zwei sehr einfache Lösungen an, die in China allerdings aktuell verboten sind: Pornografie und Prostitution.

Trotz der Kritik in Sozialen Medien und trotz empörter Telefonanrufe bei ihm hält Xie Zuoshi seine Idee weiterhin für gut: Eine verstärkte Nachfrage nach Ehefrauen sorgt seiner Ansicht nach zwangsläufig dafür, dass ihr Tauschwert zunimmt. Und das führt dazu, dass der ärmste Teil der Männer den Preis für Ehefrauen - der zum Beispiel in Form eines Lebensstil abgegolten wird - nicht mehr aufbringen kann.

Eine Antwort auf diesen Effekt, die realistischer ist, als die Polyandrie, gibt es allerdings schon: Immer mehr junge Frauen aus ärmeren asiatischen Ländern suchen heute nicht mehr nur Ehemänner im reichen Südkorea, sondern zunehmend auch in China, wo jahrzehntelanges hohes Wirtschaftswachstum und viel technischer Fortschritt vor allen in Städten ein potenziell angenehmeres Leben versprechen als in Burma oder Vietnam. Für diese Lösung ist Xie Zuoshi zufolge aber ein weiterhin hohes Wirtschaftswachstum nötig. (Peter Mühlbauer)

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