China könnte Dollar-Reserven als "politische Waffe" nutzen

Während Hilary Clinton im Präsidentschaftswahlkampf das China-Bashing für sich entdeckt, drohen chinesische Finanzpolitiker unverhohlen, die gewaltigen Dollarbestände auf den Markt zu werfen, sollte der Yuan gegenüber dem Dollar plötzlich dramatisch aufgewertet werden müssen

Kaum hatten sich die Kreditmärkte ein wenig von den jüngsten Turbulenzen erholt, da platzt schon der nächste potentielle Krisenherd ins Bewusstsein der Finanzmärkte: Am Mittwoch berichtete der britische „Telegraph“, zwei chinesische Finanzexperten hätten erstmals in aller Offenheit gedroht, dass China seine 1,33 Billiarden Dollar an offiziellen Währungsreserven als „politische Waffe“ nutzen könnte. So könne China dem Druck des US-Kongress entgegentreten, der immer eindringlicher auf eine deutliche Aufwertung des chinesischen Yuan drängt und allerlei Handelsrestriktionen androht. Sofort gaben die US-Staatsanleihen nach, die in den Tage zuvor von der „Flucht in die Qualität“ profitiert hatten und sehr kräftig angestiegen waren.

Laut Telegraph hatte Xia Bin, ein wichtiger Finanzexperte im Stab des Staatsrats, vergangene Woche offen empfohlen, die Dollarbestände bei den Verhandlungen mit den USA als Druckmittel einzusetzen. Xia Bin ist international schon mehrmals durch markige Statements aufgefallen, die oft auch prompt zur Regierungspolitik geworden sind, etwa 1999 bei anstehenden unangenehmen Bereinigungsschritten bei Krediten von Staatsunternehmen bei staatlichen Banken. Solche Aussagen von hochqualifizierten Experten-Funktionären dienen oft dazu, bei der Bevölkerung und den jeweils Betroffenen mögliche künftige Entwicklungen abzutesten und Veränderungen zu kommunizieren.

In den USA steigt im Wettlauf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur indes das China-Bashing im Kurs. Der vorläufige Höhepunkt war eine Diskussion der sieben hoffnungsvollen Kandidaten in einem Baseball-Stadion in Chicago vor mehr als 14.000 Gewerkschaftern, die bundesweit ausgestrahlt wurde. Eine der Fragen war, ob es sich bei China um einen Feind, oder um einen Alliierten handle?

Während Obama - dem Hillary Clinton gerade außenpolitische Naivität unterstellt hat - sich noch auffällig zurück hielt und auf allgemeine Handelsfragen (und Clintons gute Beziehungen zu Big Business und Wall Street) auswich, betonte als erster Senator Joseph Biden, was die chinesischen Experten gerade öffentlich angemerkt hatten., „The fact of the matter is, though, they hold the mortgage on our house.” Schuld daran sei Bush, und sein und aller andren Kandidaten Rezept war natürlich, amerikanisches Geld nicht mehr vergebens im Irak zu verpulvern, sondern die Defizite abzubauen.

Clinton, die in Umfragen und nach Spendenaufkommen im Rennen weit voran liegt und es gerade auf das Forbes–Cover geschafft hat, setzte freilich noch einen darauf. Sie versprach nicht nur, sich um die chinesischen „Währungsmanipulationen“ zu kümmern, sondern verlangte auch strengere Standards für die Importwaren:

I do not want to eat bad food from China or have my children having toys that are going to get them sick. So let’s be tougher on China going forward.

Nachdem hierzu vor den Gewerkschaftern nicht mehr viel zu ergänzen war, wandten sich die anderen Kandidaten noch der militärischen Aufrüstung und den Menschenrechtsproblemen Chinas zu, um dann rasch zum nächsten Thema überzugehen. .

Während in den US-Medien vor allem die erstmals richtig schön auflodernden Bosheiten zwischen Clinton und Obama Schlagzeilen machten, oder der „Krieg gegen den Terror“ als wichtigstes Diskussionsthema genannt wurde, habe laut China Daily die China-Frage die Debatte dominiert. Das englischsprachige Parteiorgan der Kommunistischen Partei Chinas schlug durchaus versöhnliche Töne an (“At a time when context is more important than the issue“) und erklärt seinen Lesern, dass die Aussagen der Kandidaten ausschließlich auf die Maximierung von Wählerstimmen abzielen würden. Mit der Politik, die ein künftiger Präsident einmal umsetzen werde, habe das nichts zu tun. Das Problem sei der große Erfolg Chinas, während die USA Probleme habe: “Die USA durchlaufe ihre schwierigste Zeit, ohne ein Ende des Irak-Kriegs in Sicht und mit ihrer Antiterrorstrageie, die die nationalen Ressourcen und die Geduld aufzehrt", wird ein Professor aus Peking zitiert.

Dazu muss angemerkt werden, dass in China das Beispiel Japans der 80er Jahre die Diskussion beherrscht und nach chinesischer Interpretation die starke Abwertung des Dollar zum Yen unmittelbar für Boom, Bust und jahrzehntelange Stagnation verantwortlich ist. Ähnliches will in China jeder vermeiden, so dass ein „Floaten“ des Yuan vorerst kaum denkbar erscheint und jede Aufwertung die Deflationsängste schürt.

Bei aller patriotische Prahlerei, die da vermutlich mitschwingt (China wäre lieber mit ihren Feierlichkeiten ein Jahr vor Eröffnung der Olympischen Spiele in den internationalen Schlagzeilen), wenn hochrangige chinesische Experten die Märkte mit so unverhohlenen Drohungen erschrecken, sollte das den demokratischen Wahlkämpfern zu denken geben. Insbesondere da dem Telegraf zufolge unmittelbar nach der US-Debatte sofort noch He Fan von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften nachgedoppelt hat:

Russland und die Schweiz haben ihre Dollar-Reserven reduziert. Es ist unwahrscheinlich, dass auch China das macht, so lange der Wechselkurs zum Dollar stabil bleibt. Würde der Yuan aber einmal dramatisch aufwerten, wäre die chinesische Nationalbank gezwungen, Dollars zu verkaufen, was zu einer starken Entwertung des Dollar führen könnte.

Mit ihren zuletzt insgesamt rund 1,3 Billiarden an Devisenreserven (davon 407 Mrd. USD in US-Schatzscheinen) könnte China den Dollar samt der globalen Finanzmärkte allein schon mit ein paar bösen Worten erschüttern. Würde es seine Dollaranlagen auf den Markt werfen, oder dies auch nur ankündigen, ist ein „Run“ auf den Dollar absehbar, derer es in der Nachkriegszeit schon mehrere gegeben hat. Dass China Dollar verkauft, dürfte weltweit als Ausstiegssignal betrachtet werden, wobei offen bleibt, wofür. Die Fed müsste vermutlich einerseits mit sofortigen Liquiditätseinschüssen reagieren, um einen völligen Absturz des Systems aufzuhalten, und müsste vielleicht sogar große Mengen der am Markt angebotenen Treasuries ins eigene Portfolio nehmen. Um aber einen internationalen Dollarabsturz zu vermeiden, müsste sie gleichzeitig höhere Dollarzinsen bieten. Andernfalls würde dies vom Markt besorgt werden, so dass die Langfrist-Dollarzinsen vorübergehend ins Unermessliche steigen müssten.

Nicht ausbleiben würden jedenfalls gewaltige Preissprünge bei vermutlich allen gehandelten Zinspapieren, Aktien und auch bei allen Derivaten. Das würde die Konfidenz-Bandbreiten der gängigen Value-at-risk-Modelle der Banken sprengen und mit sich einige dieser Finanzinstitute. Keiner würde mehr wissen, welchem Marktteilnehmer man gegen welche Sicherheiten Kredite geben könne. Besonders pikant: Dollar-Staatsanleihen sind die besten und fungibelsten „Sicherheiten“ an den Finanzmärkten. Wenn jetzt der beste Schuldner, der bislang als Referenzwert herhalten musste, in Frage gestellt wird, wankt das gesamte Preisgefüge. Die schönste „systemische“ Krise wäre da; das globale Finanzsystem zusammengebrochen.

Wer also nicht annehmen will, China verfolge seit Deng einen perfiden langfristigen Plan, den Westen mit einem Finanz-Anschlag in die Knie zu zwingen, muss diese Zukunftsvariante wohl ausschließen. Denn vermutlich wäre die chinesische Bevölkerung weltweit am stärksten negativ von der nun vermutlich ausbrechenden Wirtschaftskrise betroffen - von den Abwertungsverlusten, die die Bank of China auf ihre Reserven erleiden würde, bis zu den absehbaren Problemen beim Technologieimport und den US-Exporten. Ob graduell oder rasch, in jedem Fall wäre schlicht das informelle Bretton Woods II Weltwährungssystem gekündigt, dass für beide Seiten bislang so vorteilhaft verlaufen ist.

Viel eher ist zu erwarten, dass sich an den nervösen Finanzmärkten bald aus eigener Kraft kleine Treasury-Verkaufswellen aufbauen könnten. So könnte sich am Markt die Meinung ausbreiten, dass es klug sei auszusteigen, bevor China abschichtet. Allein um seine Positionen zu schützen wird die PBoC Hand in Hand mit der Fed, US-Fnanzminister Paulson und den anderen großen Notenbanken am internationalen Krisenmanagement teilnehmen und sicherlich auch wieder kaufen.

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