Corona: Amazoniens Ureinwohner in Lebensgefahr

Feuer entlang des Rio Xingu, Brasilien. Bild: NASA / Public Domain

Die Zerstörung der amazonischen Regenwälder schreitet schneller voran denn je. Nun bedroht ein eingeschlepptes Virus die Gesundheit der Ureinwohner.

Wie Satellitenbilder des Nationalen Instituts für Weltraumforschung Inpe zeigen, wurde allein in Brasilien von Januar bis März 2020 eine Fläche von rund 1200 Quadratkilometern abgeholzt. Das entspricht einem Anstieg von 55 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch in Guatemala brannten im April 2020 etwa 450 Quadratkilometer Wald. Bis Anfang Mai wüteten insgesamt 1.157 Brände im Land.

Laut CONRED (Nationale Koordinierungsbehörde für Katastrophenvorsorge) vernichteten die Brände rund 2.750 Hektar Wald, davon Hunderte Hektar in der Region Jalapa im Südosten des Landes sowie im nördlich gelegenen Departement Petén.

Immer weniger Beamte werden wegen der aktuellen Corona-Maßnahmen zur Bekämpfung von Umweltverbrechen entsendet. Illegalen Holzfällern sind damit Tür und Tor geöffnet. Es wird so viel Wald abgeholzt wie seit Jahren nicht mehr. Vor dem Hintergrund der Corona bedingten Rezessionen besteht die Gefahr, dass immer mehr Menschen in die Wälder eindringen, um mit illegalen Rodungen Geld zu verdienen.

Forscher wie Carlos Souza vom Amazonas-Institut Imazon befürchten, dass die Entwaldung unkontrolliert ausarten könnte. Im Allgemeinen geht die Regenzeit bis in den April hinein. Nun macht sich der Wissenschaftler ernsthafte Sorgen, dass sich die Entwaldungen mit Beginn der Trockenzeit in flächendeckende Feuer verwandeln.

Invasoren haben kaum Strafen zu befürchten

Im brasilianischen Bundesstaat Pará mitten im Dschungel wühlen Goldgräber auf gerodetem Boden nach Edelmetallen, als ein Hubschrauber zur Landung ansetzt und bewaffnete Umweltpolizisten herausspringen. Während die Goldgräber in den Dschungel flüchten, zünden die Polizisten Bagger an und vernichten Treibstoffvorräte. Diesmal haben sie den Eindringlingen das Handwerk gelegt. Doch es dürfte nicht allzu lange dauern, bis die Goldgräbern neue Bagger herangeschafft haben, denn sie werden nicht nur von reichen Hintermännern finanziert, sondern stehen auch unter dem Schutz des allmächtigen Präsidenten.

Von der Bolsonaro-Regierung haben die Beamten der Umweltbehörde Ibama schon lange keine Rückendeckung mehr zu erwarten. Im Gegenteil: Nach erfolgreichem Stopp illegaler Brandrodungen wurden viele von ihnen auf unbedeutende Verwaltungsposten versetzt - oder kurzerhand gefeuert. Gleichzeitig setzt sich die Urwald-Mafia gegen Umweltpolizisten immer häufiger zur Wehr.

Entwaldung im Amazonasbecken. Bild: Felipe Werneck, Ascom/Ibama / CC-BY-2.0

Jair Bolsonaro betrachtet Amazonien als reines Wirtschaftsgebiet, dessen natürliche Ressourcen es auszubeuten gilt. Bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt im Januar 2019 spürten die Indigenen erste Auswirkungen: Holzfäller, Goldsucher und Soja-Pflanzer drangen massiver denn je in die Wälder ein. Laut Gabriel Lui vom Instituto Clima e Sociedade in Rio de Janeiro wurden die meisten Bäume von Mai bis September abgeholzt. Wo zuvor dunkelgrüner Regenwald stand, waren bald nur noch braune und abgebrannte Flächen zu sehen.

Wird die illegale Landnahme nachträglich legalisiert?

Viele der Holzfäller sind im Urwald aktiv, ohne einen Landtitel zu besitzen. "Zuerst nehmen sie die öffentlichen Flächen ein, danach versuchen sie, diese Gebiete legal zu bekommen", klagt der Wissenschaftler Carlos Souza, der Veränderungen im Regenwald untersucht. Ein neues Gesetz, demzufolge illegale Landnahmen nachträglich legalisiert werden können, wird bereits diskutiert.

Demnach sollen bis zu 25 Quadratkilometer der besetzten Flächen in das Eigentum der Besetzer übergehen dürfen. Insgesamt sind 570.000 Quadratkilometer - eine Fläche größer als Spanien - von der neuen Regelung betroffen. Wegen der Pandemie habe sich die ohnehin kritische Situation des brasilianischen Regenwaldes und der in ihm lebenden Ureinwohner noch verschärft, heißt es im Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brasilien.

Während im Zuge der Corona-Maßnahmen alle Bereiche der Wirtschaft zurückgefahren werden, schreiten Umweltzerstörungen und Entwaldungen unvermindert fort, kritisiert auch Carlos Nobre, Wissenschaftler an der Universität von Sao Paulo.

Es werden praktisch keine indigenen Gebiete mehr ausgewiesen, bestehende Gebiete werden verkleinert bzw. für den Bergbau freigegeben. Inzwischen kann jeder in geschützten Gebieten Wald abholzen, ohne von staatlichen Behörden verfolgt zu werden. Schon seit einiger Zeit kamen illegale Brandstifter und Holzfäller, die zu Bußgeldern verurteilt wurden, den Zahlungsforderungen nur noch selten nach, ohne dass dies nennenswerte Konsequenzen hatte. Wie Studien zeigen, wurden im Rahmen der Brandrodungen des letzten Jahres überhaupt nur 1,5 Prozent der Bußgelder gezahlt.

Nun drohen britische Supermarktketten wie Tesco, Asda, Waitrose, Sainsbury und Marks & Spencers, brasilianische Produkte aus dem Sortiment zu nehmen, sollten entsprechende Gesetze verabschiedet werden. "Wir rufen die brasilianische Regierung auf, ihre Haltung zu überdenken und hoffen, weiterhin mit unseren Partnern in Brasilien zusammenarbeiten zu können", heißt es in einem offenen Brief an Bolsonaro.

Die Frage ist nur, ob der vom Wachstumswahn getriebene Präsident, der eng mit der Agrarlobby verbündet ist und die Verantwortung des Menschen für den Klimawandel anzweifelt, sich von einem Brief englischer Einzelhändler beeindrucken lässt.

Fatale Folgen für Indigene

Im Reservat Xingu im Norden des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso leben auf einer Fläche von 26000 Quadratkilometern 16 indigene Völker. Die sie umgebenden Sojafelder haben sich in den vergangenen Jahren immer weiter bis an die Grenzen des Reservats ausgedehnt. Die Sojapflanzer vergiften mit Pflanzenschutzmittel die Flüsse und drängen die Wildtiere zurück.

Inzwischen haben die Bewohner des Reservats zwar alle Zufahrtswege gesperrt, sie können jedoch nicht verhindern, dass Holzfäller und Goldgräber in das Gebiet weiter eindringen. In den Gemeinden rund um das Xingu-Reservat wurden im April erste Fälle des Coronavirus registriert.

Ende Februar 2020 hatte Brasilien seinen ersten bestätigten Corona-Fall. Mitte März erreichte das Virus die Amazonas-Region. Anfang April hieß es, dass das Gesundheitssystem mit rund 900 bestätigten Corona-Fällen bereits zu kämpfen hat. Am vergangen Sonntag wurde gemeldet, dass an einem Tag 909 Patienten innerhalb eines Tages im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben sind. Am Dienstag waren in dem Teilstaat knapp 57.000 Infizierte gemeldet. 2.512 Menschen sind dort bereits an Covid-19 gestorben (siehe: Geflügelte Boten der Klimakrise).

Mittlerweile verzeichnet Brasilien weit über 40.000 Tote im Zusammenhang mit Covid 19 und liegt damit weltweit an zweiter Stelle hinter den USA. Die medizinische Versorgung war in den meisten Schutzgebieten auch schon vor Coronazeiten prekär. Viele Indigene leiden unter Mangelernährung. An Quarantäne- oder Hygienemaßnahmen ist nicht zu denken.

Für sie, deren Immunsystem besonders anfällig für Krankheiten der Weißen ist, hat das eindringende Virus fatale Folgen. Am 10. April 2020 erlag der 15-jährige Alvinei Xirixana in einem Krankenhaus in Boa Vista dem neuen Virus. Er war der erste im Wald lebende Indigene, der in Brasilien an den Folgen von Corona verstarb.

Laut der Nichtregierungsorganisation APIB (Organisation Indigener Völker Brasiliens) sind bereits 103 indigene Völker betroffen: "Mit Stand vom 14. Juni gab es 5.361 Infizierte und 281 Tote."

Manaus war nicht vorbereitet auf die "Krankheiten der Weißen"

In der Amazonas-Region um Manaus im Nordwesten Brasiliens verstarben in den letzten Wochen Tausende Menschen. Hier werden vier Mal mehr Menschen beerdigt als sonst - bis zu 120 am Tag.

Schon vor Wochen war das Gesundheitssystem in Manaus kollabiert. Es fehlte an Intensivbetten und Beatmungsgeräten. Die Toten wurden in Kühlcontainern zwischengelagert. Die Sozialdienste in Manaus waren auf einen derart heftigen Ausbruch der Krankenheit nicht vorbereitet.

Manaus, die Hauptstadt des Amazonas, sei "im völligen Chaos", berichtete Amerika21 am gestrigen Dienstag:

"Die Spezielle Gesundheitsbehörde für Indigene bestätigte, dass viele Patienten mit anderen Krankheiten im Gesundheitshaus für Indigene, in anderen Krankenhäusern und Gesundheitsposten mit Covid19 infiziert wurden und dann in ihre Dörfer zurückkehrten. Die von Covid-19 am zweitstärksten betroffene Region Brasiliens ist der Nordosten/Minas Gerais/Espirito Santo, wo Indigene in völlig verarmten Gebieten leben, mit bisher 21 Toten."

Die Krankenhäuser in der Stadt Manaus waren bereits voll belegt und jetzt wird die Situation im Hinterland des Amazonas immer schlimmer. Das einzige Krankenhaus mit einer Intensivstation im Hinterland von Amazonas befindet sich in der Stadt Tefé, 522 Kilometer von Manaus entfernt.

Um die wachsende Zahl an kostenlosen Sozialbestattungen stemmen zu können, müssen die Bestattungsdienste Sonderschichten fahren. Während Menschen in Schlangen anstehen, um sich eine Einmalzahlung staatlicher Hilfe abzuholen, verkaufen Fischverkäufer weiter ihre Fische auf den Märkten, weil sie ihre Familien durchbringen müssen.

Besonders gefährdet sind die indigenen Bewohner vom Volk der Ticuna, die sich in einem Vorort von Manaus niedergelassen haben. Etliche Menschen verstarben bereits an der Krankheit, bei andern Erkrankten ging das die Fieber wieder zurück, sie wurden wieder gesund. Die Angehörigen trauern um ihre Toten und beten, dass das Virus sie verschonen möge. Inzwischen vermischen Kräuterkundige geriebenen Blätter von wilden Knoblauch mit eiskalten Wasser, um es sich über den Kopf zu gießen. Das soll die Schmerzen und Symptome der Krankheit lindern.

Mehr Erkrankte in Peru und Kolumbien

Auch aus Brasiliens Nachbarländern werden immer mehr Fälle gemeldet. Mit über 230.000 bestätigten Infektionen in der Covid-19-Statistik am Dienstag dieser Woche liegt Peru in Lateinamerika auf Platz zwei, gleich hinter Brasilien (knapp unter 900.000). In Iquitos, der größten peruanischen Stadt im Regenwald, sollen von rund 350 Ärzten mehr als die Hälfte mit Covid-19 infiziert sein. 90 Prozent der Patienten sterben auf Grund medizinischer Engpässe. In Puerto Maldonado im Südosten Perus stammt einer von elf Patienten im Krankenhaus aus einer indigenen Gemeinschaft.

Doch um die Krankheit zu bekämpfen, fehlt es an einfachsten Mitteln. Es mangelt an Intensivbetten, Beatmungsgeräten und Schnelltests. Es gibt noch nicht mal genug Alkohol zum Desinfizieren.

Je weiter das Virus in den ländlichen Raum Lateinamerikas eindringt, desto mehr gefährdet es die indigene Bevölkerung.

Yanomami vor dem Ethnozid?

In dem dem neun Millionen Hektar umfassenden Grenzgebiet zu Venezuela leben rund 26.000 Angehörige der Yanomami, die sich auf 380 Dörfer verteilen. Bereits in den 1970er Jahren rückten die Bulldozer an, um im Auftrag der Regierung die so genannte Nord-Süd-Achse durch den Wald zu schlagen. Die Arbeiter brachten Grippe, Tuberkulose und Malaria. Entlang der gesamten Strecke radierten die neuen Krankheiten ein Fünftel der Bevölkerung aus.

Kurz darauf fielen die ersten Goldsucher ein, die Zahl der Eindringlinge wuchs auf rund 40.000. Mit ihnen kamen die Masern, an denen jeder sechste Yanomami verstarb. Nachdem sie einige Jahrzehnte relativ ungestört waren, kommen die Weißen mit Bolsonaros Amtsantritt zurück. Rund 25.000 fremde Eindringlinge zählten die Ureinwohner im letzten Jahr auf ihrem Territorium.

Yanomami in Homoxi, Brasilien. Bild: Cmacauley / CC-BY-SA-3.0

Immer mehr illegale Goldgräber und Holzfäller dringen in die Lebensräume der Yanomami ein. An der Grenze zu Venezuela ist ihre Anzahl in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Und wieder bringen die Invasoren ein neues Virus mit. Die Corona-Pandemie sei für die indigenen Völker Brasiliens die größte Bedrohung aller Zeiten, warnt Sebastião Salgado.

Unterstützt von namhaften Künstlern fordert der berühmte brasilianische Fotograf in einer Online-Petition Regierung und Justiz auf, die indigenen Territorien vor den illegalen Eindringlingen und ihren eingeschleppten Krankheiten umgehend und wirksam zu schützen.