China: Zentraler Recyclinghof des Planeten ist geschlossen

Aus dem Meer gefischter Kunststoffmüll in einer eigens dafür eingerichteten Sammelstelle eines europäischen Fischereihafens. Im Meer treibende Geisternetze sind ein massives Problem für die Meeresbewohner. Bild: Bernd Schröder

Mit dem Importverbot von Kunststoffmüll verabschieden sich die Chinesen von ihrer bisherigen Rolle als Entsorgungs-Dienstleister der westlichen Welt. Die Vereinten Nationen erklären das ozeanische Plastikproblem unterdessen zur "planetaren Krise"

Ab Januar 2018 hat die chinesische Regierung ein Verbot von Plastikmüllimporten verordnet (China will den Import von Plastikabfall verbieten), u.a. in Großbritannien häufen sich bereits Berge an Plastikmüll an, die nicht mehr exportiert werden können. Der Schritt ist Teil der chinesischen Anstrengungen im Kampf gegen die industrielle Umweltverschmutzung und wird einschneidende Folgen für die Art und Weise haben, mit der der Rest der Welt diese Abfälle von nun an recycelt oder entsorgt. Die Chinesen hatten die Welthandelsorganisation WTO im Juli 2017 über diesen Schritt informiert.

2015 wurden weltweit rund 180 Millionen Tonnen recycelbares Material im Wert von 87 Milliarden US-Dollar gehandelt. China ist seit zwei Jahrzehnten der weltgrößte Importeur von recycelbarem Material. Das Land importiert jährlich sieben Millionen Tonnen Kunststoffmüll und 29 Millionen Tonnen Altpapier.

Ein Großteil dieser Posten ist nun mit einem Importbann belegt, außerdem Vanadiumschlacken und Abfälle aus der Textilherstellung. Altmetalle, die im internationalen Handel den mengenmäßig größten Anteil an recycelbarem Material stellen, sind vom Einfuhrstopp nicht betroffen.

2016 nahm China 51% der Plastikabfälle der Welt auf. Der größte Anteil kam aus den USA - "recycelte" Kunststoffe, die allerdings erst im Fernen Osten tatsächlich stofflich verwertet werden.

Müll ist mittlerweile eines der wichtigsten Exportgüter der Vereinigten Staaten. Auch die anderen großen Industrienationen sandten bisher Unmengen Plastikmüll, der seit mehr als 30 Jahren in der chinesischen Industrie weiterverarbeitet wurde. Die bisherigen Exporteure müssen sich künftig selber Gedanken machen, was mit ihrem Müll geschehen soll.

Eine stoffliche Verwertung von Kunststoffen gilt in den führenden Industrienationen oftmals als wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig, besonders bei niedrigen Rohstoffpreisen. Eine Möglichkeit wäre hier die verstärkte thermische Verwertung von Abfällen zur Energiegewinnung, wie etwa vom Mode-Discounter H&M in Schweden praktiziert: Hier wandern tonnenweise aus unterschiedlichen Gründen für nicht marktfähig erachtete Textilien als Brennstoff ins Heizkraftwerk.

Auch in Deutschland wird die thermische Verwertung von Kunststoffabfällen praktiziert. Anders als in der Abfallhierarchie des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) ) suggeriert, konkurriert sie oft mit der stofflichen Verwertung.

So ist zwischen stofflicher und thermischer Verwertung vor Jahren ein Kampf um den Müll ausgebrochen. Überkapazitäten bei den thermischen Abfallbehandlungsanlagen hatten dazu beigetragen, dass den Recyclingunternehmen spätestens seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise der notwendige Abfall für eine stoffliche Verwertung fehlte.

Auf den ersten Blick eine paradoxe Situation: 2009 gingen 3 Millionen Tonnen oder 90% des EU-Kunststoffmüllexports nach China und Hongkong - deutliche Unterschiede in den Behandlungskosten hatten bisher für einen beträchtlichen Abfluss von Kunststoffabfällen aus Europa nach Asien gesorgt.

In Deutschland wurden 2015 ca. 10 Millionen Tonnen Kunststoffe verbraucht. Die Abfallmenge lag im gleichen Jahr bei 6 Millionen Tonnen. Mehr als 10% davon gingen auf die Reise nach China.

Verwertung von deutschen Kunststoffabfällen. Mehr als die Hälfte wird zurzeit verbrannt. Die Grafik beinhaltet auch die Mengen jener Kunststoffabfälle, die zum Recycling ins Ausland verbracht wurden. Bild: Umweltbundesamt

Die deutsche Abfallwirtschaft will den nach dem chinesischen Einfuhrstopp erwarteten Bergen aus Kunststoffabfällen derweil durch steuerliche Anreize und Mindestvorgaben an die Hersteller begegnen. Letztere könnten beispielsweise verpflichtet werden, mehr recyceltes Material einzusetzen. Um die im KrWG eigentlich bevorzugte Abfallvermeidung bleibt es im Rahmen der Debatte hingegen eher ruhig.

Die Umsetzung des chinesischen Importverbots wird Veränderungen auf den Recyclinghöfen der bisherigen Exporteure nach sich ziehen, nur soviel scheint gewiss. Manche Kunststoffe zum Beispiel würden dann keinen Anreiz mehr bieten, zentral erfasst zu werden. Einen Vorgeschmack bekam man in den USA bereits 2013, als die Chinesen ein teilweises Importverbot bestimmter Verpackungsmaterialien und spezieller Abfälle eingeführt hatten. Einige Recycling-Unternehmen an der Westküste der USA begrenzen bereits die Arten von Kunststoff, die sie künftig anzunehmen gedenken. Sorten ohne Markt landen auf den Müllhalden. Die globalen Preise für Plastikmüll waren Anfang Dezember 2017 bereits um 10 % gefallen.

Welche Ausmaße die Veränderungen haben werden, davon machen sich die damit Betrauten noch keine konkreten Vorstellungen. Das räumte zumindest der britische Umweltsekretär Michael Gove gegenüber dem Guardian ein. Allein in den USA hängen schätzungsweise 40.000 Jobs am Müllexport.

Hapag-Lloyd, die fünftgrößte Containerlinie der Welt, hatte bereits im September bekanntgegeben, dass keine Frachten mehr befördert würden, die aus Plastikmüll oder Abfallpapier aus den USA, Europa oder Asien bestünden und die nach dem 31. Dezember einen chinesischen Bestimmungsort hätten.

Im Juli hatte China bereits ein Importverbot für 24 Arten "ausländischen Mülls" erlassen, darunter auch für gemischten Papiermüll. Seitdem türmten sich auf den Docks von Hongkong Berge von Altzeitungen, Altpappe und Altpapier aus den Büros der Welt, 2500 Tonnen täglich, ohne Bestimmungsort auf dem chinesischen Festland. Eine Armada von Frachtschiffen, beladen mit Papiermüll aus aller Welt, lag wochenlang untätig auf Reede. Der Importbann hatte auch Folgen auf diejenigen Rentner Hongkongs, die sich mit dem Papiersammeln ihren Lebensunterhalt aufbessern müssen und nun kaum noch Abnehmer bei den Recyclingunternehmen fanden. China, bisher der weltgrößte Papierrecycler, produzierte noch 2016 63.3 Millionen Tonnen Zellstoff aus Altpapier, 24% davon gingen auf Altpapier-Importe zurück.

Im September 2017 hatten die Chinesen die Anforderungen bei einem akzeptablen Schwellenwert für die am Altpapier haftenden Kontaminationen hochgeschraubt. Demnach hätte das importierte Papier künftig noch zu 0.3% verunreinigt sein dürfen - zuvor lag die Grenze bei 1.5%. Damit soll die Schadstoffbelastung zurückgefahren werden - für viele Recyclingfirmen ein unverhältnismäßig strenger Wert, der für sie gleichbedeutend mit einem totalen Importverbot ist. Die Papiermüllexporteure hielten unterdessen bereits in Europa oder Asien nach anderen Märkten Ausschau. Mitte November 2017 schließlich kamen die Chinesen der Industrie leicht entgegen - der festgelegte Schwellenwert liegt nun ab nächstem Jahr bei 0.5% Verunreinigungen.

Der Importstopp hatte zwischenzeitlich bereits Folgen für den Preis von Papierprodukten. Ein Papiermühlenmanager in Südchina hatte im September gegenüber Reuters erklärt, dass sich der Preis für die Tonne Fertigpapier verdoppelt hätte: von 3000 Yuan (453 US-Dollar) auf 6000 Yuan (906 US-Dollar). Auch Online-Unternehmen wie Amazon sahen sich mit einem Kostenanstieg bei Verpackungsmaterial konfrontiert. Die Pappe stammt zum Großteil aus chinesischem Papierrecycling.

Ende September noch hatte die chinesische Seite überraschend zahlreiche Einfuhrgenehmigungen für den Rest des Jahres ausgestellt. In Hongkong hatte das die Hoffnung genährt, den Papierberg im Hafengelände zügig abtragen zu können.

Während Regierungsvertreter weltweit grübeln, wie man nach dem chinesischen Importstopp fortfährt, zeichnen sich neue Entwicklungen ab. Die könnten zu einer Beeinträchtigung der in den letzten Jahrzehnten aufgebauten Recycling-Industrie der Industriestaaten führen. Es gibt Berichte, nach denen die Chinesen nun neben recyceltem Kunststoff aus eigener Provenienz zunehmend in nagelneue Kunststoffe investieren, anstelle diese wie bisher aus der Aufbereitung des schnelllebigen Wohlstandschrotts der westlichen Welt zu gewinnen, der zu einem beträchtlichen Teil in China hergestellt wurde. Die US-Chemieindustrie reibt sich die Hände: Bis 2020 soll sich aufgrund chinesischer Investitionen allein der US-Export von Polyethylen verfünffachen. Dann sollen 5 Millionen Tonnen Polyethylen nach Asien geliefert werden.

Die USA sehen sich aufgrund des Fracking-Booms gut positioniert, den schlagartig entstandenen Bedarf Chinas an Neu-Polyethylen decken zu können. Aufgrund der niedrigen Gaspreise haben die Chemiehersteller binnen kurzer Zeit neue Produktionskapazitäten im Wert von 185 Milliarden US-Dollar aus dem Boden gestampft. Bis Ende des laufenden Jahres sollen vier neue Kunststofffabriken laufen, mit einer Jahreskapazität von 3.6 Millionen Tonnen Polyethylen, weitere sind im Aufbau begriffen.

Der Export soll nun helfen, das Handelsdefizit der USA von 347 Milliarden US-Dollar (2016) gegenüber China abzubauen, eines der wichtigsten Präsidentschaftsziele von Donald Trump. Erst bei seinem Staatsbesuch in China Anfang November 2017 hatte er Wirtschaftsaufträge im Wert von 250 Milliarden US-Dollar an Land gezogen.

Längst dringt immer mehr ein anderes Plastik-Problem ins Bewusstsein der Welt: der Verlust der Kontrolle über die globale Verbreitung des Kunststoffmaterials, das mittlerweile als Mikroplastik flächendeckend im Trinkwasser verteilt anzutreffen ist - so zumindest das Ergebnis einer in Fachkreisen umstrittenen Studie aus dem Jahre 2017.

Seit den 1950er Jahren hat die Menschheit schätzungsweise etwas mehr als 8 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert, und mit mehr als 6 Milliarden Tonnen ist ein Großteil davon zu Müll geworden. Zu diesem Ergebnis kam 2017 eine Studie von Umweltwissenschaftlern der University of California, der University of Georgia und der Sea Education Association. 2015 wurden 9% der produzierten Kunststoffe recycelt, weitere 12% wurden verbrannt - der Rest soll auf Müllhalden oder anderswo in der Natur gelandet sein, unter anderem jährlich zwischen 5 und 13 Millionen Tonnen allein in den Weltmeeren, in denen mittlerweile 150 Millionen Tonnen akkumuliert sein sollen .

Für Lisa Svensson, bei den Vereinten Nationen für die Umweltbelange der Ozeane zuständig, ist das eine grässliche Situation, allerdings noch keine gänzlich verlorene. Sie glaubt, wenn sich Regierungen, Unternehmen und einzelne Weltbürger zusammenschließen, um das Vorrücken der Kunststoffverschmutzung zu stoppen, dann bestünde noch Hoffnung.

Vor dem UN-Umweltgipfel in Nairobi sprach sie von einer "planetaren Krise". Andere Teilnehmer machten sich für härtere globale Maßnahmen im Kampf gegen die ozeanische Plastikverschmutzung stark. So soll bis 2025 vor allem die Belastung der Weltmeere mit Plastikmüll stark reduziert werden - bisher nur eine unverbindliche Absichtserklärung.

Svensson berichtete von einem Erlebnis, das sie kürzlich in einem Schildkrötenhospital in Kenia hatte. Dort werden Tiere behandelt, die aufgrund der Aufnahme von Plastikmüll interniert sind. Ein Monat vor ihrem Besuch hatte ein Fischer dort eine Schildkröte namens Kai abgeliefert, die er auf der Meeresoberfläche treibend angetroffen hatte. Der erste Befund war eine Überdosis Plastik im Bauch der Schildkröte, die ihn aufblähte und das Auftriebsverhalten beeinträchtigte. Schildkröten nehmen Plastikteile zu sich, weil sie die für Quallen halten - für ihre eigentlichen Beutetiere. Kai bekam Abführmittel, und nach zwei Wochen waren die Fremdkörper ausgeschieden, und Kai durfte wieder ins Wasser - für Svensson ein sehr emotionaler Moment. Die Hälfte der Schildkröten, die mit Plastik vollgestopft eingeliefert werden, überleben es nicht.

Die Eigenschaften, die die Kunststoffe so vielseitig in allen möglichen Anwendungen machen, sorgen gleichzeitig dafür, dass es der Natur nahezu unmöglich ist, sie in einem überschaubaren Zeitrahmen abzubauen.

Die Wissenschaftler, die die oben erwähnte Studie zur Anhäufung von Plastikabfällen auf dem Planeten veröffentlichten, haben gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass der Mensch es versäumt hat, sich vor der massenhaften Einführung dieser Errungenschaften des Fortschritts über mögliche Folgen im Klaren zu werden und Konzepte für einen adäquaten Umgang mit Kunststoffen nach dem Ende des Lebenszyklus' eines Produktes zu entwickeln. Stattdessen ist er nun Teilnehmer eines außer Kontrolle geratenen, weltweit ablaufenden Experiments, bei dem sich Milliarden von Tonnen Plastik über alle terrestrischen und aquatischen Ökosysteme hinweg ausbreiten und anreichern.

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