"Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung"

Globuli. Foto Hofapotheke St. Afra, Apotheker Tobias Müller. Lizenz: Public Domain.

Experten fordern, die Berufsbezeichnung Heilpraktiker entweder abzuschaffen oder umzudefinieren

Im letzten Jahrhundert gingen manche Milieus in Deutschland den Weg vom wundergläubigen Katholizismus direkt in die Esoterik, ohne Umweg über die Aufklärung - vor allem im Gesundheitswesen, wo Menschen immer wieder vor der Situation stehen, dass es Krankheiten gibt, gegen die man bislang nichts ausrichten kann (vgl. Ist Religion ein Instinkt?).

Anzeige

Das führte dazu, dass sich eine "Parallelmedizin" etablierte, die "Komplementäre und Alternative Medizin (KAM)". Wer mit ihr Geld verdienen will, der muss nicht erfolgreich Medizin studieren, sondern bislang lediglich in einer vergleichbar unaufwendigen Prüfung glaubhaft machen, dass er die Gesundheit der Menschen, die ihn bezahlen, nicht gefährdet. Danach darf er dann das Prädikat "staatlich anerkannter" Heilpraktiker führen, aus dem der irreführende Eindruck entstehen kann, hier würde es sich um Personen handeln, deren Heilfähigkeiten mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen wurden.

Bettina Schöne-Seifert, eine Professorin für Medizinethik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), hat deshalb zusammen mit 16 hochkarätigen Medizinern, Juristen und anderen Experten den Münsteraner Kreis ins Leben gerufen, der jetzt im Deutschen Ärzteblatt ein Memorandum veröffentlichte, dem sich sowohl Institutionen als auch Einzelpersonen anschließen können, damit "Politiker motiviert werden, das Heilpraktikerwesen nicht nur kosmetisch, sondern grundlegend zu reformieren."

Das Memorandum fordert, die Berufsbezeichnung "Heilpraktiker" entweder abzuschaffen oder "durch die Einführung spezialisierter 'Fach-Heilpraktiker' als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe" abzulösen - zum Beispiel für Ergotherapeuten, Logopäden oder Krankenpfleger. Das wäre nach Ansicht der 17 Experten ein "verantwortlicher Umgang" mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung" und würde ihren Erkenntnissen nach nicht nur "das Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen stärken", sondern auch "die Versorgung verbessern" und das Prädikat "'staatlich anerkannt' […] wieder [in] ein echtes Qualitätsmerkmal [verwandeln], an dem sich Patienten orientieren könnten."

Der Münsteraner Kreis, der Wert darauf legt, nicht von Dritten finanziell unterstützt und " frei von Interessenkonflikten" zu sein, glaubt, dass die aktuelle Rechtslage zu Heilpraktikern gerade in einem sonst sehr stark regulierten Land wie Deutschland Menschen dazu verführen kann, auf eine vermeintliche staatliche Kontrolle von Personen zu vertrauen, deren Ausbildung sich zur modernen Medizin verhalten kann wie ein "erfolgreich absolvierter Workshop über die Sage des Ikarus" zu einer Pilotenprüfung.

Eugen Brysch vom Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz lobte den Vorstoß des Münsteraner Kreises gestern als "überfällig" und meinte dazu, bislang sei es in Deutschland "einfacher, Heilpraktiker zu werden, als Krankenpfleger". Cornelia Bajic, die Chefin des Zentralvereins homöopathischer Ärzte hatte vorher von "falschen Anschuldigungen" gesprochen, aber eingeräumt, es sei "legitim darüber nachzudenken", ob und wie man das aus der esoterikdurchfluteten Nazizeit stammende Heilpraktikergesetz den "aktuellen medizinischen Gegebenheiten anpasst" (vgl. Debatte über Streichung der Homöopathie aus den Leistungskatalogen).

Die Anschuldigungen gründeten sich unter anderem auf mehrere spektakuläre Fälle, in denen Anhänger alternativer Heilmethoden starben: Die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach ermittelt beispielsweise gegen den Betreiber des "Biologischen Krebszentrums" im niederrheinischen Brüggen, in dem ein Heilpraktiker drei Patienten mit dem Präparat "3-Bromopyruvat" behandelte und möglicherweise fahrlässig umbrachte. Dem Stern zufolge soll der Heilpraktiker inzwischen im Nachbarlandkreis praktizieren.

Im norditalienischen Cagli musste im Juni der sechsjährige Francesco B. sterben, dessen Eltern ihn mit einer Mittelohrentzündung (an der er vor zwei Wochen erkrankte) nicht zu einen "Schulmediziner", sondern zum "Naturheiler" Massimiliano M. brachten. Der verbot den Erziehungsberechtigten trotz hohen Fiebers die Gabe von Antibiotika und die Einlieferung in ein Krankenhaus. Als die Eltern schließlich doch die Rettung riefen, konnte dem Buben auch keine Notoperation mehr helfen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft sowohl gegen den Naturheiler als auch gegen die Eltern wegen fahrlässiger Tötung (vgl. Bundestag beschließt Impfberatungsverweigerer-Meldepflicht für Kitas).

Anzeige

Trotzdem nahmen etwa zwei Drittel der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland Homöopathie in ihren Leistungsumfang auf, als es ihnen finanziell gut ging. (Peter Mühlbauer)

Anzeige