Chinesisch-japanische Annäherung

Grafik: Simeon Scott. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe spricht bei seinem Besuch in Peking von einem "historischen Wendepunkt"

Bei seinem dreitägigen Besuch in der chinesischen Hauptstadt Peking hat der von einer etwa fünfhundertköpfigen Delegation begleitete japanische Ministerpräsident Shinzo Abe einem "historischen Wendepunkt" in den Beziehungen der beiden Länder angekündigt: "Heute", so der Naikaku Sori Daijin mit einer Metapher, die in beiden Ländern geschichtliche Bedeutung hat, sei der "Sonnenaufgang einer neuen japanisch-chinesischen Zusammenarbeit" - und zwar nicht nur in den Bereichen Technologie und Wirtschaft, sondern auch politisch.

Zum Beispiel im Umgang mit Nordkorea, wo Peking und Tokio eine gemeinsame Verantwortung hätten, den Frieden in der Region zu sichern. "Da Probleme aufgetaucht sind, die ein Land nicht alleine lösen kann", sei es "an der Zeit, dass Japan und China gemeinsam zum Frieden und Wohlstand in der Welt beitragen".

Als konkreter Durchbruch im Verhältnis zwischen der zweit- und der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt gilt die Erweiterung des Währungs-Swaps auf 27 Milliarden Dollar. Zurückhaltender gibt sich Japan bei seiner Beteiligung am chinesischen Projekt Neue Seidenstaße, dessen Name vermieden wird, obwohl man bereits im Mai eine verstärkte Kooperation bei "Infrastrukturprojekten" in anderen Ländern vereinbarte.

In den Ausführungen zur Bereitschaft des chinesischen Kabinettschefs Li Keqiang, die Beziehungen zwischen zu Japan zu normalisieren, ließ sich erkennen, warum China dazu heute eher bereit ist als früher: Weil es in Washington mit Donald Trump einen Präsidenten gibt, der das Handelsdefizit der USA mit China durch Zölle oder für die USA günstigere Regeln erzwingen will, was das (mit 6,9 Prozent immer noch sehr hohe) chinesische Wirtschaftswachstum bereits etwas abschwächte. Auch deshalb betonte Li Keqiang, dass sowohl China als auch Japan die Bedeutung des Welthandels anerkennen würden, und fügte an, dass sein Kabinett keine Abwertung der Landeswährung Yuan anstrebe.

Last der Geschichte

Ein wichtiger Hintergrund des gespannten Verhältnisses zwischen China und Japan war der Zweite Weltkrieg. Den hatte Japan Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre mit ausgelöst, weil es sich die Schwäche seines durch einen Bürgerkrieg mit zahlreichen Warlords geplagten Nachbarn zunutze machte, und sich in der rohstoffreichen und relativ dünn besiedelten Mandschurei eine De-facto-Kolonie einrichtete. Der Handelsboykott, den China darauf hin verhängte, schadete den japanischen Exporten so sehr, dass das Kaiserreich einen Anschlag auf japanische Mönche 1932 dazu nutzte, Schanghai zu erobern und auf diese Weise zu erzwingen, dass der chinesische Markt 1933 wieder geöffnet und die japanischen Handelsschiffe wieder entladen wurden.

Der Waffenstillstand in Schanghai hielt vier Jahre lang, dann begann der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg, in dem sich die Japaner den Ruf erwarben, keine chinesischen Gefangenen zu machen, weil dies ihre Beweglichkeit und die eigene Versorgung verschlechtert hätte. Zu einem Symbol dafür wurde die Stadt Nanking, an die Chinesen einer 2005 durchgeführten Studie nach zuerst dachten, wenn sie das Wort "Japan" hörten.

Hier exekutierten Angehörige der japanischen Armee vom Dezember 1937 bis zum Februar 1938 so viele Gefangene, dass es den Schilderungen des japanischen Militärfotografen Kawano Hiroki nach japanische Soldaten gab, die ihre Enthauptungstechnik dabei so perfektionieren konnten, dass die Leichen mit dem Kopf voran an einem Stück nicht durchtrennter Haut in die vorher von den Opfern selbst geschaufelten Gräber kippten. Darüber hinaus kam es zu zahlreichen Vergewaltigungen, zu denen ein japanischer Soldat später meinte, man habe die dabei benutzten Chinesinnen anschließend getötet, indem man ihnen eine Glasflasche in die Vagina steckte und diese in ihr zerschlug (vgl. "Herrgott, wenn doch Hitler helfen wollte!").

Begrifflichkeiten und Inseln

Vor allem seit den 1990er Jahren, als die ideologischen Gegensätze in den Hintergrund traten, nahmen die diplomatischen Auseinandersetzung um dieses Massaker eher zu als ab. Anlass dafür waren oft Euphemismen, die man in Japan verwendete, wenn man beispielweise den Einmarsch einen "Truppenbesuch" und den Massenmord an Gefangenen einen "Zwischenfall" nannte (vgl. Peking in der Zwickmühle). Der Streit verästelte sich aber auch in Feinheiten wie die, ob die japanische Staatsführung die Ereignisse bedauert ("Hansei") oder bereut ("Ryoshin no kashku").

Zu diesem Streit um Begrifflichkeiten kommt ein Territorialstreit um Ansprüche auf die Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln im ostchinesischen Meer hinzu, der 2012 zu anti-japanischen Ausschreitungen in China führte und maßgeblich dazu beitrug, dass Abe in Peking noch vor fünf Jahren eine "nicht willkommene Person" genannt wurde. Nun bewertet auch die damals sehr japankritische regierungsnahe Global Times seinen Besuch als einem "Meilenstein, der signalisiert, dass die Beziehungen zwischen China und Japan auf den richtigen Weg zurückkehren". (Peter Mühlbauer)

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