Computopia revisited

Eine Spekulation über die technische (Selbst)Organisation der Gesellschaft

Die sozialistische Utopie, in der die Produktivkräfte von den Fesseln der Produktionsverhältnisse befreit werden und befreite Klassen entwickelte Technologien zum konstruktiven Aufbau einer besseren Welt nutzen, ist heute in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gerückt. Bei der Bandbreite neuer Technologien könnte diese Utopie jedoch eine neue Attraktion gewinnen. Im letzten Jahrhundert sind immer wieder Versuche gemacht worden, Technik und Utopie zu verbinden, ohne dass die Technik die nötigen Ansprüche hätte schon erfüllen können. Erst mit der Einführung des Computers hat der entscheidende Quantensprung stattgefunden, um neue gesellschaftliche Konzepte zu forcieren. Und am Horizont zeichnet sich vielleicht eine technologische Eigengesetzlichkeit ab, die die menschlichen Belange auf neue Art und Weise vermitteln wird.

Was ist die gangbare Alternative zu diesem System? (...) Es könnte doch sein, dass sich zwischen Menschen – und zwischen den Menschen und den Dingen – eine Art von Bewusstsein bildet, von dem wir jetzt noch keine Vorstellung haben. Das wäre sozusagen eine gutmütige regulative Idee.

Ernst Wilhelm Händler

Zusammenfall von Sozial- und Technikutopien

Die Frage ist, inwieweit aktuelle Innovationen aus Forschung und Technik neue Verbindungen eingehen können mit Vorstellungen von anderen Gesellschaftsformen. Klar ist aber auch, dass diese nicht ohne Schwierigkeiten zu einem umfassenden Modell einer idealen Gesellschaft zusammengefügt werden können, da die Vielfalt der einzubeziehenden Elemente das einzelne Konzept überlasten würde – das ist auch gar nicht nötig.

Die klassische Utopie lebt weiter als Denkmethode, alternative Modelle als Korrektiv zur realen Gesellschaftsorganisation zu begreifen. Aber vielleicht hat sich der "Nicht-Ort" der Utopie auch dahingehend verlagert, dass es die Technik selbst sein wird, die sich zum entscheidenden Katalysator eines wunschgemäßen menschlichen Lebens entwickelt.

Längst fallen Sozial- und Technikutopien notwendig zusammen. Ein Beispiel hierfür aus jüngerer Zeit ist die Oekonux-Idee (siehe: Lizenz zum Kommunismus?). Mit immer größerer Beschleunigung werden neue Möglichkeiten geschaffen, die immer weniger mit der Logik des Systems zu bändigen sind. Im Hinblick auf illegale Software-Downloads im Internet wird das Eigentumsprinzip dieser Gesellschaft ganz praktisch in Frage gestellt, ohne dass es allerdings zu einer allgemeinen Reflexion über die Sinnfälligkeit dieses Prinzips käme. Der Besitzstand von Warenobjekten wird weiter angekratzt, wenn bald Fabber, also 3D-Drucker, massenhaft benutzt werden.

Historische Verbindungen

Eine allgemeine utopische Begeisterung für das Kommende wird möglicherweise erschwert durch die fehlende sinnliche Anschauung der neuen Technologien, obwohl sich das zu ändern beginnt.

Wenn man einen älteren Text zur Utopieforschung des Philosophen Ernst Bloch liest, dann wird die Zeit ab dem ersten Weltkrieg, was die technischen Utopien betrifft, als "lange nicht so aufregend" wie zur Zeit Jules Vernes beschrieben.1 Das Erfindungstempo sei bis 1914 schneller gewesen, die Einführung der Industrialisierung habe eine einschneidende, für alle nachvollziehbare Veränderung der Lebensverhältnisse bewirkt, etwa durch die Einführung der Eisenbahn.

Der SF-Autor Neil Stephenson argumentiert ähnlich, wenn er dem späten 20. Jahrhundert attestiert, dass es wenig innovativ gewesen sei, und die Höhepunkte der Erfindungskraft an Namen wie Nikola Tesla und Thomas Edison festmacht.2 Das Problem heute sei, dass große Teams von Ingenieuren an den komplizierten Technologien arbeiten müssten.

Stephenson sieht allerdings in Gestalt des (Personal)Computers eine Revitalisierung der allgemeinen Erfindungsbereitschaft einsetzen. Zu Recht. Die Informations- und Kommunikationstechnologien haben die Organisation der Gesellschaft tiefgreifend verändert – viele Jobs sind Computer-Arbeiterplätze geworden. Noch nie haben so viele technische Instrumente in verschiedenen Größenordnungen den Menschen zur Verfügung gestanden. Auch wenn es praktische Einschränkungen durch ihre ansteigende Komplexität gibt, so werden parallel viele neue Schnittstellen entwickelt, die ihre Handhabung vereinfachen. Damit werden neue Grundlagen für die Verbindung von technischer und politischer Utopie gelegt.

Things to come

Doch halten wir zuvor eine Rückschau. In der revolutionären Sowjetunion war zu Beginn der Boden bereitet für die Übersteigung der irdischen Verhältnisse durch technische Visionen. Im Westen entstand einige Jahre später die Technokratie-Bewegung, begünstigt durch die Weltwirtschaftskrise. Ihren Höhepunkt in den USA erreichte sie in den Dreißigern. Einen Niederschlag fand die technokratische Ideenwelt in dem Film "Things to come" (GB 1936) von William Cameron Menzies nach einer Vorlage von H.G. Wells. In dieser Verfilmung wird das gesellschaftliche Modell einer technologische Elite skizziert, die nach einem jahrzehntelangen Krieg in naher Zukunft die Steuerung der Gesellschaft übernimmt, um den wissenschaftlichen Fortschritt zu sichern.

Die technokratische Bewegung existiert bis heute, und ohne näher auf Einzelheiten einzugehen, kann ich mir vorstellen, dass sie angesichts der heutigen Krisenproblematiken in modifizierter Form einen erneuten Aufschwung erleben könnte. Einen weiteren Versuch der Artikulation von Technik und politischer Zukunftsgestaltung stellt nach dem 2. Weltkrieg die Kybernetik dar. Zur Zeit des kalten Krieges galt ihr ein systemübergreifendes Interesse (siehe: Kybernetik - ein Hype von vorgestern). Stanislaw Lem hat in den fünfziger Jahren unter ihrem Eindruck eine Perspektive für eine ideale gesellschaftliche Struktur formuliert3, der ich nur zustimmen kann.

Größtmögliche wechselseitige Ergänzung bei größtmöglicher individueller Freiheit – das ist die Formel unseres Modells. Die Entwicklung solch einer Gesellschaft erfolgt nicht durch Vereinfachung der bestehenden Bindungen, durch Vereinfachung der Struktur und Unterordnung der Individuen unter dieselbe, sondern im Gegenteil durch die wachsende Kompliziertheit dieser Struktur. Verursacht wird dies (…) durch das Anwachsen der im System zirkulierenden Information, durch die wachsende Anzahl der Wirkungskreise sowie durch die ständige Differenzierung der Bedürfnisse, Talente, Berufe, Geschmäcker und Vorlieben.

Stanislaw Lem

Auch später gab es im Westen als Auswirkung der Studentenbewegung das Engagement, moderne Technologie und gesellschaftliche Emanzipation in einen Zusammenhang zu bringen. Hans Magnus Enzensberger meinte 1969, dass die Kybernetik teilweise zur herrschenden "Bewusstseinsindustrie" zu zählen sei. Mithilfe von Großrechenanlagen und des Fernsehens wollte Helmut Krauch eine elektronische Demokratie möglich machen. Unter dem Begriff Computer-Demokratie wurde "ein strukturiertes und gut organisiertes Staatswesen verstanden, bei dem die wichtigsten Fragen nach gründlicher Vordiskussion über Funk und Fernsehen durch direkte Abstimmung entschieden werden."4 Der Rechner wurde in diesem Konzept als Mittel für diese Abstimmung gebraucht.

In den USA dagegen setzte sich eine technologische Bewegung von unten in Gang, mit der nichts in Europa vergleichbar war: die Hacker-Bewegung. R.U. Sirius, der ehemalige Herausgeber der legendären Technokultur-Zeitschrift "Mondo 2000", die selbst aus einem Hacker-Medium hervorgegangen ist, beschreibt die damalige historische Situation5:

In the late 1960s and the early 1970s most rebellious youths in America saw technology as just another implement in the war against Vietnam and police repression at home. The computer industry involved large expensive machines only affordable to wealthy corporations, built and provided by International Business Machines (IBM), a big corporation with war contracts. But there was a small minority among the rebellious young Americans who were drawn to technology. They were the early nerds. They read lots of science fiction. They would talk about being able to bring about youthful dreams of utopia with technological advances. And they dreamt of thinking machines that could be used by ordinary people. In other words, desktop computers.

R.U. Sirius

Die Widersprüche der Ökonomie

Nun, heute stehen PCs auf jedem Schreibtisch, ohne dass gleich eine Revolution ausgebrochen wäre. Sind solche Überlegungen nicht sowieso abwegig, weil die mehr oder weniger soziale Marktwirtschaft so flexibel ist, dass sie schon alles ausgleicht mit den üblichen Begleiterscheinungen (Arbeitslosigkeit, Armut, Verelendung), die leider nicht zu vermeiden sind? Ich bin mir da gar nicht so sicher, selbst wenn man einen "systemimmanenten" Standpunkt einnimmt.

An verschiedensten Stellen wird in dieser Gesellschaftsform aus Konkurrenzgründen an der Rationalisierung von Arbeitskräften gearbeitet, die noch ganz andere Ausmaße erreichen kann. Der Autor Jeremy Rifkin rief vor Jahren aufgrund dieser Tendenzen das "Ende der Arbeit" aus6:

Im Industriezeitalter ging die Massenbeschäftigung Hand in Hand mit den Maschinen, die einfache Güter und Dienstleistungen produzierten. Im ´Zeitalter des Zugangs´ (…) ersetzen intelligente Maschinen in Form von Computersoftware und genetischer wetware zunehmend die Arbeit des Menschen in Landwirtschaft und Industrie. Bauernhöfe, Fabriken und Service-Branchen werden automatisiert. Mehr und mehr körperliche und geistige Arbeit wird im 21. Jahrhundert von denkenden Maschinen übernommen. Die billigsten Arbeiter der Welt werden vermutlich nicht so billig sein können wie die Technologie, die sie ersetzt. Zur Mitte des 21. Jahrhunderts wird die Wirtschaft die technischen Notwendigkeiten und die organisatorische Kapazität besitzen, Güter und einfache Dienste für eine wachsende menschliche Bevölkerung mit einem Bruchteil der jetzt dort Beschäftigten bereitstellen zu können.

Jeremy Rifkin

Man könnte einwenden, alles prima, das utopische Paradies endloser Muße und allseitiger Versorgung steht also vor der Tür. Leider wird die Realität anders aussehen. Es sind keine Anzeichen zu erkennen, dass ein Übergang zu einer solchen Gesellschaft gesamtgesellschaftlich organisiert würde, um Friktionen und soziale Not zu vermeiden – in der globalen Marktökonomie ist das (bisher) auch nicht möglich. Das Wirtschaftsleben bleibt gekennzeichnet von Widersprüchen wie dem, dass auf der einen Seite die Marktteilnehmer in mörderischer Geschäftskonkurrenz zueinander stehen, zum anderen aber firmenunabhängige Erfassungsnormen und -codes eingeführt werden, die die "Industrialisierung der Austauschbeziehungen" vorantreiben; ein Vernetzungszusammenhang bildet sich, der auf der Identität der konkreten Gebrauchswerte beruht und die abstrakte Äquivalentenlogik über Tauschwerte, die Geldform, zurückdrängt. Das Autorenteam Kurt Klagenfurt kommentiert7:

Obwohl einzelwirtschaftlich motiviert, entstehen hier unternehmensübergreifende Metastrukturen. Hierbei werden Instrumente entwickelt, die zu einer gesellschaftsumfassenden Kontrolle und Steuerung von Austauschbeziehungen geeignet sind, somit paradoxerweise Instrumente, die die bisherigen Planwirtschaften nie in befriedigender Weise entwickelt haben und deren Fehlen einer der Gründe für das Scheitern der Planwirtschaften gewesen ist.

Kurt Klagenfurt

Der Computer ist die technische Grundlage für diese Prozesse der weltweiten Gütererfassung. Direkt vor unseren Augen entstehen unerkannt die rettenden Werkzeuge, mit deren Hilfe eine allgemeine Versorgung mit Gütern und Lebensmitteln gesichert werden könnte, ohne sich auf die chaotischen Marktprozesse verlassen zu müssen. Kurt Klagenfurt bezieht sich auf schon ältere Studien des Wirtschaftswissenschaftlers Alfred Sohn-Rethel, der für den klassischen Industriekapitalismus die spannungsvolle Koexistenz zweier gesellschaftlicher Syntheseprinzipien analysiert hat, um jeweils sozialen Zusammenhalt zu erzeugen.

Die Marktökonomie versehe diese Funktion nicht mehr, weil die durch die Technologie moderner Produktionsanlagen gesetzten Sachzwänge ihrer regulativen Gewalt spottet, und die technologische Eigengesetzlichkeit ihrerseits erfülle die fehlende Funktion noch nicht, weil die private Profitwirtschaft sie hindert, ihr gesellschaftlich-synthetisches Potenzial zu entfalten.

Kurt Klagenfurt

Festzustellen bleibt, dass der Widerspruch verschiedener Formen sozialer Synthese die Gesellschaften in den nächsten Jahrzehnten in Atem halten wird. Die Eigengesetzlichkeit der technologischen Entwicklung wird noch an Dynamik gewinnen. Ein Konzern wie WalMart verfügt über eine riesige Datenbank und kann über ein eigenes Satellitensystem die Bewegung jedes Produkts verfolgen. Warum kann man diese Effizienzorganisation – zu der allerdings auch die ideologische Kontrolle der Mitarbeiter zählt – nicht auch auf die allgemeine Gesellschaft übertragen? Das widerspricht natürlich der Ideologie der kapitalistischen Konkurrenz.

Eine neuartige "Moderation" der Gesellschaft

In dem sehenswerten SF-Film "Zardoz" (GB 1973) von John Boorman existiert das so genannte "Tabernakel" – eine Künstliche Intelligenz, die eine Gemeinschaft von Unsterblichen organisiert, ohne dass diese zum Schutz des Systems noch ein Wissen von seiner Konstruktion hätten. In dem Moment, wo das Tabernakel zerstört wird, bricht die Gemeinschaft auseinander. Sein Wirkungshorizont ist auf eine gewisse Anzahl von Siedlungen begrenzt, zwischen denen Informationen über Bedarf und Überfluss ausgetauscht werden.

Zardoz

Das Tabernakel hat also gewissermaßen die Moderation der Gesellschaft übernommen. Vielleicht erleben wir heute einen Vorschein dieser Fantasie. Das Internet dringt immer tiefer in die Kultur vor und vermittelt auf immer vielfältigere Weise die sozialen Beziehungen (siehe: Das Internet als globale "Beziehungsmaschine"). Die Angebote des Web 2.0 werden zu neuen sozialen Anforderungen u.a. bei Praktiken der Selbstdarstellung im Konkurrenzkampf; zugleich stellen sie neue Formen von Gemeinschaft dar, die sich der ökonomisch bedingten Individualisierung entziehen und Vorformen einer egalitären Gesellschaft umreißen.

Zardoz

Ich will an dieser Stelle gar nicht konkret auf die vorhandenen Probleme bei Facebook, MySpace usw. eingehen. Es zeichnet sich nur ab, dass sich eine technische Struktur zwischen die Menschen schiebt und neue Vergesellschaftungsmuster mit sich bringt. Der Soziologe Dirk Baecker ist der Meinung8:

Wir werden uns daran gewöhnen, Computer so zu beobachten, wie wir heute Delfine beobachten, um herauszufinden, was sie können und was sie nicht können. (…) Wir werden mit ihnen Geschäfte machen und uns mit ihnen zu Gesprächen verabreden. Wir werden einen großen Teil unserer Selbstkontrolle an sie abgeben und sie werden uns sagen, wann es Zeit für unsere Medikamente ist, für sportliche Aktivitäten, für einen Telefonanruf bei guten Freunden oder für einen "Termin mit uns selbst".

Dirk Baecker

Es sei dahingestellt, ob intelligente Maschinen wirklich "geschäftstüchtig" werden müssen. Die Technologien des Web 2.0 deuten nur an, dass mit dem Internet ein neues soziales Synthesepotenzial in die Welt gesetzt wurde.

Der Gesellschaftseffekt wird jeden Tag durch Millionen von Handlungen neu hergestellt. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird schon längst nicht mehr bevorzugt im lokalen Umfeld erzeugt. Mit der Entstehung der bürgerlichen Medienöffentlichkeit gewann die überregionale Vermittlung an Bedeutung. Mit dem Internet ist nicht nur die Möglichkeit einer globalen Berichterstattung mit offizieller Information und Gegeninformation eröffnet, sondern auch die Gelegenheit gegeben, die individuelle Lebensweise mit anderen privaten Lebensweisen verschränken zu können – dank der Vielgestaltigkeit der Technik.

Abzuwarten bleibt, welche konkreten utopischen Impulse aus dieser neuen technokulturellen Disposition hervorgehen werden. Die Frage steht im Raum, ob man die Gesamtsteuerung der Gesellschaft nicht langfristig den Maschinen überlassen soll, wo heute schon Börsenprogramme benutzt werden, um ökonomische Entscheidungen abzugeben. In letzter Konsequenz heißt das, dass eine technische Infrastruktur sich zwischen die Menschen schaltet wie zuvor der Staat oder der Markt und diese Integrationsinstanzen verändert und/oder ablöst.

Die utopische Spirale

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat gemeint, dass die Komplexität der Technik und der Eigensinn der Individuen die Tendenz zur Unmöglichkeit der Herrschaft über Personen und Sachen stärken könne.9 Dabei könne eine "utopische Spirale" in Gang kommen, in Zuge derer sich große Gesellschaften als "Verschwörungen" zur Steigerung der eigenen Intelligenz verstehen würden. Das würde den Beginn eines Zeitalters bedeuten, in dem man keine förmliche Utopie mehr bräuchte, da permanentes Intelligenzwachstum herrsche: die "Utopie aller Utopien".

Eine schöne Vorstellung. Das Träger-Subjekt dieses Wachstums wird aber nicht mehr allein der Mensch sein, obwohl in der Gegenwart nicht entschieden werden kann, ob es nun Künstliche Intelligenz geben kann oder nicht. Wenn wir aber annehmen, dass sie möglich sein wird, dann wird sie das Resultat von Prozessen der technischen Selbstorganisation sein, die sich dem menschlichen Verstehen fortschreitend entziehen werden. Und die vernetzte Künstliche Intelligenz könnte sich mit gesellschaftlichen Prozessen tief greifend verschalten, sodass sie immer mehr die "Tiefenstruktur" der Kultur neu organisiert. Der Philosoph Dieter Hombach formuliert gewissermaßen als meta-utopische Perspektive10:

Die künstliche Intelligenz, die man hier installieren will, wird die Zirkularität der gesellschaftlichen Selbstorganisation eine Stufe weiterführen und uns selber zu Objekten zu machen, deren Meta-Theorie anderswo erstellt wird. Anderswo, vielleicht in einer Software, die die Szenerie unserer Verwaltbarkeit, die Planung unserer Zuwachsraten, unserer vertretbaren Lebenserwartung und vor allem unserer Ernährungsweise eigenständig, das heißt ohne subjektive und deswegen ideologische Einflussnahme, ordnet und festlegt.

Dieter Hombach

Anstatt also auf den von Sloterdijk erhofften Anstieg allgemeiner sozialer Intelligenz zu hoffen, wird die Organisation der Kultur möglicherweise eines Tages an die sich verselbständigenden Maschinen delegiert (siehe auch: Invasion der Cognoiden). Ich halte diese Vision für bedenkenswert. Die eigentliche Menschheitsgeschichte könnte erst dann beginnen, wenn die größtmögliche Verfügung über die Existenzbedingungen für die Einzelnen gegeben ist bei gleichzeitigem Ausbau neuer Möglichkeitsbedingungen, wobei die Gesamtkontrolle von intelligenten Maschinen geleistet wird.

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