Christus starb vermutlich nicht am Kreuz

Schwedischer Theologe findet keine Belege für eine Bestätigung des wichtigsten christlichen Symbols

Auch wenn die Verteidiger des christlichen Abendlandes für die Präsenz der Kruzifixe in den Schulen und anderen öffentlichen Orten kämpfen, spricht nichts dafür, dass Jesus tatsächlich gekreuzigt wurde. Das ist zumindest die These des schwedischen Theologen Gunnar Samuelsson, zu der er in seiner 400-seitigen Doktorarbeit "Crucifixion in Antiquity: An Inquiry into the Background of the New Testament Terminology of Crucifixion" an der Universität Göteborg gekommen ist. Die These, dass es sich beim "Kreuz" um einen Pfahl oder einen Stamm gehandelt haben könnte, ist nicht neu, verhärtet sich aber durch die Studie des schwedischen Theologen.

In der Nachfolge Christi darf auch jeder Gläubige sein Kreuz tragen – wie hier am Wallfahrtsort Altötting. Bild: F.R.

Nach der Auswertung von zahlreichen historischen griechischen, römischen und hebräischen Texten von der Zeit Homers bis zum 1. Jahrhundert nach Christi Geburt, hat er festgestellt, wie er auch in einem Interview im Deutschlandradio berichtet, dass dort Kreuzigungen als Strafen kaum zur Sprache kommen, sie auch in der römischen Zeit keine gängige Hinrichtungsmethode gewesen waren, wie vielfach kolportiert wird. In den Quellen, in denen diese Art der Bestrafung vorkommen sollte, finde man dazu nichts, sagt Samuelsson, dafür aber eine Menge von anderen grausamen Methoden.

Zwar ist oft die Rede vom Aufhängen, aber Kreuze werden hier ebenso wenig erwähnt wie eine Kreuzigung mit Nägeln, mit der Jesus angeblich getötet wurde. Aufgehängt wurden lebendige oder tote Menschen, oft auch nur Teile von Menschen, was aber wohl eher der Zurschaustellung und nicht als Mittel der Todesstrafe gedient hat.

Kreuzigung wird zwar als eine Form des Aufhängens erwähnt, allerdings nur in sehr vager Form. Bei dem im Neuen Testament verwendeten Wort "stauros" (auch xylon) müsse es sich keineswegs um ein Kreuz handeln, sondern es könne auch ein Stamm, ein Pfahl oder irgendetwas anderes gemeint sein. Auch sonst seien im Neuen Testament die Schilderungen der Kreuzigung sehr spärlich und ungenau. Der Kreuzestod von Christus wurde so nach Samuelsson wohl in die Berichte hineininterpretiert und –imaginiert, auch wenn er die Kreuzigung, deren Bild sich später verbreitet hat und zum zentralen Symbol des Christentums wurde, nicht ausschließen könne.

Das Kruzifix ist für die christliche Religion zentral. Bild: F.R.

Andere Deutungen gehen dahin, dass es sich nicht um ein Kreuz in der üblichen Form mit einem Längsbalken handelte, sondern um einen Pfahl, auf dem ein Querbalken wie auf einem T angebracht wurde. Die Verurteilten könnten bereits an diesen Querbalken gebunden worden sein, den sie dann zur Hinrichtungsstätte tragen mussten. Ob die Verurteilten wirklich an das Kreuz genagelt wurden, wird auch vielfach bezweifelt. Vermutlich wurden sie nur daran aufgehängt und starben dann durch Ersticken oder an einem Kreislaufkollaps.

Auch wenn Christus möglicherweise nicht am Kreuz gestorben sei, so bestreitet Samuelsson nicht, dass er "gekreuzigt" oder, genauer, "aufgehängt" worden ist, was immer dies genau heißt, und dabei starb. Dafür habe es ja auch Zeugen gegeben, ebenso dafür, dass er drei Tage später wieder auferstanden ist. Samuelsson ist nicht nur Philologe, wie er sagt, sondern selbst Pastor und Christ, so dass er schon deswegen nicht die biblischen Schilderungen in ihrer Gesamtheit in Frage stellen will.

Gleichwohl ist seine Analyse, sollte sie zutreffen, für die christliche Tradition und die christliche Kirche ein schwerer Schlag. Schließlich ist der martialisch ans Kreuz genagelte blutende und Schmerz verkrümmte Jesus das wichtigste Symbol des Christentums als Zeichen der Hoffnung im Tod und die so plastisch dargestellte grausame Erlösung der Menschheit durch den gekreuzigten Gottessohn das Zentrum des Glaubens. Das Kreuz ist ein altes Symbol, das vom Christentum übernommen wurde, es ist wohl auch deswegen so eingängig geworden, weil der gekreuzigte Christus mit den übereinander genagelten Füßen und den ausgebreiteten Armen selbst die Form eines Kreuzes hat und ein Menschen, der stehend die Arme ausbreitet, die Anderen willkommen heißt. (Florian Rötzer)

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