Climate Fiction - Climate Cultures

"Jeder steht aufs Neue vor dem großen Feuer und muss sich überlegen, wie er das große Feuer bekämpft."

Der Klimawandel ist allgegenwärtig. Was hat die Literatur damit zu schaffen? Ist die Dringlichkeit nicht so immens, dass wir handeln müssten, anstatt weiter zu sprechen? Der Literaturkritiker Martin Zähringer handelt, indem er das Climate Cultures network berlin gründet und damit Projekte wie das Climate Fiction Festival Berlin organisiert. Er weist im Interview darauf hin, dass es noch am entsprechenden Kulturbewusstsein mangele. Die Literatur könne helfen, unsere Sensoren auf teils komplexe, teils subtile, aber stets globale Entwicklungen einzustellen. Erst mit einem veränderten Bewusstsein über die Verhältnisse, zum Beispiel Klimakulturen, kann neue Politik entstehen, können Sprechen und Handeln eins gehen.

Wie spricht man in der Kultur über das Klima?

Martin Zähringer: Zunächst noch zum Begriff Kultur: Mich interessiert im Moment vor allem die Entstehung von Klimakulturen. Das ist zunächst eine materielle Ausformung der menschlichen Beziehung zur jeweiligen Klimazone. Man lebt und arbeitet ja ganz unterschiedlich etwa in mäßigen oder in extremen Klimazonen. Daraus folgen historisch gewachsene symbolische Klimakulturen. Aber im Zeichen der heute alles beherrschenden CO2-Klimakultur sind diese natürlich inzwischen vermischt.

Wie sieht denn diese Mischung aus?

Martin Zähringer. Bild: Jan Michalko

Martin Zähringer: Ganz grundsätzlich kann man sagen, dass alle lokalen Kulturen heute fast dieselben künstlerischen und technischen Mittel haben. Daraus ergibt sich ein globaler Kulturbetrieb, der sich im Austausch befindet. Und in diesem Kulturbetrieb gibt es in letzter Zeit ein größeres Interesse an Klima und natürlich vor allem der Klimakrise. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in Theater, Film und Kunst. Auch in der wissenschaftlich-politischen Klimadiskussion wird das inzwischen bemerkt. Da sucht man ja auch nach neuen Vermittlungswegen, insbesondere das Storytelling bietet sich da an. Aber mit Literatur oder insbesondere Climate Fiction hat das nichts zu tun.

Wie ich Climate Fiction verstehe, geht es hier komplexer zu, also nicht nur aktivistische und politische Kampagnen werden geplant?

Martin Zähringer: Climate Fiction ist ja nicht Aktivismus, höchstens in dem Sinn, dass man darüber erzählt, dass Aktivistinnen die Protagonisten sind. Es ist übrigens ganz interessant, in deutschsprachigen Romanen kommen radikale Aktivisten meist schlecht weg, in der anglophonen Literatur sieht das schon anders aus. Das ist eben auch Klimakultur. Die Umweltkämpfe an der US-amerikanischen Westküste haben eine viel breitere Resonanz in der Gesellschaft und somit auch in ihrer kulturellen Repräsentation.

Gehört das Storytelling nicht zu dieser breiteren Wahrnehmung?

Martin Zähringer: Storytelling ist für mich als Kritiker keine große Sache. Bei mir geht es erstens um Analysen, wie Literatur geschrieben ist. Und zweitens um den Kontext, Genre hin oder her. Bei meinen Untersuchungen interessiert mich zunächst, wie Klimawissen in die Literatur oder den Film kommt. Das Thema ist zentral.

Wie wird das Thema im Einzelnen behandelt, und wie lange schon im Ganzen? Im anglophonen Raum existiert eine längere Beschäftigung mit diesem Thema. In der deutschsprachigen Literatur holt man jetzt auf. Wer sich literarisch mit dem Klima beschäftigt, galt schnell als Genreautor. Inzwischen zeigt sich, dass da eben doch mehr dahintersteckt.

Wie stark ist der naturwissenschaftliche Aspekt in der Klimaliteratur?

Martin Zähringer: Der Begriff Klimaliteratur ist erklärungsbedürftig: Als Klimaliteratur bezeichnet man auch Forschungsliteratur oder Sachtexte wie die Berichte des IPCC und so weiter. Da spielen die Fakten natürlich die Hauptrolle. Aber es gibt tatsächlich auch viele Wissenschaftler, die Fiction schreiben, im weiteren Sinne also Climate Fiction.

Es gibt eine ganze Reihe Biologinnen, die auch erzählerisch schreiben, angefangen mit Rachel Carson. Sie schreibt jetzt zwar keine Fiction, aber schon sehr narrativ und vom Nature Writing geprägt. Die Schriftstellerin Barbara Kingsolver ist studierte Biologin und Buket Uzuner, die auf dem Climate Fiction Festival per Stream aus Istanbul zugeschaltet wurde, ist auch Biologin. Sie beendet gerade ihr türkisches Climate Fiction-Quartett, drei der Titel sind schon auf Englisch zu haben. (Water; Earth; Air. The Adventures of Misfit Dephne Kaman)

In welcher Form tauchen die Naturwissenschaften dann auf?

Martin Zähringer: Es wird meistens literarisch vermittelt, also in Stories gepackt, wie sie auf der Literaturschiene funktionieren. Es gibt in Kingsolvers Roman "Flugverhalten der Schmetterlinge" also eine junge Ehefrau, die unzufrieden ist und eine Romanze sucht, daraus wird nichts. Aber nebenbei erfährt man sehr genau, was es biologisch mit den verirrten Monarchfaltern auf sich hat. Und gleichzeitig schildert die Autorin, wie tief die Kluft zwischen der amerikanischen Landbevölkerung und den Wissenschaftlern ist, und vor allem warum.

Das ist dann schon richtig gute Climate Fiction. Als Kontextlektüre empfehle ich: A.J. Hoffman: "How Culture Shapes The Climate Change Debate", Stanford Press 2015. Hoffman schildert die Trennung der US-amerikanischen Gesellschaft in zwei feindliche Klimakulturen.

Wetter und Klima sind ja Allerweltsthemen, die in beinahe jedem Roman auftauchen. Wie unterscheidet sich das von der Climate Fiction. Ab wann ist es für dich CliFi?

Martin Zähringer: Jeder steht aufs Neue vor dem großen Feuer und muss sich überlegen, wie er das große Feuer bekämpft. So kommt mir das manchmal vor. Da kommen sehr unterschiedliche Werke heraus. Ich glaube, es lohnt sich nicht, die über einen Kamm scheren zu wollen. Für mich wird Climate Fiction immer mehr zu einem Suchmodus. Zuerst: In welchen ästhetischen Traditionen kommt die Klimakrise in den Werken zum Ausdruck? Dann: Welche Rolle spielt sie im lokalen Literaturbetrieb? Und welche für die Weiterentwicklung von Literatur? Und schließlich: Welche gesellschaftliche Relevanz hat Literatur, wenn sie die Klimakrise ernst nimmt?

Also nicht: Was ist Climate Fiction?

Martin Zähringer: Nein, ich finde, man kommt der Sache erst richtig auf die Spur, wenn man mal zu verstehen versucht, was Klimakultur eigentlich bedeutet. Das ist und bleibt ein offenes Forschungsprojekt. Ewige Wahrheiten sind nicht zu erwarten, auch weil ein relationales Kulturverständnis zugrunde liegt. Aber idealerweise wären schon die Klimakulturen der theoretische Hintergrund für Climate Fiction, wahrscheinlich noch für viel mehr.

Wie zeigt sich das?

Martin Zähringer: Das Klima der Erde ist Natur, aber für Menschen war Klima schon immer Kultur. Das hat sich auf ganz unterschiedliche Weisen entwickelt. Es gibt kulturgeografische Klimadramaturgien, ich sage mal extrem: Arktis oder Sahara. Aber auch weit weniger auseinanderliegende Kulturgeographien erzeugen deutliche Unterschiede in der symbolischen Klimakultur: Im Schwarzwald führten lange, tiefe Winter und das Holz zu einer künstlerischen Tradition in der Heimarbeit, sagen wir mal Kuckucksuhren, ein paar Kilometer weiter im Flachland, also am Kaiserstuhl, führten heißes Sommerwetter und der Vulkanboden zu einer ausgeprägten Weinkultur. Hier in Brandenburg gibt es riesige Kohlevorkommen, deren Ausbeutung eine starke Arbeiterkultur befördert hat.

Und wie hängt das mit einer globalen Klimakultur zusammen?

Martin Zähringer: CO2 und Carbon (Erdöl, Kohle, Erdgas), also die Ausgangsmaterie der Erderwärmung, diskutiert man heute im globalen Krisenkontext der Petrokultur. Andere sagen auch Ölmoderne. Und ich sage, diese Ölgeschichte ist eigentlich eine Anti-Klimakultur. Sie ist der massive Angriff auf die lokalen, traditionellen und ökologisch gewachsenen Klimakulturen. Unsere Geschichte zerstört die Geschichten der Anderen!

Mit dieser theoretischen Prämisse kann man ganz neu an Literatur herangehen. Sagen wir mal, auch Christa Wolff, Günter Kunert oder Heiner Müller schreiben Petrofiction: Braunkohle und die Bagger, die Faszination der Technik oder die Folgekosten für die sozialistische Gesellschaft, das sind die typischen Sujets, bereits zu DDR-Zeiten. Mit einem solchen Hintergrund der Petro Cultures kannst du ideologische Grenzen ganz locker durchbrechen.

Gibt es da also Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen politischen Lagern?

Martin Zähringer: Ich sehe eher eine größere Fläche, eine andere Ebene der literarischen Wirkung. Und dann fragen wir nochmal, was uns die Literatur zeigt: Wie haben wir denn hier die Natur verändert, zu welchem Zweck? Wie weit ist die Ausbeutung der Natur fortgeschritten? Was ist irreparabel? Wie trägt dieses lokale zum globalen Wissen bei? Warum sind wir jetzt gelandet, wo wir sind? Das kannst du eigentlich überall suchen.

Bei den Romanen, auch zu Brandenburg, ist dann die Frage, wie groß der Raum für Natur und Ökologie wird. Du nanntest die Extremregionen wie die Arktis oder die Wüsten - da bestehen, gerade aus unserer Ferne, wiederum Vorstellungen, die dann eine solche Beschreibung leiten können.

Martin Zähringer: Vor allem wohl durch die eigenkulturellen Repräsentationen - Edward Said nennt das Orientalismus. Man projiziert das in die andere Kultur, was einem passt und nimmt gar nicht wahr, was wirklich stattfindet. Dabei geht es immer um politische Hegemonie, Machtstrategien: die Anderen werden als minderwertig beschrieben, rückständig meist, damit man selbst umso fortschrittlicher oder überlegener hervorkommt, und damit begründet man dann die technische Ausbeutung der Ressourcen und deren militärische Absicherung.

Das ist übrigens immer noch so, das "Othering" spielt eine große Rolle bei den Rassisten und Demagogen. Aber jenseits der kapitalistischen Ausbeutungsgeschichte der Petrokultur bestehen immer noch lokale Klimakulturen. Die schreiben auf ihre Art Erdgeschichte. Unser nächstes Festival im November 2021 heißt in diesem Sinne: "Der Planet schreibt zurück. Literatur und Film."

Da höre ich deutlich die ökonomischen Aspekte heraus. In der Literatur, zumindest in der Science Fiction, werden wirtschaftliche Zusammenhänge häufig ausgespart, als ob es ein Wirtschaften in diesen dargestellten Welten gar nicht gebe.

Martin Zähringer: Ich verweise nochmal auf die kalifornische Tradition, da gibt es viele Autoren mit konkreten polit-ökonomischen Hintergründen, von T.C. Boyle bis Kim Stanley Robinson etwa. Robinson kommt auch zum Festival. Und sehr gespannt sind wir auf einige chinesische Science Fiction-Autoren, die wir eingeladen haben. Und dann haben wir natürlich die Petrofiction besonders im Blick. Weitgehend ist das - wie die Climate Fiction überhaupt, eine sehr engagierte Literatur. Ein amerikanischer Autor - Omar El Akkad - hat in seinem Roman "American War" (S. Fischer) mal durchgespielt, was passieren könnte, wenn sich die Südstaaten vom Norden abkoppeln, weil die Nordstaaten ein CO2-Verbot ausgesprochen haben.

Die Südstaaten rebellieren, die Arabische Union hat inzwischen die weltpolitische Rolle der USA übernommen und füttert die Petro-Terroristen der Südstaaten. Der Autor hat die petrogeographische Situation einfach umgedreht und das Chaos, das die Amis im Nahen Osten verursachten, zurück auf Amerika projiziert. Diese Verdrehung der Verhältnisse hat Mikael Bachtin schon in den 1970er Jahren als karnevaleske Subversion bezeichnet, aber Petrofiction bietet noch andere revolutionäre Facetten.

Saudi-Arabien ist mit seinen Petrodollars in der Geopolitik stark involviert. Dieses Bild entspricht ja der gegenwärtigen Realität.

Martin Zähringer: Wenn wir das als klimakulturelle Analyse im Kontext aufziehen wollen, dann können wir auch bei Abdelrachman Munif anfangen. Munif war ein saudi-arabischer Erdölingenieur, der einen mehrbändigen Romanzyklus "Die Salzstädte" geschrieben hat, der wurde bei Diederichs ins Deutsche übersetzt. Dieser Zyklus beschreibt den Strukturwandel in Saudi-Arabien.

Da sieht man sehr gut, wie unsere Erdölgeschichte bereits in sehr vielen Perspektiven thematisiert ist. Bei Munif ist es übrigens wie bei vielen Climate Fiction-Autoren: Sie besitzen fundiertes Wissen aus einem wissenschaftlichen, politischen oder technischen Brotberuf und lassen es dann in Literatur einfließen. Bei ihm fließt es übrigens sehr gut.

Aber es geht ja auch andersrum, Literaten schreiben immer öfters Sachbücher. Nochmals bezüglich der Motivation: Schreiben die belletristischen Autoren diese Sachbücher, weil sie denken, damit andere Leser erreichen zu können?

Martin Zähringer: Da gibt es viele verschiedene Beweggründe. Ich verweise hier mal ganz unbescheiden auf meinen Artikel "Harte Fakten gut erzählen" in der NZZ, wo ich verschiedene Sachbücher von Literaten kritisch untersuche.

Im Prinzip geht es hier um die zentrale Herausforderung, das scheinbar unfassbare Phänomen, die globale Dimension, die abstrakte Situation der Klimakrise in subjektiv erfahrbare Perspektiven zu rücken. Dazu eignen sich die poetologischen Konzepte der Literatur ganz hervorragend. Und ich meine wirklich etwas ganz anderes als Storytelling, es geht um die politische Intention dieses Erzählens.

Ein Beispiel aus dem Artikel: Jeff Nesbit mit "This is the Way the World Ends" hört sich doch schon wieder furchtbar dystopisch an, aber im Prinzip ist es nur eine Bestandsaufnahme dessen, was sich im Moment zuträgt. Eine tragische Empathie in der globalen Katastrophe mit ganz konkretem Wissen um die Perspektiven: Dass es im Krieg in Jemen um Wasser geht, zum Beispiel, und um Klimaflüchtlinge.

Thema Übersetzungen: Wie sieht es mit der Literatur aus dem Süden der Welt aus Ländern wie den Malediven aus?

Martin Zähringer: Diese Länder sichtbar zu machen, ist erstmal kein großes Anliegen der Verlage, sofern sie kommerziell organisiert sind. Das sind natürlich kleine Themen und die bringen zunächst nicht viel Geld. Die meisten Verlage haben gar nicht das Profil, in dem diese Titel passen könnten. Deshalb denke ich, dass unsere klimakulturellen CCnetwork-Projekte gut geeignet sind, um kleine Literaturen sichtbar zu machen, einzuladen und auch in das Übersetzungsspiel zu bringen.

Das lief ja immer sehr gut mit der Frankfurter Buchmesse, vielleicht finden wir da mal einen Anschluss als CCnetwork berlin. Mit dem Gastlandauftritt Kanada wird zum ersten Mal in unserer Kulturwelt sichtbar, dass Kanada nicht nur aus einer weißen Bevölkerung besteht, sondern in der Fläche aus indigenen Bevölkerungsschichten. Und die sind kulturell produktiv und viele sind kämpferisch.

Die oben genannten zwei Klimakulturen der USA haben in Kanada ihre Fortsetzung unter anderen Vorzeichen: Die Ausbeutung der Tar Sands in Alberta etwa wird von amerikanischen Konzernen betrieben, amerikanische Pipelines führen durch Indianergebiet. Die sind nicht immer einverstanden - Petrokultur gegen Klimakultur. Das ist so eine Konstellation, die sich überall auf der Welt findet.

Geht es dir dann vorwiegend um realistische oder politische Literatur?

Martin Zähringer: Wovon lebt der Realismus in der politisch engagierten Literatur? Von Ideen! Von soziologischen und psychologischen Konzepten, von ideologischen Vorstellungen oder Systemkritik. Oder von wissenschaftlichen Weltbildern, so wie bei Ursula LeGuin, deren Vater ein berühmter Anthropologe war. Dieses Wissen vom Menschen fließt bei LeGuin ganz klar in die Konstruktion ihrer scheinbar fantastischen Welten (z.B. Erdsee-Zyklus, Fischer Tor), das sind nur leicht ins Fantastische verschobene Gesellschaftsutopien mit realem Anspruch.

Oder im Zukunftsroman "Die letzte Flut" (dt. bei Heyne) von Stephen Baxter, in dem Milliardäre gigantische Schiffe ausrüsten, um die Überflutung der Erde zu überleben. Ein Vorwand für den Autor, um den maximal möglichen Anstieg des Meeresspiegels in den nächsten 800 Jahren genau zu schildern, parallel mit der maximal möglichen Perversion einer kapitalistischen Utopie. Geht es mir um politische Literatur? Vielleicht geht es mir einfach um eine neue Literatur, inspiriert von einer klimakulturellen Bildung, erkenntnisoffene Weiterbildung aus der Krise. (Dominik Irtenkauf)