Clockwork America

Schulmassaker und tödliches Freistilringen in USA

An der Santana High School in einem Vorort von San Diego erschoss der 15-jährige Charles Andrew Williams zwei Schüler und verletzte dreizehn weitere. Viel ist über den jugendlichen Killer im Übrigen nicht zu erfahren. Wegen seiner geringen Körpergröße wurde das Scheidungskind, das beim Vater lebte, oft gehänselt. Seine Mutter Linda Wells hält ihn aber für einen ganz normalen Jungen. Wäre es so, dürfte Amerika in Zukunft noch häufiger Gelegenheiten haben, von den Exzessen jugendlicher Gewalt erschüttert zu werden.

Jedes amerikanische Schulmassaker ist Anlass, die üblichen Forderungen zu erheben: Gewaltprävention, Waffenverbot, Eltern-Lehrer-Beteiligung, kindgerechte Medienangebote etc. Doch in diesen Gewaltverhinderungsdiskursen verstecken sich alte Widersprüche, die schon immer Strafsysteme zwischen Toleranzerziehung, Verständnis für Täter auf der einen und "Zero Tolerance" sowie alttestamentarische Vergeltungsansprüche auf der anderen Seite hin und her pendeln ließen.

Offensichtlich hat das gerade an der Santana High School eingeführte Programm zur Konfliktbewältigung jedenfalls wenig genutzt. Seit dem bislang spektakulärsten Schulmassaker in Littleton, dem sog. "Columbine Incident", laufen in Amerika verstärkt diverse Gewaltbekämpfungsprogramme, die auch eine Vielzahl praktischer Maßnahmen einschließen: Metalldetektoren, Sicherheitskameras, Durchsuchungen von Personen und Wandschränken, Evakuierungsübungen, die Präsenz von Sicherheitskräfte und Polizei in den Schulen, härtere Strafen und Relegationsverfahren, selbst für die, deren Verfehlung darin liegt, Spielzeugwaffen mitzubringen, bis hin zu dem bizarren Verbot an der Columbine High School, Trenchcoats anzuziehen, weil die Täter darin ihre Uniform fanden. Nachher ist man immer klüger und es gehört zum Aberglauben der Prophylaxe, an wörtliche Wiederholungen der Geschichte zu glauben.

Die Vielzahl der Remedien lässt vermuten, dass geeignete Maßnahmen in diesen Katalogen enthalten sein dürften. Selbstverständlich wären einige Gewaltexzesse vermeidbar gewesen, wenn die Kids zur Exekution ihres Unmuts nicht leichten Zugang zu "pump-guns" und "uzis" gehabt hätten. Auch die gesammelte Zuwendung von Eltern, Lehrern, Psychologen und einer großen Schar von Kinderbetreuungsorganisationen dürfte nicht fruchtlos sein.

Aber auch die nach jedem Massaker sprudelnden Gutachten enthalten zumeist keine klare Aussage, warum Jugendliche sich für Gewalt entscheiden. Selbst eine Studie des US-Geheimdienstes und des Bildungsministeriums über 37 Schießereien an Schulen präsentiert keine plausiblen Letzterklärungen, warum Schüler scheinbar unvermittelt Amok laufen. Immerhin gibt es Indizien in der Studie: Die Massaker wurden geplant und coole Sprüche leiteten die Taten solcher Schüler ein, die eher an der Peripherie der Gemeinschaften standen, gehänselt oder ausgestoßen wurden.

Kathleen Heide, Kriminologin an der University of South Florida und Autorin des Buchs "Young Killers", glaubt nicht, dass Strafen geeignet seien, das Problem juveniler Gewalt zu lösen. Gesunde, glückliche Kinder würden so schreckliche Dinge nicht tun. Die Wissenschaftlerin fordert also gesetzliche Maßnahmen, dass Kindern in Not die nötige psychotherapeutische Heilbehandlung gewährt wird.

Dieser Standpunkt setzt indes wenig Wissenschaft voraus. Es ist zur tautologischen Phraseologie präventiver Gewaltbekämpfung geworden, dass glückliche Menschen in glücklichen Bedingungen leben. Nun hatte Konrad Lorenz - lange vor den amerikanischen Schulmassakern - festgestellt, dass eine frustrationsvermeidende Erziehung bei Jugendlichen das aggressive Potenzial gerade nicht eindämmt. Fatal erschien ihm zudem, dass der Wechsel von toleranten Familien in leistungsorientierte Schul- und Ausbildungssysteme jenes vielbeschworene Unbehagen an der Kultur offensichtlich mächtig aufstachelte. Der Mensch ist nach den Ausführungen Richard Sennetts nicht so flexibel, wie ihn eine Start-up-Leistungsgesellschaft projiziert, um ihn rückhaltlos dem kollektiven Gewinnstreben von Unternehmen zu unterwerfen. Glück und Leistungsprinzip sind nur für die kompatibel, die auch die persönlichen Voraussetzungen für diesen Schulterschluss besitzen.

Abgesehen davon sind aber Prophylaxen, die der Kriminologin Heide so selbstverständlich erscheinen, allein deshalb so fragil, weil potenzielle Killerkids ihre Seelenabgründe, wenn es denn wirklich welche auszuloten gibt, gerade nicht outen. Die Protagonisten des juvenilen Terrors sind - zumindest in den bedingten Selbstwahrnehmungssystemen der Gesellschaft - regelmäßig unauffällige Erscheinungen. Nicht jeder, der gehänselt wird, zieht schon die Kanone. Nicht jeder, der seine Lehrer und Mitschüler in einem kleinhirnbedingten Wutanfall gelegentlich mal erschießen möchte, tut es wirklich.

Eine liberale Gesellschaft, die den Individualismus zur Selbstermächtigung erklärt, auch anders sein zu dürfen, produziert unauflösliche Widersprüche, wenn jede Verhaltensauffälligkeit psychotherapeutische Zwangszuwendungen auslösen würde. Individualität ist weder eine unheilbare Krankheit noch leichthin in ihren kriminellen Dimensionen zu erkennen. Der Kannibale Jeffrey Dahmer etwa war zuvor nur durch öffentliches Masturbieren aufgefallen und der psycho-logische Schluss auf Dahmers Eignung als "Hannibal-Lector-Replikant" lag kaum auf der Hand. Eine rückhaltlose Prävention des Staates führt zu repressiven Systemen der Überwachung, die wiederum andere Formen der Gewalt auslösen würden.

Wie heillos die Verstrickungen einer Gesellschaft bei der Eindämmung des eigenen Gewaltpotenzials sein können, belegen die grassierenden Verdachtsmomente gegenüber allen Formen gewaltstimulierender Kultur, die sich zur Paranoia aufgipfeln. Die Musiklehrerin Cassie Johnson in Tipton/Indiana, kündigte, nachdem sie von der Schulleitung aufgefordert wurde, nicht länger Texte des Rapper-Fieslings Eminem zu analysieren. Die bestürzten Eltern einer Schülerin riefen den Direktor an, um gegen diesen Unrat von Gewalt und Diskriminierung einzuschreiten. Der Direktor teilte die Auffassung der Lehrerin nicht, es handele sich um Mainstream-Kunst: "An einer Highschool ist eine Auseinandersetzung mit Eminems Texten vielleicht sinnvoll, aber nicht in der sechsten Klasse." Mag sein, aber die Abschottung der Kids gegenüber einer allpräsenten Medienmaschine, die sich gerade darin reproduziert, Gewalt in Texten, Bildern oder Liedern tief ins jugendliche Bewusstsein einzumassieren, ist dadurch zuletzt zu gewährleisten.

Mit 21 Jahren wurde der jugendliche Killer "Billy the Kid", der selbst bei geringen Provokationen den nervösen Finger sofort am Trigger hatte, von Pat Garrett erschossen. Pat Garrett, der ihn zur Strecke brachte, schrieb über den rätselhaften Einzelgänger: "Alle, die ihn kannten, können berichten, dass er noch in der wildesten und gefährlichsten Laune immer ein Lächeln auf dem Gesicht trug. Er aß und lachte, trank und lachte, ritt und lachte, kämpfte und lachte - und tötete und lachte". Zeugen berichten, Charles Andrew Williams habe gelächelt, als er in der Pause begann, auf seine Mitschüler zu schießen. Aber leider ist es nicht mehr so einfach wie zu Zeiten des frühen Kriminologen Lombroso, der noch glaubte, das Verbrechen Menschen an der Nasenspitze ablesen zu können.

Billy the Kid brachte es nur zu einer kurze Karriere, aber der Geist amerikanischer Wildwestzeiten, in denen kräftig gehobelt wurde, veredelte sich in diesem Fall wie in unzähligen anderen Geschichten zum amerikanischen Mythos einer Gewalt, die sich den Fakten nach nicht als Selbstbehauptung in schwierigen Zeiten feiern dürfte. Inzwischen wird die kolportierende Outlaw-Romantik des 19.Jahrhunderts von einer cineastischen Gewaltverherrlichungsindustrie global tausendfach überboten. Wer zählt noch Terminatoren, Predatoren, aufrechte GI's, deutsche Nazis, italienische oder japanische Mafiosi, Kungfu-Kampfmaschinen, Swords-and-sorcery-Helden, Perverslinge jeder Couleur, die für Gut oder Böse, Recht oder Unrecht kämpfen - und vor allem töten!

Denise Caruso von der New York Times hat auf Hunderte von Studien verwiesen, die einen unmittelbaren Zusammenhang von Mediengewalt und dem Zuwachs gesellschaftlicher Aggressionen nachweisen. Das aber ließe sich nicht - dem Vorurteil nach - auf die Unfähigkeit zurückführen, Realität und Fantasie zu unterscheiden, sondern auf die psychologischen Mechanismen von Desensibilisierung, Konditionierung und mimetischem Lernen. Dave Grossman, ein früheres Mitglied der US-Armee und Professor in West Point meint, dass diese Mechanismen dieselben wären, die im Vietnam-Krieg für die Erhöhung der Schießfreudigkeit von Soldaten maßgeblich verantwortlich gewesen wären. Worin immer die Quellen menschlicher Gewalt liegen mögen, in den Mediendarstellungen wird Aggression als unabdingbarer Wesenszug des Menschen manifestiert, dem alle Mittel seiner Verwirklichung zur Verfügung gestellt werden.

Im wissenschaftlichen Zugriff präsentiert sich Aggression als ein komplexes "mixtum compositum" aus Täterdisposition und gesellschaftlicher Hilflosigkeit, aber eben auch sozialen, kulturellen und medialen Einflüssen. Die konkreten Mischungsverhältnisse, die Algorithmen der Gewalt, die letztlich aus Darstellungen, Imaginationen und Wünschen reale Vernichtungen gebären, sind wenig bekannt und dürften oft nur in individuellen Rekonstruktionen von Gewaltakten anzugeben sein.

Die gesellschaftlichen Selbstheilungsversuche setzen daher in Amerika wie anderenorts zumeist am Offensichtlichen an. Es herrscht relative Einigkeit, dass der leichte Zugang zu Waffen zum Schlüsselproblem der Gewaltpraxis wird. Also müssen die Gesetze verschärft werden, Eltern sind zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie Kindern vorsätzlich oder fahrlässig Zugang zu Waffen verschaffen. Der Waffenverkäufer, der den Littleton-Killern Eric Harris and Dylan Klebold eine Handfeuerwaffe verkaufte, wurde pflichtschuldigst mit sechs Jahren Gefängnis bestraft. Allein dieses Strafmaß macht klar, dass die Gesellschaft Schuldige sucht, die in der Hierarchie der Gewaltproduktion zwar keine prominente Stellung einnehmen, aber deren Taten wenigstens konkretisierbar sind, wo das Phänomen im Übrigen doch so diffus wie unheimlich ist.

Der Soziologe Robert Winslow von der San Diego State Universität bringt es auf eben diesen Punkt: "Aber im Moment unterscheidet uns eins von anderen zivilisierten Ländern: Sie bewaffnen ihre Jugend nicht." Klar, Gewalt ohne Feuerwaffen endet eher mit blauen Augen als mit blauen Bohnen in der Herzkammergegend. Nun sprechen die Widerstände der National Rifle Association of America gegen effiziente Restriktionen des Waffenverkaufs dieselbe Sprache wie die in der Gated Community/Nevada gewährte Grundbewaffnungen von Neubürgern, die mit dem Eigenheim zugleich die "uzi" erhalten. Diese Selbstverteidigungsmentalität, die Amerikas Selbstbild von frühesten Zeiten an bestimmte, schlägt jederzeit schnell in aggressive Vernichtungsfantasien um - gemäß dem Spruch Erich Fromms erfordert es nicht viel, dass ein bewaffneter Mann sich bedroht fühlt. So wäre zwar die Restriktion der Waffengesetzgebung bis hin zum grundsätzlichen Verbot ein logischer Schritt zur Vermeidung zukünftiger Gewalttaten, aber die grundsätzliche Gewaltbereitschaft wäre damit noch längst nicht erledigt.

Fast zeitgleich zu dem Schulmassaker nahe San Diego wurde der Fall des Lionel Tate verhandelt. Der inzwischen 14jährige Junge hatte am 28.Juli 1999 in einem "Ringkampf" die sechsjährige Tiffany Eunick getötet. "Unfall" sagten Lionels Mutter und die Verteidiger. "Lebenslänglich" entschied die Justiz. Die Jury erkannte in Tates Tat einen so genannten "first-degree murder", einen Mord ersten Grades, der nach dem Recht Floridas dem Richter kaum eine Option belässt, eine andere als die jetzt gefällte Entscheidung zu treffen. Der afroamerikanische Tate wurde aber zugleich zum Opfer des US-Gerichtskuhhandels. Die Mutter des Jungen Ms. Grossett-Tate hatte im Glauben an die Unschuld ihres Kindes und wohl aus Unkenntnis der juridischen Gepflogenheiten zuvor die Angebote der Staatsanwaltschaft ausgeschlagen, sich im Rahmen eines "plea bargain" auf ein Schuldgeständnis einzulassen. Danach hätte Tate für einen so genannten "second-degree murder" lediglich drei Jahre Jugendstrafe, ein Jahr Hausarrest nebst zehnjähriger Bewährung erhalten.

Seit der knallharten Entscheidung der amerikanischen Justiz, die immer jüngere Täter zu erwachsenen Schwerverbrechern abstempelt, werden die Foren und "message boards" der virtuellen Öffentlichkeit mit dem Problem aufgeheizt: Ist es richtig, einen vierzehnjährigen Jungen, der zur Tatzeit zwölf Jahre war, als Mörder zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen? Selbst Staatsanwalt Ken Padowitz ging das zu weit. Er teilte mit, dass er die Verteidigung darin unterstützen werde, ein Gnadengesuch an Floridas Gouverneur Jeb Bush zu richten, um die Strafe zu reduzieren. Gut unterrichteten Kreisen zufolge wollte Ken Padowitz von Anfang an nicht, dass Tate sich als Erwachsener verantworten muss. So oder so war der Fall für die staatliche Strafverfolgung eine heiße Kartoffel, die zunächst an eine Grand Jury weitergereicht wurde. Ein Mord "ersten Grades" bedeutet, Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international auf den Plan zu rufen, die diese Entscheidung als grausam und unangemessen bewerten oder es sich aber mit Floridas mächtigen "Hang-'em-high"-Anhängern zu verderben. Die Grand Jury entschied sich für die härtere Anklagevariante und beschnitt damit jede Möglichkeit, Tate noch als Jugendlichen zu behandeln.

Die Meinungen in der amerikanischen Öffentlichkeit sind geteilt: CNN verzeichnet immerhin 57% Stimmen, die das Urteil ablehnen, aber solche Umfragen sind zumeist wenig aussagekräftig. Regelmäßig hängen sie vom jeweiligen Informationsstand der Öffentlichkeit über die abzuurteilende Tat ab. Je gräulicher die Untat erscheint, desto schneller wächst bekanntlich die Strafwut des Publikums. Im Fall des Lionel Tate aber beklagte sich Richter Lazarus über die einseitige Stimmungsmache zu Gunsten des Jungen, der für ihn unzweifelhaft ein Mörder ist.

Der Fall des Lionel Tate wirft neben den hinlänglich bekannten Problemen des amerikanischen Strafjustizsystems und des gespaltenen Verhältnisses der Öffentlichkeit zum eigenen Rechtssystem viele Fragen auf, die hier - wie so oft - in dem vergeblichen Rückgriff auf innere Tatbestände enden. War Lionel Tate tatsächlich das manipulierte Medienopfer der World Wrestling Federation, die das brutale Zusammenschlagen des Gegners als fröhlich-zynischen Fake präsentiert? Überkam ihn die kindliche Lust an der Nachahmung, nachdem vielleicht irgendein Profibrutalo das Gesicht des "Undertakers" blutig geschlagen hatte? Oder bediente sich Tate nur einer von seinen Anwälten soufflierten Schutzbehauptung, die in den Ohren einer sensibilisierten Gesellschaft plausibel tönt?

Der schwergewichtige Tate war gegenüber der schmächtigen Tiffany ein Gigant - ein Unfall? Oder ein unfairer Kampf, so unfair, wie ihn die Gladiatoren des neorömischen Kampffernsehens zur Freude nicht weniger Kinder tagtäglich pflegen? Für Richter Joel Lazarus war die Sache indes so klar, dass er nur noch verachtende Worte für den Staatsanwalt fand, der das Gnadengesuch unterstützt. Die Schuld Lionels sei unzweifelhaft, der Junge habe heimtückisch und intentional gehandelt. So argumentieren Richter immer, anders lassen sich Urteile auch nicht gegen den inneren Restzweifel begründen. Psychologen, Medienkritiker, Gewaltforscher dürfen ihre Ratlosigkeiten dagegen mehr oder minder spitzfindig verwalten, Richter sind von Berufs wegen verpflichtet, komplexe Lebenssachverhalte für entscheidbar zu halten.

Wie weit helfen solche drakonischen Strafen aber, zukünftige Verbrechen zu vermeiden? Präsident Clinton berief 1998 eigens eine Konferenz im Weißen Haus zur Fragen der Schulsicherheit ein. Nach Auffassung aller Beteiligten - Lehrer, Sozialarbeiter, Polizei, Religionsvertreter und selbst der Kinder - erzielte die Konferenz das wenig erstaunliche Ergebnis, dass Prävention das beste Mittel sei, der Hydra der Gewalt erst gar keine Köpfe wachsen zu lassen. Die Bereitschaft des Kongresses, Präventionsprogramme zu installieren, ließ sich von diesem Wissen bei der Mittelvergabe allerdings nicht so nachhaltig inspirieren, wie es der Konsens der Gewaltbekämpfer hätte vermuten lassen.

Nun ist Prävention längst nicht gleich Prävention und inzwischen weht in Amerika wieder ein anderer Wind: Präsident George W. Bush zufolge ist es die beste Prävention, die Kinder zu lehren, richtig und falsch zu unterscheiden. Nun ist die amerikanische Medienmaschine seit ihrem Anbeginn permanent damit befasst, richtig und falsch, gut und böse, Recht und Unrecht zu unterscheiden, sodass kaum zu vermuten ist, es gäbe noch die Gnade für Kinder, sich hier unwissend stellen zu dürfen.

Ganz im Gegenteil: Der Gewalt- und Fascho-Kult der Littleton-Täter macht deutlich, dass die mordenden Jugendlichen sich bewusst auf die dunkle Seite der Macht respektive der Gesellschaft stellten. Sie waren getreue Abziehbilder gesellschaftlicher Moral. So haben sich die Killer von Littleton nach dem Blutbad gleich selbst hingerichtet, weil sie zu genau wussten, wie die Gesellschaft auf ihren Ausbruch aus der Zivilisation reagieren würde. Auch die Kinderkiller haben mit der Muttermilch die moralischen Differenzierungen aufgesogen, die nicht nur das amerikanische Weltbild so quadratisch, praktisch und gut erscheinen lassen, sondern auch weltweite Moralmissionsaufträge legitimieren.

Der Katechismus der Gutmenschen provoziert aber gerade die Lust, sich auf die andere Seite der moralischen Demarkationslinien zu schlagen. "Born to be bad" ist nicht nur ein lustiger Spruch auf amerikanischen T-Shirts, mit dem Kinder folgenlos kokettieren, sondern knüpft an psychoenergetisch tieferliegende Gründe an, als es einer vordergründigen Schwarz-Weiß-Moral einleuchten will. Vielleicht sind es also gerade die ehernen Unterscheidungen zwischen "Gut" und "Böse", die es juveniler Gewalt so leicht machen, sich für das Böse zu entscheiden.

Es gehört zur Paradoxie amerikanischer Kultur, dass der "Terminator" Schwarzenegger Gouverneur werden will und der Ex-Wrestler Jesse Ventura bereits als Gouverneur von Minnesota in die politsche Bundesliga aufgestiegen ist. Auch Ronnie Reagan besaß immerhin einiges Geschick, das Böse cineastisch plausibel zu inkarnieren. Auf die Frage, was er von Waffenkontrolle halte, antwortete Ventura, dass ein Mann, der auf zwanzig oder mehr Meter Entfernung ins Schwarze treffe, seine Waffe kontrolliere. Dieser wählerorientierte Zynismus macht klar, wie ernsthaft in einigen Kreisen die Bereitschaft ist, der Gewalt und ihrer Fantasien Herr zu werden, die nicht zuletzt auch ihre eigenen Karrierevoraussetzungen begründeten.

Präsident George W. Bush erkannte in dem Massaker einen "schändlichen Akt der Feigheit". In dieser Aussage, wenn sie nicht auf eine schlechte semantische Ausstattung des Präsidenten zurückzuführen sein sollte, die ihm nachgesagt wird, verbirgt sich die Hilflosigkeit nicht einmal. Die National Rifle Association of America atmet erleichtert auf, weil die Bewegung der Waffenächter sich jetzt nicht länger auf Bill Clinton verlassen kann, der angeblich Katastrophen genutzt hat, um politische Pluspunkte zu verbuchen. So hat die NRA denn auch gleich in einem Video - passend zum schrecklichen Ereignis geschaltet - klar gemacht, was sie unter Kindersicherheit und Waffen versteht: Kinder müssen lernen, mit Waffen richtig umzugehen. Friedenserziehung ist also nach den Flintenfreunden zuvörderst eine Frage des richtigen technischen Umgangs mit der tödlichen Magnum.

Bushs Rede von der Feigheit der Täter würde ja in Konsequenz bedeuten, dass die Totalbewaffnung sämtlicher Schüler sich wie in den guten alten Pionierzeiten als Selbstverteidigungsmaßnahme eines verunsicherten Systems anempfiehlt. Aber auch zu diesem paradoxen Preis würde Gewalt wohl zuallerletzt vermieden, sondern umso wahrscheinlicher. Vorliegend geht es nicht um Mut, Feigheit oder andere militärische Tugenden, die der amerikanische Mythos nie müde wurde, zu glorifizieren, sondern um eine Gewalt, die gerade nicht vor den Folgen des eigenen Tuns - bis hin zum Selbstmord - zurückschreckt. Sicher wünscht man sich bei potenziellen Tätern in Zukunft noch erheblich mehr Feigheit, als sie der Präsident konstatiert - so viel Feigheit, dass sie vor Taten wie den vorliegenden zurückschrecken.

Vielleicht hatte der späte Freud, der noch vor dem zweiten Weltkrieg fast pathetisch den Todestrieb als ewigen Konkurrenten des Eros erkannte, doch Recht. Aber selbst wenn man das nach Konrad Lorenz so genannte Böse in der unglückseligen Kombination aus stammesgeschichtlichen antiquierten Hirnanteilen und einer hybriden Technologie erkennen will, müssen Hoffnungen auf Bushs neue alte Moralgesellschaft gedämpft werden. Zwar mögen präventive und repressive Mittel des Staates in Zukunft geeignet sein, den Einbruch von Gewalt in der Alltäglichkeit amerikanisch verschlafener Kleinstädte zu reduzieren, aber die gesellschaftlichen Großanlässe, in Kriegen Menschen zu töten und Aggression "sozialadäquät" zu entladen, werden dadurch längst nicht beseitigt.

Es wird zur Ironie der Gewaltdiskurse, dass die Hysterie, die sich allgegenwärtig jetzt in amerikanischen Schlagzeilen über die unheimlichen Killerkinder ergießt, den statistisch abgesicherten Umstand verheimlicht, dass die Gewalt an Schulen rückläufig ist. Die Zahl jugendlicher Mörder hat in fast zwanzig Jahren ihren niedrigsten Grad erreicht. "Es ist fünf Mal wahrscheinlicher, auf dem Schulweg getötet zu werden als in der Schule selbst", konstatiert Rechtsprofessor Frank Zimring von der "University of California" in Berkeley.

Wenn denn schon eine Überwachungsgesellschaft institutionalisiert würde, wäre es erheblich besser, die Metalldetektoren auf der anderen Seite des Schulgeländes zu installieren. Die Kontrollfantasien, die auch Amerikas Ängste in der NMD-Raketeninitiative, im hoffentlich allmächtigen Firewall in Cyberspace und auch auf dem Boden der alltäglichen Tatsachen besänftigen sollen, dürften aber nach Aussage der Verhaltenswissenschaftler just das Gegenteil von Sicherheit herstellen. In Schulen, die mit Detektoren und Sicherheitskontrollen hochgerüstet werden, gedeihen Ängste aufs Vorzüglichste. Flüstert erst die Panik ein, wie gefährlich Schulen sind, werden sich die wichtigsten Präventionseigenschaften - psychologische Sicherheit und Zivilcourage - kaum je einstellen.

Was aber bringt eine drakonische Strafe, wie sie Lionel Tate erhalten hat? Letztes Jahr entschied sich Kalifornien mit der so genannten "Proposition 21" dafür, Kinder als Erwachsene verurteilen zu können. Auch Williams wird als Erwachsener für seine Missetaten büßen müssen. Wenn es also zur Verurteilung kommt, und wenig spricht dagegen, könnten den Jugendlichen mehr als 500 Jahre Gefängnis erwarten. Das hat der Geist der "Zero Tolerance", die Wiederkehr des Talion "Auge um Auge, Zahn um Zahn", der Ruf nach harten Strafen und energischem Durchgreifen der amerikanischen Kulturnation beschert.

Aber auch "Zero Tolerance" stößt inzwischen selbst auf Zero Tolerance, weil der erhoffte Nutzen hinter den negativen Folgen zurücksteht. Werden Kinder etwa die Verhaltensauffälligkeiten ihrer Freunde Lehrern oder Eltern anvertrauen, wenn jenen schlimmste Ahndung droht? Die Vorzeichen der Gewalt, die bei diversen Ankündigungen jugendlicher Amokläufer auch ohne seismische Fähigkeiten hätten ernst genommen werden können, würden erst gar nicht mehr registriert. Jaana Juvonen, Verhaltenswissenschaftlerin vom Rand Institute, hält die "Null-Toleranz-Politik" daher für kontraproduktiv. Hier gehe es nur noch um die Bestrafung und Vergeltung, Schuld und Sühne. Mit "Zero Tolerance" gerät eine individualisierende Schuldzumessung völlig aus dem Lot. Allein die Taten werden fokussiert, die Motive verschwinden, Kinder verlieren jeden Bonus, Kinder zu sein und ausgerechnet in Gesellschaften, die ihre soziale Kälte beklagen, greift Entfremdung epidemisch um sich.

Als Bollwerk gegen eine öffentliche Permissivität, die sich aus der Apathie der Bürger angesichts von Straftaten speist, mag die "Zero-Tolerance-Mentalität" eine begrenzte Bedeutung besitzen. Als Ersatz für die ungleich mühevollere (Re)Sozialisierung von Kindern und Jugendlichen und die Integration heterogen strukturierter Gesellschaften taugt das Prinzip nicht. Längst liegen Untersuchungen vor, dass Schwerverbrechen durch härtestes Durchgreifen kaum zu verhindern sind. Abschreckung ist in jedem Strafrechtssystem notwendig, aber eine Abschreckung, die jedes Maß verlässt, ist der sicherste Garant für den "cornered rat effect". Wenn es nichts mehr zu verlieren gibt, wird schließlich jedes Mittel probat.

"Die jungen Männer wurden in einem Akt des unsagbar Bösen von uns genommen", erklärte Gouverneur Gray Davis jetzt bei den Trauerfeierlichkeiten. Sollten sich diese sprachlosen Kategorien wieder durchsetzen, werden damit die sichersten Voraussetzungen geschaffen, eine Auseinandersetzung mit dem komplexen Problem jugendlicher Gewalt bis auf weiteres zu verabschieden. Good morning, America!

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