China testet KI-System für die Außenpolitik

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China setzt auf Künstliche Intelligenz in allen Bereichen. Wird Außenpolitik - siehe Trump - vernünftiger durch KI-unterstützte Entscheidungsfindung?

Es ist schon eine alte Drohkulisse, dass politische Entscheidungen nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen mit Künstlicher Intelligenz getroffen werden könnten. Ähnlich wie autonomen Fahrzeugen wird argumentiert, dass KI-Systeme viel mehr und viel schneller Daten erfassen, verknüpfen und bewerten können als menschliche Gehirne, die noch dazu von Emotionen gelenkt und von Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit befallen werden können. In China wird massiv KI entwickelt und auch eingeführt, militärisch, medizinisch, pädagogisch oder auch zur Steuerung des Verhaltens. Im chinesischen Außenministerium testet man nun, wie SCMP berichtet, angeblich bereits ein KI-System.

Militärisch und ökonomisch ist es ein alter Hut, Strategen haben immer versucht, das Verhalten von Gegnern vorwegzunehmen oder es zu beeinflussen. Die Spieltheorie hat sich daraus entwickelt, mit der die Interaktionen verschiedener Akteure erfasst werden, um daraus optimierte Entscheidungen abzuleiten. KI-Systeme können theoretisch aus beobachtbarem Verhalten durch Big-Data-Analysen Entscheidungen lernen und dynamisch weiterentwickeln. Spieltheoretisch, allerdings muss festgelegt werden, was als Gewinn verstanden werden soll, um optimierte Entscheidungs- oder Reaktionsketten zu generieren.

Politik ist sicherlich zu einem guten Teil ein Spiel, um Ziele durchzusetzen und bei Deals zu gewinnen. In der Außenpolitik wird oft die Tit-for-Tat-Regel angewendet. Militärisch lässt sich das gut im Konflikt zwischen dem Nato-Westen und Russland sehen, wobei jede Partei vorgibt, nur auf die andere bei dem Wett- und Hochrüsten reagieren zu müssen. Ein lehrreiches Beispiel waren auch die Darstellung und Folgen des Skripal-Falls, wobei mitunter ein Gegner fabriziert wird, um die strategischen Entscheidungen ausführen zu können.

Klar ist, dass KI-Systeme letztlich bei vielen Spielen wie Schach oder Go, bei denen es auf Strategie ankommt, Menschen überlegen sind. Die Frage ist, ob das auf einem Feld wie der Außenpolitik auch gültig sein kann, wo es zwar wie bei einem Spiel anerkannte Regeln gibt, aber auch jede Menge Regelbrüche in einem komplexen Spielfeld mit vielen Akteuren und unübersehbare Nebenfolgen von Spielzügen.

Nach der SCMP werden in China mehrere Prototypen von diplomatischen KI-Systemen entwickelt, darunter auch ein System der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, das vom Außenministerium bereits genutzt wird. Die SCMP beruft sich dabei auf Bestätigungen von Wissenschaftlern, die an der Entwicklung beteiligt sind. Auch das Außenministerium soll bestätigt haben, dass es einen Plan gebe, für die Diplomatie KI einzusetzen. Big Data und KI würden tiefgreifend verändern, wie die Menschen denken und leben, so ein Sprecher des Ministeriums. Fast täglich würden sich Anwendungen erweitern, das Ministerium werde sich "aktiv dem Trend anpassen und den Einsatz der neuen Technik für die Verbesserung und Optimierung der Arbeit erkunden".

Die Zeitung verweist auf das Projekt der neuen Seidenstraße, an dem fast 70 Länder und 65 Prozent der Weltbevölkerung beteiligt oder betroffen sind und es um Hunderte von Milliarden US-Dollar an Investitionen in die Infrastruktur mit unwägbaren Risiken geht. Man hofft im Ministerium offenbar, mit der Unterstützung von KI-Systemen bessere Entscheidungen treffen zu können. Dabei sollen weiterhin Menschen letztverantwortlich sein.

Die Frage wird natürlich dann immer sein, wer es sich traut, dem Ergebnis eines ausgeklügelten KI-Systems zu widersprechen. Dazu kommt, dass die andere Seite vielleicht ebenfalls auf Empfehlungen eines KI-Systems handelt, dessen Vorgehen unbekannt ist. Menschen lassen sich von Menschen womöglich besser abschätzen als KI-Systeme, deren Grundlagen, Algorithmen, Lernmethoden und Datenbasis man nicht kennt. Und dann beurteilen KI-Systeme Sachlagen und entscheiden einfach schneller. Wenn dann noch ein Menschen verlangsamend dazwischen eingeschaltet ist, kann dies schwere Nachteile mit sich bringen, was im Bereich des Militärischen und des Finanzmarkts evident ist.

Feng Shuai vom Shanghai Institutes for International Studies, das sich auf KI-Anwendungen spezialisiert hat, erklärte gegenüber SMCP, dass mehrere Forscherteams solche Systeme entwickeln. Im Juni habe es eine Konferenz in Peking gegeben, wo KI für die Außenpolitik diskutiert wurde. Die Argumente sind immer die gleichen: "KI-Systeme können wissenschaftliche und technische Kapazitäten nutzen, um Daten auf eine Weise zu lesen und zu analysieren, wie es Menschen unmöglich ist. Menschen können die Einwirkung von Hormonen und Glukose nicht abschaffen." Ein diplomatisches KI-System würde hingegen immun gegenüber Leidenschaften, Ehre, Furcht oder andere subjektive Faktoren sein: "Es würde nicht einmal moralische Faktoren berücksichtigen, die mit den strategischen Zielen im Konflikt stehen." Das wiederum ist alles andere als beruhigend, weil dann keine Bremse mehr vorhanden wäre, eine Optimierungsstrategie umzusetzen. Das können natürlich auch Menschen, die wie im Nazi-Deutschland kühl die industrielle Vernichtung von Millionen von Menschen planten und ausführten.

Für Feng Shuai würde auf jeden Fall die Seite bevorteilt sein, die mit KI-Systemen arbeitet. Bei Risiko-Abschätzung, strategischer Auswahl, Entscheidungsfindung und Effizienz der Ausführung wäre die Seite, die mit KI-Systemen arbeitet, "absolut" überlegen. Das im Außenministerium verwendete KI-System soll in der Abteilung für externe Sicherheitsfragen eingesetzt werden. Die Software für geopolitische Umweltsimulation und Vorhersage sei für fast alle Investitionsprojekte im Ausland eingesetzt worden, sagt Fu Jingying von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Das System habe Zugriff auf zahlreiche Datenbanken und werde auch verwendet, um politische Unruhen oder Terrorangriffe vorherzusagen, angeblich mit guten Erfolgen.

Die Bestätigungen der KI-Entwicklungen von chinesischer Seite dürften auch strategische Ziele verfolgen. Soll so nahegelegt werden, dass China technisch und deswegen auch in außenpolitischen Entscheidungen überlegen sei? Oder soll damit gesagt werden, dass einsame Entscheidungen etwa eines US-Präsidenten mit ausgeklügelten Reaktionen beantwortet werden? Auf jeden Fall wird so ein "Wettrüsten" weiter angefacht, das es notwendig erscheinen lässt, KI-Systeme für außenpolitische Entscheidungen zu entwickeln und einzusetzen. Die Welt muss dadurch nicht schlechter werden, aber sie wird verstärkt in die Richtung getrieben, menschliche Urteilskraft durch smarte Maschinen zu ersetzen. Es geht also darum, ob menschliche Urteilskraft mit der Komplexität der Welt überfordert ist und ob coole, amoralische Optimierung für einzelne Nationen und auch für die Weltgemeinschaft eine gute Strategie ist. (Florian Rötzer)

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