Cocktail Total

Moderne Getränke beanspruchen die Alleinherrschaft über alle fünf Sinne

Es war einmal ein Mann, der ging in eine Bar, bestellte einen Cocktail und bekam einen Cocktail. Neulich war der Mann in Australien, ging in die Zeta Bar, bestellte einen Cocktail mit dem verlockenden Namen „The Tiki“ und machte eine Rundumerfahrung: er wurde in ein Séparée geführt, bekam die Augen verbunden und Stöpsel in die Ohren gesteckt. Während er seinen exotischen Drink schlürfte und der vorprogrammierten Musik aus dem mitgelieferten iPod lauschte, wurde er wie von Geisterhand mit etwas besprüht, das ihn vor allem an ein Sonnenöl der Marke Hawaiian Tropic erinnerte.

Die Zeta Bar „ist stolz darauf, als die innovativste Bar der südlichen Halbkugel zu gelten, wo es maßgeschneiderte Cocktails gibt und globale Trends gesetzt werden“. Demnach sind so genannte Sensorische Cocktails das nächste große Ding: Drinks, die nicht mehr nur die Geschmacksnerven erreichen wollen, sondern auch Nase und Ohren. Neben Duftmix, Musikmix und Augenbinde tritt die klassische Garnitur, also die Verzierung des Drinks mit Salzkrusten, Spießchen und geschnitzten Früchten, zwangsläufig in den Hintergrund. Ebenso der Drink selbst. Jedenfalls konnte sich jener Mann, der in der Zeta Bar eine „Tiki Sensory Colada“ bestellt hatte, hinterher kaum an den Geschmack seines Cocktails erinnern. In seinem Selbsterfahrungsbericht in der New York Times gesteht er, dass er sich nicht in die Südsee versetzt fühlte, sondern eher wie eine Laborratte vorkam.

Sternekoch serviert IPod mit Meeresrauschen

Natürlich will Grant Collins, der Barchef und Spiritus Rector des Zeta, für seine Gäste nur das Beste: Entspannung pur, neue Erfahrungen, kleine Reisen in andere Welten. Etwas Rum, ein bisschen Zigarrenqualm: und schon soll man sich in Kuba wähnen. Die Idee hat er von Heston Blumenthal, Sternekoch und Inhaber des Nobelrestaurants Fat Duck bei London, der seinen Gästen einen iPod mit Meeresrauschen servierte – als Beilage zu seiner Kreation „Sound of the Sea“, ein Mix aus Meeresfrüchten und Algen. Foto Credit: Moritz Reichelt

So ungefähr muss man sich die Rundumerfahrung mit dem Drink „Tiki Sensory Colada“ vorstellen. Bild: Moritz Reichelt

Was würde der Freiherr von Knigge dazu sagen? Darf man „Sound of the Sea“ bestellen, wenn man nicht gerade Alleinreisender, überzeugter Single oder von seiner Begleitung total genervt und entfremdet ist? Man stelle sich vor: er bekommt Meeresrauschen mit Fisch, sie Präriegrasgeraschel und Hüftsteak. Dürfen sich die beiden zwischendurch mal anrufen oder eine kleine SMS schreiben? Andererseits muss man keinen Knigge bemühen, wenn man sich die Auswirkungen folgender Situation vorstellt: ein Paar sitzt im Séparée, während er von Salzwasser und Sonnenöl umnebelt wird, versinkt sie in Zigarrenqualm. Beiden wird schlecht: er hat eine Aversion gegen Kokosnussöl, sie riecht zwar gerne Zigarren, aber nicht in Kombination mit Sonnenöl. Außerdem möchte er zu seinem Tiki-Drink nicht Meeresrauschen, sondern lieber etwas von Martin Denny hören. Und was ist mit diesem peinlichen Effekt des Zu-laut-Sprechens, sobald man Kopfhörer trägt? Ach so, wahrscheinlich soll man gar nicht sprechen, sondern einfach nur genießen. Mit verbundenen Augen ist das Risiko, sich zu bekleckern, sowieso dramatisch erhöht, da hält man besser den Mund.

Grenzenloses Product Placement

Die Sensorischen Cocktails erinnern von der Anlage her an ein Szenario des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick, dessen Romane als Vorlagen für Filme wie „Blade Runner“, „Total Recall“ und „Minority Report“ dienten. So, wie es in „Total Recall“ unsinnig geworden ist, real zu verreisen und damit Unannehmlichkeiten wie Kofferpacken, Kofferschleppen, Einchecken und stundenlang im Flugzeug rumsitzen in Kauf zu nehmen, um am Urlaubsort dann doch enttäuscht zu werden, so muss man sich angesichts der Cocktails mit Rundumversorgung fragen, wozu man überhaupt noch in eine Bar gehen soll. Wenn man weder die anderen Gäste noch die Bar selbst zu sehen bekommt, während man in durchkomponierten Szenarien versinkt, kann man das Ganze auch gleich zuhause durchführen und sich eine Augenbinde überstülpen, während man zu seinem Drink eine reale Zigarre pafft und dazu Musik nach Wahl hört. Auf diese Weise gibt es weder Probleme mit dem Rauchverbot noch muss man unter einer Musikauswahl leiden, die zwar gut gemeint aber vielleicht doch nicht ganz so gut geworden ist.

Dank Inhalationsmaske wird der Rausch der Zukunft noch intensiver. Bild: Moritz Reichelt

Das neue Geschäftsmodell für Bars wäre eine Cocktailbox, die per Mailorder verschickt wird. Angeliefert wird der Cocktailmix, wahlweise mit oder ohne Glas (wie es aussieht, ist ja letztlich egal, Hauptsache, es liegt gut in der Hand, die Garnitur kann man sich im Grunde auch gleich schenken), eine Duftmischung für den Zerstäuber oder fürs allgegenwärtige Duftlämpchen, außerdem eine Augenbinde. Die Trackliste kommt per Mail oder SMS. Noch besser als der Zerstäuber wäre eine Lösung für den Inhalator, der künftig in keinem Haushalt mehr fehlen darf. Musikberater bekämen plötzlich irrwitzig viele Aufträge, außerdem gäbe es unendlich viele Möglichkeiten für gezieltes Product Placement, man denke nur an das eingangs erwähnte Sonnenöl von Hawaiian Tropic oder an all das Marken-Meersalz, das man für die unentbehrliche Meeresbrise braucht.

Damit die schöne neue Welt auch bald in ihrem Zuhause Wirklichkeit wird, hier schon mal eine kostenlose Anregung: man mixe einen klassischen Manhattan, inhaliere dazu reichlich Abgase und höre als Hintergrundmusik „Let's Get Killed“ von David Holmes. (Katja Schmid)