Co-Living: Kleine Räume mit Gemeinschaft, profitabel für Investoren

Gemeinschaftsraum mit offener Küche in einem Starcity-Co-Living-Haus in San Francisco. Screenshot von Starcity-YouTube-Video

Weil in den USA in den Städten die Mieten und Immobilienpreise für viele unerschwinglich teuer werden, verbreitet sich das profitable Konzept des Co-Living

In den USA versucht das Startup Starcity bislang erfolgreich in der Bay Area die Idee einer Wohngemeinschaft im modernen Gewand zu verkaufen. Allerdings handelt es sich nicht um Gemeinschaften oder auch Genossenschaften, die sich selbst organisieren, sondern um eine Fortführung des kommerziellen Sharing-Konzepts. Man teilt eben nicht nur Autos oder Werkzeuge oder was auch immer gegen Geld, sondern ein Haus. Ähnlich wie bei Coworking mieten sich die Angehörigen der kreativen Klasse ein eher kleineres Zimmer in einem entsprechend (um)gebauten Haus, in dem es gemeinsam genutzte Räume gibt. Schon hat man "Co-Living".

In der Bay Area gibt es ein wachsendes Wohnungsproblem. Die IT-Konzerne und Startups im Silicon Valley und in der Region lassen die Immobilienpreise immer weiter in die Höhe schießen. Gentrifizierung findet schon lange statt. Aber die Wohnkosten werden auch für die gut bezahlten Mitarbeiter von Google, Apple, Facebook und Co. zu hoch, die ebenso wie die Heerscharen der geringverdienenden Dienstleister, die die gut verdienenden Angehörigen der kreativen Klasse versorgen, immer weitere Wege im Stau zurücklegen müssen. Dazu kommt, dass viele der Mitglieder der kreativen Klasse zur Schicht der digitalen Nomaden gehören und oft nur kurz an einem Ort bleiben, bevor sie weiterziehen, sich also nicht dauerhaft niederlassen, zumal sie in jüngeren Jahren auch meist als Singles leben (Silicon Valley boomt, aber die meisten haben nichts davon).

Während die einen luxuriöse Mikroappartments oder Minihäuser in Höfen bauen oder Container zu Wohnräumen umwandeln, hat Starcity bislang Wohn- und Bürohäuser aufgekauft, um Unterkünfte in Stadtzentren für Menschen anzubieten, die die üblichen hohen Preise nicht zahlen können oder wollen, aber in einer schicken Wohnung leben möchten. Den Start machte das Haus West SoMa mit sechs Wohneinheiten in San Francisco, im Jahr 2016. Hier werden Räume ab 2100 US-Dollar Miete für 3, 6 oder 12 Monate angeboten.

Die Zimmer sind mit Bett, Nachtkästchen und einer Toilette ausgestattet. Im Erdgeschoß gibt es eine gemeinsame Küche, einen Essraum, ein Wohnzimmer, eine Toilette und einen Waschraum, im ersten Stock befinden sich die Wohneinheiten, dazu kommen gemeinsam genutzt ein Bad, eine Toilette und Duschen. Grundvoraussetzung ist neben Wasser, Strom und Heizung ein High-speed WiFi. Die gemeinsam genutzten Räume werden wöchentlich gereinigt. Für Klopapier, Putzmittel etc. wird gesorgt. Angeboten werden von Starcity unterstützte Events wie Kochkurse, Dienstleistungen wie das Ausführen von Hunden, Fernsehgeräte mit Zugang zu Netflix, Hulu und HBO sowie, ganz wichtig auch, Platz für Fahrräder.

Geworben wird damit, dass in Fußnähe in der urbanen Lage alles, was man zum Einkaufen, Ausgehen und zum Vergnügen braucht, vorhanden ist. Man wohne in einer ruhigen Straße, könne aber alles nutzen, was zu einer Stadt gehört. Und dann gibt es eben noch die Gemeinschaft: "Unsere Gemeinschaften werden für Menschen gestaltet, die Ressourcen und Erfahrungen teilen wollen und dabei den (ökologischen) Fußabdruck und die soziale Isolation reduzieren."

Versprechen von Gemeinschaft. Screenshot aus YouTube-Werbevideo von Starcity

Mittlerweile besitzt Starcity 5 Gebäude mit insgesamt 81 Wohneinheiten in San Francisco und Los Angeles, die jeweils über 2000 US-Dollar kosten. In San Francisco kosten Zimmer (bed rooms) ansonsten durchschnittlich über 3600 US-Dollar im Monat, in Los Angeles ist es mit 2400 US-Dollar günstiger. Hier sollen, so berichtet Mercury News, für nächstes Jahr weitere 600 Wohneinheiten in San Francisco und 400 in Los Angeles fertiggestellt sein. Starcity boomt also, aber mit großen Gebäude zur Massenunterkunft wird das gehypte Konzept von "Co-Living" endgültig zur Farce. Eines der Projekte in San Francisco wird 180 Wohneinheiten anbieten, an dem größten mit 780 Wohneinheiten wird in San Jose gebaut.

Für den Starcity-Mitbegründer und CEO Jon Dishotsky bieten ihre Wohnanlagen die Möglichkeit, wieder in den Städten zu leben: "Pendeln ätzt, vier Leute in ein Zweibettzimmer zu quetschen, ätzt, und 70 Prozent des Einkommens zu zahlen, ist nicht erfreulich." In den großen Gebäuden kann die Miete zwar etwas billiger sein, Starcity geht von 800 bis 2500 US-Dollar aus, dafür müssen sich aber 12-18 Mieter die gemeinsamen Räume "teilen", also die Küchen und Aufenthaltszimmer, manchmal auch die Toiletten.

Der Umbau der Gebäude verdichtet, verkleinert und vermehrt letztlich nur die Räume, so dass mehr Menschen in die Gebäude passen (nach Starcity: "repurpose inefficient residences to high-density layouts"). Die Einzelzimmer werden bis auf das Notwendigste entschlackt. Auch wenn die Mieten also unter dem Durchschnitt liegen, erzielt die Firma gute Profite, weil dies durch die Masse ausgeglichen wird. Aber 2000 US-Dollar für ein kleines Zimmer und dem Zwang, irgendwie mit den anderen auszukommen, die man sich nicht ausgesucht hat, ist immer noch viel Geld. Wer schon einmal in solchen Wohngemeinschaften von zufällig zusammengewürfelten Personen mit unterschiedlichen Lebensstilen, Arbeitszeiten, Besuchermengen und Sauberkeits- oder Kochgewohnheiten gelebt hat, kann erahnen, dass "Co-Living" alles andere als ein neuer Wohnstil ist, sondern das Ergebnis von findigen Unternehmern und der Not der Menschen.

Die Stadt New York City will nun Co-Living- bzw. "Shared Housing"-Projekte als Möglichkeit fördern, günstigen Wohnraum zu schaffen. Verstanden werden darunter Wohnungen mit mindestens zwei unabhängig bewohnten Räumen, die eine Küche und/oder ein Bad gemeinsam haben.

(Florian Rötzer)

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