China entdeckt Solarstrom & Co

Deutschland mischt kräftig mit

Bis 2020 will China 16 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen produzieren und dafür 187 Milliarden US-Dollar investieren. Das kündigte der Vizegeneraldirektor des Energiebüros der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission Wu Guihui Ende Oktober auf dem Great Wall Renewable Energy Forum in Peking an. Deutschland leistete bei der Entwicklung eines Gesetzes zur Förderung erneuerbarer Energien juristische Schützenhilfe. Vom neuen Trend werden auch etliche deutsche Firmen profitieren, die Know-how beisteuern und verschiedenste Anlagen errichten. Der Fernsehjournalist und engagierte Kämpfer für alternative Energien, Franz Alt, zeigt sich gegenüber Telepolis beeindruckt von Chinas Ambitionen. Er würde sich auch in Deutschland eine Millionen-Stadt wie Kunming wünschen, wo fast jedes Dach bereits heute mit Sonnenkollektoren ausgestattet ist.

Immer wieder berichten Medien über Grubenunglücke in China. Die erbärmlich ausgestatteten Kohlebergwerke haben schon Tausende Kumpel unter sich begraben. Kohle - daraus gewinnt China nach wie vor den größten Anteil seiner Energie. Aber Kohle reicht schon lange nicht mehr. Das rasante Wirtschaftswachstum und der Anstieg des Lebensstandards erhöhen den Energiebedarf stetig. Dennoch liegt der Pro-Kopf-Verbrauch derzeit lediglich bei etwa einem Zehntel von dem was ein US-Bürger statistisch gesehen konsumiert. Ein weiterer Anstieg ist gewiss. Doch woher nehmen?

Bereits 1990 wurde China zum Nettoimporteur von Energie. Am internationalen Rohölmarkt tut sich das asiatische Land schwer. Wiederholt scheiterten Versuche, sich in Ergas- und Ölfelder einzukaufen. Oft boten die westlichen Konkurrenten mehr und zuletzt gab es auch massiven politischen Gegenwind von Seiten der USA. Inzwischen engagiert sich China verstärkt in Afrika, um von den Bodenschätzen zu profitieren. Selbst diverse Beteiligungen von Ölmultis lässt der kommunistische Staat inzwischen aus strategischen Gründen zu. Kolportierte Energiekrisen dementiert das Land allerdings mit Vehemenz.

Chinas Führung ist seit langem klar, dass man sich auch nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen umsehen muss. Erste Priorität hat dabei aber nicht die Atomkraft, wie man vorschnell annehmen könnte. Von derzeit etwa ein Prozent sollen bis 2020 vier Prozent des Strombedarfs aus atomaren Kraftwerken gedeckt werden, berichtet der Fernsehjournalist Franz Alt , der Ende Oktober dem "Great Wall Renewable Energy Forum" in Peking beiwohnte:

China gewinnt heute 0,6 Prozent seines Stroms aus Atomkraft und will bis 2020 4 Prozent Atomstrom gewinnen. Das ist ein Viertel dessen, was bis dahin die Erneuerbaren leisten sollen. Deutschland gewinnt heute 30 % seines Stroms aus AKWs. Weniger die Chinesen als vielmehr die deutsche Firma Siemens will in China AKWs bauen. Die Chinesen wissen, dass auch Uran ein endlicher Rohstoff ist und setzen langfristig auf die unendlichen Energiequellen. Atomenergie hat nirgendwo in der Welt Zukunft. Den Atomfreunden geht der Stoff aus. Nach dem nächsten GAU ist ohnehin Schluss. Warum eigentlich brauchen wir noch ein Tschernobyl? Weil homo sapiens noch immer homo Dummkopf spielt?

Dass dagegen in erneuerbaren Energien eine Chance für China liegt, wurde früh erkannt. Immerhin 16 Prozent des Bedarfs will man bis 2020 daraus abdecken. 2030 sollen es bereits 30 Prozent sein, berichtet Franz Alt unter Berufung auf chinesische Regierungsvertreter. Die Führung meint es jedenfalls ernst damit, was sich allein schon daran zeigt, dass im Frühjahr 2005 ein eigenes Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien vom Nationalen Volkskongress in Peking beschlossen wurde. Pate stand dabei das deutsche Pendant zur Förderung erneuerbarer Energien (EEG). Bei der Formulierung half die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Geregelt werden mit diesem Gesetz, das 2006 in Kraft getreten ist, wichtige Faktoren wie etwa auch Einspeisungstarife. Das GTZ sieht deshalb auch große Chancen für Deutschlands Windenergie-Branche.

Mit der Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen wird China für die internationale Windenergiebranche interessant, erläutert Paul H. Suding, GTZ-Programmleiter in Peking. Zur Erreichung der Ziele für erneuerbare Energien in China (20.000 Megawatt bis zum Jahr 2020) ist qualifiziertes Personal insbesondere bei Produzenten von Windkraftanlagen, Windparkentwicklern und -betreibern notwendig, erklärt Energie-Experte Rolf Posorski von der GTZ. In Zusammen mit chinesischen Partnern errichtet die GTZ daher zur Zeit ein Forschungs- und Ausbildungszentrum für Windenergie in China.

GTZ

Aber nicht nur der Wind soll es in China richten. Insgesamt setzt man auf einen Mix bei erneuerbaren Energien. Wie das machbar werden könnte, erläutert Franz Alt gegenüber Telepolis:

Viele kleine Wasserkraftwerke, Millionen Solarstromanlagen, Millionen Biogasanlagen - was bei 800 Millionen Bauern kein Problem ist - sowie ein rascher Ausbau der Windkraft an der gesamten Ostküste, im Norden und Nordwesten. Hinzu kommen riesige Möglichkeiten für Offshore-Windanlagen auf dem Meer. China kann, genau so wie Indien, Europa und die USA bis 2050 zu 100 % auf erneuerbare Energien umstiegen. Auch China ist erneuerbar. Alles andere ist weder ökonomisch noch ökologisch vertretbar. Erneuerbare Energien kosten Geld, aber keine erneuerbare Energien kosten die Zukunft der Menschheit.

Bei Solarstrom ist China bereits heute eine interessante Produktions- aber auch Anwendungskraft. Immerhin produziert das Land an die 80 Prozent der Sonnenkollektoren weltweit. "Schon heute ist China Weltmeister beim Produzieren und Installieren von Sonnenkollektoren", berichtet Franz Alt. In der südwestchinesischen Stadt Kunming zum Beispiel, habe "jedes Haus" Sonnenkollektoren. "Und dort wohnen drei Millionen Menschen. In Deutschland habe ich noch nicht einmal ein kleines Dorf gesehen, in dem jedes Dach Sonnenkollektoren hätte. China allein produziert 82 Prozent aller Sonnenkollektoren der Welt. 40 Millionen chinesische Dächer gewinnen 2006 Solarwärme."

Euphorie hin oder her. Indem China die Weichen zugunsten der erneuerbaren Ressourcen stellt, ergeben sich auch gute Chancen für deutsche Unternehmen. Erst Anfang des Jahres betonte Umweltstaatssekretär Matthias Machnig bei einer China-Reise: "China ist zudem ein wichtiger Partner bei der Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien weltweit." Der stellvertretende chinesische Umweltminister Zhu Guangyao sagte bei dieser Gelegenheit, dass Deutschland "der beste Partner Chinas beim Umweltschutz" sei. China werde die Projekte deutscher Unternehmen "mit erster Priorität" behandeln.

Dabei handelte es sich nicht nur um eine diplomatische Charme-Offensive. Übereinkommen zur Realisierung von entsprechenden Projekten sind inzwischen bereits unterzeichnet. Darunter zwei Biogas-Anlagen der Firma RUHL aus Rheinland-Pfalz, ein Windpark, der RePower Systems AG aus Hamburg sowie eine Produktionsanlage für Solarenergieprodukte des deutsch-chinesischen Gemeinschaftsunternehmens Phocos AG.

Angesichts der sich häufenden Hiobs-Botschaften bezüglich voranschreitender Klima-Veränderung und der - weltweit gesehen - schwachen Erfolge bei Einsparungen des CO2-Ausstoßes, könnte man geneigt sein, Chinas Bemühungen als Tropfen auf den heißen Stein zu betrachten. So negativ will es Franz Alt nicht sehen: "Natürlich wären 5o Prozent besser und der Herausforderung auch angemessener. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass China noch immer zu mehr als zwei Dritteln seiner Landbevölkerung den Status eines Entwicklungslandes hat. Dafür sind 16 Prozent ein eher ehrgeiziges Ziel - ehrgeiziger als die USA unter Bush."

Trotz Marktöffnung und -liberalisierung scheint in China jedenfalls außer Streit zu stehen, dass die Förderung alternativer Energien auch des politischen Willens bedarf. Mao Rubai, Vorsitzender des Ausschusses für den Schutz der Umwelt und Ressourcen des NVK, sagte über die Notwendigkeit der Verabschiedung des Gesetzes für erneuerbare Energien:

Mit der rapiden Wirtschaftsentwicklung spitzen sich Probleme wie Mangel der Energienressourcen, ungeeignete Strukturen und Umweltverschmutzungen immer mehr zu. Die Entwicklung von regenerativen Energien ist ein praktisches Erfordernis zum Schutz der chinesischen Energiesicherheit und eine dringende Forderung zum Schutz des Klimas. Erneuerbare Energien sind auch gut zur Verbesserung der Produktions- und Lebensbedingungen in Dorfregionen und ablegenden Gebieten. Die Entwicklung dieser Energien verlangt auch die Unterstützung und den Schutz des Gesetzes.

Bei der Olympiade 2008 in Peking will China der Welt jedenfalls demonstrieren, dass mit regenerativen Energien durchaus Staat zu machen ist. 20 Prozent des Energiebedarfs der olympischen Veranstaltungsstätten sollen mit Windenergie gedeckt werden. Erdwärme soll für die Beheizung und Klimatisierung einer 400.000 Quadratmeter großen Fläche zum Einsatz kommen und 80 Prozent bis 90 Prozent der Straßenlampen will man mit Sonnenenergie betreiben, die auch 90 Prozent des Badewassers erhitzen soll.

Es wäre tatsächlich auch höchste Eisenbahn, die Klimapolitik auf ein Höchstmaß an Umweltverträglichkeit zu bringen. Denn laut eines Berichts der Internationalen Energiebehörde (IEA) könnte China die USA als bislang größten CO2-Verursacher noch vor dem Jahr 2010 ablösen - zehn Jahre früher als bisher erwartet. (Brigitte Zarzer)

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