China: Schrumpfende Bevölkerung, schrumpfende Städte

Tianjin. Bild: Nangua 1/CC BY-2.0

Trotz Ende der 1-Kind-Politik bricht die Geburtenrate dramatisch ein, ein Drittel aller Städte soll bereits schrumpfen, während Stadtplaner weiter auf Wachstum setzen

Schon länger ist klar, dass auch die chinesische Bevölkerung, lange Zeit geplagt von übergroßem Wachstum, in ungewohnte demografische Fahrwasser gerät. 2017 hatte bereits der an der University of Wisconsin-Madison lehrende Mediziner Yi Fuxian, behauptet, dass die chinesische Regierung die Bevölkerungszahl bis zu 100 Millionen zu hoch einschätzt und China mit 1,28 Milliarden Menschen anstatt 1,38 nur noch hinter Indien das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung sei. Yi, der als scharfer Kritiker der Geburtenkontrolle durch die 2015 beendete Ein-Kind-Politik hervorgetreten ist und Auf-und Niedergang von Nationen demografisch bedingt sieht, stieß damit auf Skepsis.

Im Januar erklärte er, die chinesische Bevölkerung sei erstmals 2018 um 1,27 Millionen Menschen geringer geworden, weil mehr Menschen starben, als Kinder geboren wurden (Bevölkerungszahl 2018 erstmals seit Gründung der Volksrepublik zurückgegangen. Yi hat dies mit einem Kollegen aus offiziellen Daten berechnet. Nach Zahlen der China Academy of Social Sciences (CASS) würde allerdings die Bevölkerungszahl noch bis 2020 wachsen. Mit dann erreichten 1,44 Milliarden Menschen würde erst das Schrumpfen beginnen - "mit unerfreulichen sozialen und ökonomischen Folgen".

Die chinesische Statistikbehörde gibt für 2017 noch ein natürliches Bevölkerungswachstum von 5,32 Promille an. Nach den Vereinten Nationen liegt China mit über 1,4 Milliarden Menschen (2017) weiter vor Indien mit 1,34 Milliarden. Die Geburtenzahl ist allerdings auf einem Tiefstand von 15,23 Millionen im letzten Jahr gefallen. Die Regierung hatte nach dem Ende der 1-Kind-Politik auf einen Geburtenboom gesetzt, um die Vergreisung zu verlangsamen. Aber der hat sich nicht eingestellt, in manchen Städten fiel die Geburtenrate von 2017 auf 2018 sogar in zweistelliger Höhe, selbst auf dem Land wurde ein Geburtenrückgang um 11 Prozent beobachtet. Nach Zhai Zhenwu, Präsident der Chinesischen Bevölkerungs-Vereinigung, war 2018 eine "Wendepunkt" mit einem erstmals negativen Bevölkerungswachstum. Er schätzt die Zahl der Neugeborenen auf etwas mehr als 10 Millionen, die der Todesfälle auf 11,6 Millionen. Nach offiziellen Zahlen würde die Bevölkerung ab 2027 zu schrumpfen beginnen.

Man muss die Zahlen wohl mit Vorsicht nehmen, gleichwohl ist die chinesische Regierung seit Jahren in Panik, weil bislang das Wirtschaftswachstum mit einer wachsenden Bevölkerung einherging, während mit der geringen Fertilitätsrate von 1,6 (Deutschland: 1,5) die Vergreisung zunimmt und die arbeitsfähige Bevölkerung abnimmt, sofern natürlich China nicht zu einem Einwanderungsland würde. Die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter schrumpft bereits seit mehreren Jahren, 2018 sollen es mit 897 Millionen schon 5 Millionen weniger als 2017 gewesen sein (Zum ersten Mal schrumpft die arbeitende Bevölkerung).

Schrumpfende Städte

Das mit der Tsinghua Universität zusammenarbeitende Beijing City Lab hat nun einen Bericht vorgelegt, der warnt, dass Chinas Bevölkerung sogar dramatisch schrumpfen könnte. Noch geht die chinesische Regierung davon aus, dass viele Städte weiter wachsen, also die Urbanisierung zunehmen wird, was einen entsprechenden Bauboom begünstigt. Die schnelle Urbanisierung in den letzten Jahrzehnten hat zu Wirtschaftswachstum geführt und gilt als Motor des Fortschritts. Fast 59 Prozent der Chinesen leben jetzt in Städten, erwartet wird, dass es so weitergeht und 2030 der Anteil der Stadtbevölkerung auf 70 Prozent angestiegen ist.

Das ist nach dem Lab jedoch ein Irrtum, viele Städte würden bereits schrumpfen, ein Phänomen, das in Deutschland in den 1990er Jahr mit dem neuen Phänomen der "schrumpfende Städten" im Osten bekannt wurde. Allerdings hat sich der Trend, vor allem in Westdeutschland, aber auch in den größeren Städten in Ostdeutschland schon längst mit der "Renaissance der Städte" wieder umgekehrt. Das Lab hat mit dem Vergleich von Satellitenbildern zwischen 2013 und 2016 versucht, abgeleitet von der Intensität der Beleuchtung von 3300 Städten und Dörfern deren Entwicklung festzustellen. In 28 Prozent der Städte sei das Licht schwächer geworden.

Es gebe jetzt 938 schrumpfende Städte. Besonders betroffen seien Städte, die abhängig von natürlichen Ressourcen sind wie die Stadt Hegang vom Kohleabbau. Der Stadtplaner Long Ying, der das Lab gegründet hat, kritisiert, dass die für die Städte verantwortlichen Stadtplaner den Trend nicht bemerkt hätten und weiter auf unbegrenzt wachsende Städte ausgerichtet seien. Sie seien auch unter Druck seitens der Lokalpolitiker, weiter bei Planungen etwa der Infrastruktur auf Wachstum zu setzen. Die Stadtplanung gehe oft von übertriebenen Wirtschafts- und Bevölkerungsdaten aus: "Das ist so, wie wenn man ein Jahrzehnt lang Gewicht verloren hat, aber weiter einen Ernährungsplan aufstellt, der davon ausgeht, dass man an Gewicht zulegt", sagt Long.

Es sei schwer, den Politikern und Planern zu vermitteln, dass sie nicht mehr von Wachstum, sondern von Schrumpfung ausgehen müssen (was auch das Problem bei den schrumpfenden deutschen Städten gewesen war). Das widerspricht schlicht dem kapitalistischen Geist, das alles nur durch Wachstum erhalten bleiben kann, aber auch der Ideologie der chinesischen Regierung, die mit Wachstum ihre Macht erhalten will. Long vergleich die Lage der schrumpfenden Städte mit denen im "rust belt" der USA, die die Zukunft vieler chinesischen Städte sein könne. Schrumpfende Städte, so warnt Long, seien schwieriger zu verwalten als wachsende, ihre Probleme seien überdies ganz andere. Er verweist auf die riesigen Gebäude in vielen chinesischen Städten, die viel teurer abzureißen seien als die kleineren Häuser im "rust belt", aber wahrscheinlich auch als die kleineren Plattenbauten im deutschen Osten. Die Hochhäuser könnten nur spärlich bewohnt sein, aber es könnte schwierig werden festzustellen, wie viele Wohnungen leer stehen, um dann eine Entscheidung zu treffen, sie abzureißen. Geisterstädte, die weitgehend leer sind, gibt es schon einige in China (Florian Rötzer)

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