Chinesischer Volksheld als Online-Spiel

Der kommunistische Gutmenschenmythos Lei Feng dient in China als Grundlage für ein Online-Spiel und soll die Jugend zu moralisch wertvollem Verhalten animieren

Lei Feng (1940 - 1962) liebte Partei und Heimatland, diente als treuer Soldat in der Volksbefreiungsarmee, verlor sein Leben 1962 durch einen Arbeitsunfall und erstand 1963 als maoistische Erziehungskampagne "Vom Genossen Lei Feng lernen" wieder auf. Mit Beginn der Erziehungskampagne wurde Lei Fengs Tagebuch millionenfach herausgegeben, unzählige Plakate und Fotos wurden gedruckt, Lei Feng Comics veröffentlicht und ein Film über sein bescheidenes Leben gedreht. Ein kommunistisches Wunder, dass eine so kleine, aber eifrige Schraube im Motor der chinesischen Gesellschaft derart viel an Schrift- und Bildmaterial über ihr Leben hinterlassen hat. Nicht umsonst halten viele Chinesen Lei Feng für eine Erfindung der Kommunistischen Partei. Der Geist von Lei Feng wird jedoch bis heute weiter am Leben erhalten, und bei Bedarf immer wieder zur Erziehung der Jugend benützt.

Auszug aus Lei Fengs Tagebuch: "Eine Schraube hat 2 gute Eigenschaften: Druck - und Bohrkraft. Auch an das Studium sollten wir mit dieser Einstellung herantreten."

Ein Großteil der bisher in der VR China angebotenen Online-Spiele (etwa 70%) kommt aus Korea, Japan und dem Westen. In den letzten Jahren begann die chinesische Regierung die heimische Spieleindustrie zu unterstützen, um einerseits die doch sehr beachtlichen Profite im Land zu halten, und andererseits den Einfluss chinesischer Kultur in den Spielen zu stärken (China setzt auf Online-Spiele). Unter den ersten geförderten "nationalen" Spielen ist das von Shanda, dem größten chinesischen Spieleproduzenten herausgebrachte "Von Lei Feng lernen" (noch dieses Jahr will Shanda Lei Feng 2 herausbringen).

"Von Lei Feng lernen" als Computerspiel

Im Spiel hat man die Aufgabe, innerhalb eines Zeitrahmens Menschen zu helfen, oder falsches Verhalten, wie zum Beispiel das Spucken auf den Boden, das Überqueren der Strasse bei roter Ampel oder Schimpfwörter zu beanstanden. Als Siegesprämien werden kleine rote Sterne vergeben.

Der große Kämpfer des Kommunismus - Lei Feng

Die Charakteristika eines landeseigenen Online-Spiels definieren sich nach Kou Xiaowei, dem stellvertretenden Direktor der Abteilung für audio-visuelle, elektronische und online Veröffentlichungen der Allgemeinen Behörde für Presse und Publikation (GAPP) folgendermaßen:

Zum einen muss es von Chinesen entwickelt worden sein. Ausländer entwickeln auch sehr gute Spiele, keine Frage, aber ein "nationales Spiel" muss von einem Chinesen entwickelt werden. Zum anderen muss ein "nationales Spiel" seinen Hintergrund auch aus der chinesischen Kultur beziehen. Die chinesische Geschichte ist so glorreich, und es gibt so Vieles aus Geschichte, Kultur und Kunst, das eine hervorragende Grundlage für Computerspiele sein könnte. Koreaner und Japaner haben viele Dinge aus der chinesischen Geschichte genommen, um daraus Computerspiele zu machen. Oft ist es vorgekommen, dass sie die traditionellen chinesischen Geschichten dann falsch interpretiert haben, falsch verwendet haben, so weit, dass von der ursprünglichen Geschichte nicht mehr viel zu erkennen war.

Ob der wieder auferstandene Lei Feng seine Rolle als Erzieher der Nation erfüllen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während Kou Xiaowei von der GAPP meint, das Spiel "Von Lei Feng lernen" gäbe den Spielern ein Gefühl der Zufriedenheit und gleichzeitig lerne man dabei anderen etwas Gutes zu tun, hat Fei Jiangge, Entertainment Platform Director bei Spieleentwickler Shanda seine Zweifel an den erzieherischen Qualitäten des Spiels:

Es gibt ja jetzt diesen neuen Plan zum Aufbau von gesunden Spielen. Ich weiß nicht, ob das so zielführend ist. Ich sage jetzt auch nicht, dass wir mit den gesetzlichen Vorgaben der Regierung unzufrieden sind, aber sie könnten das noch besser machen. Chinas Schulsystem verlangt den Schülern sehr viel ab, und da benutzen sie Computerspiele schon einmal als Ventil, um sich auszutoben. Wenn dann ein Spiel auch noch erziehen will, ist das sicher nicht so Erfolg bringend.

Auch unter den Spielern wird die Frage der "nationalen Spiele" im Forum des Internetportals 17173.com unter dem Thema "Patriotismus? Die landeseigenen Spiele unterstützen?" diskutiert.

Auszüge aus den Diskussionsforen:

"Natürlich müssen wir die heimische Spieleindustrie unterstützen und unsere Spiele spielen."

"Aber es bringt doch auch nichts, Produkte fragwürdiger Qualität zu spielen, nur weil sie eine patriotische Etikette tragen."

"Also, unsere eigenen Spiele sind einfach nicht gut genug, das macht doch keinen Spaß die zu spielen. Einfach Produkte aus dem Westen zu kopieren, um dann schnell, schnell etwas Chinesisches daraus zu machen, das kann doch nicht klappen."

"Ich denke schon, dass ich mein Heimatland liebe, aber Produkte kaufe ich mir, weil ihre Qualität stimmt. Wenn unsere eigenen Computerspiele gleich gut sind wie die aus dem Westen, dann bin ich auch bereit sie zu kaufen."

Kou Xiaowei von der GAPP hat dazu folgende Meinung:

Unsere eigenen Computerspiele zu spielen bedeutet tatsächlich Patriotismus, aber ausländische Spiele zu benutzen, die auch "gesunde" Spiele sind, ist ja auch eine gute Sache. Ist es nicht so, dass jeder hofft, dass sich die Computerspielbranche der eigenen Nation am besten entwickelt?

Wer chinesische Internetcafés von innen kennt, wird feststellen, dass weder die Bemühungen um erzieherische Spiele, noch der Patriotismus ausschlaggebend für den Spaß der Spieler sind. Im Großen und Ganzen beschränkt sich das Amüsement der Spieler auf den Schlachtverlauf im Spiel - und der wird lautstark mit Kampfrufen und Schimpfworten kundgetan. Was Lei Feng wohl dazu sagen würde? (Katja Pessl)