Corona: Angst in Rojava

Lager in al-Hol, bei Hasaka, Syrien. Bild: ANF

Kurdische Autonomieverwaltung in Nord- und Ostsyrien appelliert an internationale Hilfe

Rund um den Globus dreht sich alles nur noch um das Krisenmanagement der COVID-19 Pandemie. Auch im scheinbar vom Virus bislang verschonten Nordsyrien versucht man sich zu wappnen. Internationale Hilfe für die Autonomieverwaltung ist dabei noch nicht in Sicht.

Die Türkei führt ihren irrationalen Krieg gegen die Region trotz Corona-Pandemie weiter und dreht Nordsyrien erneut das Wasser ab. Bislang soll es in ganz Syrien erst einen Corona-Toten geben, berichtete Syriens Gesundheitsminister Nisar al-Jasidschi am vergangenen Sonntag. Allerdings ist bei der Beurteilung der Zahl von Infizierten Skepsis angebracht.

Die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien bittet die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Die Nachbarländer melden steigende Zahlen von Corona-Infizierten. Besonders betroffen ist der Iran. Daher wächst die Angst, dass die Pandemie in den zahlreichen Flüchtlingscamps ausbrechen könnte.

Innerhalb weniger Tage wurden in Nord- und Ostsyrien zahlreiche Vorkehrungen getroffen, um einen etwaigen Ausbruch des Corona-Virus zu verhindern. Am Montag appellierte der Generalkommandant der Syrian Democratic Forces (SDF), Mazlum Abdi, an die Bevölkerung, sich an die von der Autonomieverwaltung beschlossenen Schutzmaßnahmen zu halten. Das Gesundheitspersonal hätte in dieser kritischen Zeit das Kommando und alle sollen ihnen beistehen und sich an die beschlossenen Maßnahmen halten.

In der Tat wäre es, ähnlich wie in den Flüchtlingslagern in Griechenland, eine Katastrophe, würde sich das Virus in Nordsyrien ausbreiten. Die Region ist komplett von internationaler Hilfe abgekoppelt, beherbergt aber Flüchtlingslager mit mehreren Hunderttausend Menschen, die dort überwiegend aus den türkisch besetzten Gebieten in Nordsyrien in der Region Zuflucht gefunden haben.

In jüngster Zeit kamen auch Flüchtlinge aus Idlib in die Region. Die Selbstverwaltung hat in kürzester Zeit ein Flüchtlingscamp für sie bereitgestellt. Aber nicht nur die Flüchtlingscamps, wo die Menschen auf engstem Raum unter prekären Bedingungen leben, sind ein Problem für die dortigen Behörden. Im Autonomiegebiet befindet sich auch das größte IS-Camp al-Hol. Hier leben überwiegend Angehörige des IS.

Die dort untergebrachten IS-Frauen führen mittlerweile schon fast ihr eigenes Regiment in dem Camp, gegen das die Mitarbeiter der Selbstverwaltung kaum noch etwas entgegensetzen können. Die Versorgung der über 70.000 Insassen obliegt im Wesentlichen ebenfalls der Selbstverwaltung. Kaum vorstellbar, was passiert, würde sich das Virus dort unter Bewohnern und Mitarbeitern ausbreiten.

Türkei setzt Wasser als Waffe ein

Die Türkei verschärft mit ihrem Krieg gegen die Selbstverwaltung die Situation zunehmend. Am 21.3. hat die Türkei erneut das Wasserwerk Elok in dem von ihr besetzten Gebiet bei Sere Kaniye (Ras al Ain) außer Betrieb gesetzt und die Region um die Stadt Hasaka von der Wasserversorgung abgeschnitten.

Seitdem haben über eine halbe Million Menschen keinen Zugang zu Wasser. Die Blockade der Wasserzufuhr betrifft unter anderem auch das zur Corona-Notfallklinik umfunktionierte Hauptkrankenhaus in Hasaka, das IS-Camp al-Hol und Gefängnisse mit IS-Gefangenen in der Region. Vor einem Monat drehten Verbündete der Türkei der Region schon einmal für elf Tage das Wasser ab und knüpften die weitere Wasserversorgung an Stromlieferungen aus der Autonomieregion.

Für die Wiederherstellung der Wasserversorgung hatte sich die Autonomieverwaltung Nord- und Ostsyriens schließlich unter russischer Vermittlung bereit erklärt, die von der Türkei besetzten Gebiete mit Strom zu versorgen, berichtet die kurdische Nachrichtenagentur ANF. Der im Autonomiegebiet lebende deutsche Felix Anton erklärt auf ANF die Hintergründe:

Die Türkei fordert mittlerweile ein Drittel der Kapazität des Stromwerks allein für Serekanije, obwohl diese Station auch ein weitaus größeres Gebiet bedienen muss. Dieses Gebiet umfasst Til Temir, Heseke, Dirbesiye, Amude, Seddade, Hol und das gleichnamige Camp. Die Forderungen der Türkei sind nicht durchführbar und sollen politischen Druck auf Nord- und Ostsyrien ausüben, was mit erheblichen humanitären Kosten verbunden ist.

Felix Anton

Ausgangssperre im gesamten Gebiet der Selbstverwaltung und keine Unterstützung von der WHO

Am vergangenen Montag trat um sechs Uhr morgens eine Ausgangssperre in Kraft. Ausgeschlossen sind Beschäftigte in den Bereichen Gesundheit, Sicherheit, Reinigung, Apotheken, Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte, Tankstellen und Medien. Sie haben alle Passierscheine, mit denen sie sich frei bewegen können.

Eine Hotline für Menschen mit Unterstützungsbedarf und Notfälle wurde von der Behörde eingerichtet. Die Reisefreiheit ist seit vergangenem Samstag ebenfalls eingeschränkt. Fahrten zwischen Städten innerhalb Nord- und Ostsyriens sind verboten.

Ende Februar schloss die Selbstverwaltung den Grenzübergang Semalka zum Nordirak. Nur an wenigen Tagen durften LKW die Grenze mit Waren passieren. Schulen und Universitäten wurden geschlossen und öffentliche Veranstaltungen wie zum Beispiel das Newrozfest wurden verboten. Die Menschen im Gebiet der Selbstverwaltung, auch Rojava (kurd.: der Westen) genannt, haben Angst.

Auf den Märkten und in den Einkaufsstraßen ist es merklich ruhiger geworden. Aber die Menschen wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen, wenn sie nichts verkaufen können. 90 Prozent der Bevölkerung in der Region sind auf ihre Arbeit angewiesen. Die Schutzmaßnahmen treffen auch hier vor allem die Armen, die die Mehrzahl der Bevölkerung ausmachen.

In Qamishlo wurde der Busverkehr eingestellt. Viele nutzen seitdem Taxis, die nach einer Auflage des Gesundheitskomitees täglich gereinigt werden. Ob das eine gute Idee ist? In Europa ist der Taxiverkehr rapide zurückgegangen, weil die Taxifahrer durch die Nähe ihrer Kunden im Auto besonderen Risiken ausgesetzt sind.

In Derik berichtet die ehemalige Ko -Bürgermeisterin Rojin Ceto auf Anfrage von Telepolis, seien die Angestellten der Stadtverwaltung mit der Desinfektion der öffentlichen Einrichtungen beschäftigt. Die Bevölkerung sei praktisch unter Quarantäne gestellt, lediglich ein Supermarkt und die Bäckerei seien noch geöffnet. Derik, die Partnerstadt des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, liegt an der Grenze zum Irak. Der einzige Grenzübergang zu der Region aus dem Nordirak, Semalka, ist nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt.

Für den Publikumsverkehr ist die Grenze geschlossen, jedoch an einem Tag in der Woche für Versorgungsgüter geöffnet. Daher ist man in Derik besonders besorgt, dass das Virus über diesen Weg in die Stadt eingeschleppt werden könnte. In Kobane wurde ein Quarantänezentrum auf dem Mistenur-Hügel eingerichtet, sollten Verdachtsfälle auftreten.

Kein medizinisches Material in Nordsyrien

In der Region fehlen grundlegende medizinische Schutzausrüstungen, Medikamente zur Behandlung von Infizierten und Beatmungs- und Sauerstoffgeräte. Es fehlt auch an sterilem Material für Abstriche, Testkits zur schnellen Identifikation von Fällen und Zugang zu Testlaboren. Das einzige Testlabor befindet sich in der von der Türkei besetzten Stadt Sere Kaniye (Ras al Ain) und sei nicht mehr funktionsfähig, berichtet das Rojava Information Center (RIC) auf Nachfrage von Telepolis.

Es gebe auch keine funktionierenden Methoden, um Covid-19 in Nordost-Syrien zu testen. Daher sei es unmöglich, verlässliche Zahlen über Infektionen zu nennen. Personen, die sich testen lassen wollen, müssten dazu nach Damaskus reisen, was eine lange Verzögerung bedeute, bis sie die Testergebnisse erhalten.

Es sei auch nicht allen Einwohnern Nord- und Ostsyriens möglich, sicher nach Damaskus zu reisen. Proben müssten daher nach Damaskus geschickt und an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weitergeleitet werden. Bis die Proben ausgewertet sind, dauere es mindestens eine Woche. Bisher lägen vier negative Testergebnisse aus der Region vor.

Der Vorsitzende der Gesundheitsbehörde von Nord- und Ostsyrien Ciwan Mistefa berichtet, dass das syrische Gesundheitsministerium die Zusammenarbeit mit den Behörden der Selbstverwaltung ablehnt, "obwohl Corona-Fälle in Latakia, Aleppo und Damaskus bekannt sind. Auch die WHO wird nicht in der Region aktiv, weil die Selbstverwaltung offiziell nicht anerkannt ist. Lediglich die Organisation Ärzte ohne Grenzen und andere NGO arbeiten mit der Selbstverwaltung zusammen".

Nordwestsyrien wird vergessen

In der Sehba-Region, die an den von der Türkei besetzten Kanton Afrin angrenzt, leben ca. 90.000 angestammte Einwohner und ca. 140.000 Binnenflüchtlinge aus Afrin. Durch die Nähe zu Latakia und Aleppo ist die Region akut von der COVID-19-Pandemie betroffen. Besonders bedroht sind die Binnenflüchtlinge aus Afrin, da sie unter schwierigen Bedingungen in den verschiedenen Flüchtlingscamps der Region leben.

Die Ko-Bürgermeisterin der Region Sehba, Melek Huseyin, berichtet, die Menschen werden über Fernsehprogramme, Broschüren und Flugblätter gewarnt. In den nächsten 6 Monaten sollen regelmäßig alle Einrichtungen, Schulen, Läden und Lokale aber auch Straßen, Müllhalden und die Kanalisation desinfiziert werden.

Ob diese Planung realistisch und von der Selbstverwaltung im ganzen Gebiet durchhaltbar ist, darf angesichts des Mangels an geeignetem antiviralen Desinfektionsmittel angezweifelt werden. In der umkämpften Region Idlib sieht es nicht besser aus.

Hier stehen sich die syrischen Militärs mit russischer Unterstützung den ehemaligen al-Qaida- und IS-Terroristen, die von der Türkei unterstützt werden, feindlich gegenüber. Hunderttausende Flüchtlinge aus der Region leben dicht gedrängt an der Grenze zur Türkei. Auch hier droht wie in den Flüchtlingscamps im Nordosten eine Katastrophe, wenn das Virus dort Einzug hält.

"Da die russische Luftwaffe systematisch Kliniken zerstört hat, gibt es dort keine Gesundheitsversorgung", äußerte Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien, gegenüber der dpa. In der gesamten Region gebe es lediglich 50 Beatmungsgeräte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) plant innerhalb der nächsten Woche, die Ausrüstung für Corona-Tests in die Region zu bringen. Nord- und Ostsyrien wird vermutlich leer ausgehen, da auch die WHO eine Zusammenarbeit mit der Autonomieverwaltung scheut.

Das International Rescue Committee (IRC) warnte ebenfalls vor einem der schwersten Ausbrüche des Coronavirus der Welt im Nordwesten oder Nordosten von Syrien. Misty Buswell, der Direktor für Regionalpolitik für das IRC im Nahen Osten, zeigte sich besorgt:

Der Mangel an Nahrung, sauberem Wasser und die Kälte hat bereits bei Hunderttausenden von Menschen einen schlechten Gesundheitszustand zur Folge, was sie noch anfälliger für eine Krankheit macht, die sich so schnell wie COVID-19 ausbreiten kann.

Misty Buswell, International Rescue Committee

Im Nordwesten gebe es nur drei Krankenhäuser mit Intensivstationen, die sich um bestätigte Infizierte im Nordwesten Syriens kümmern. Im Nordosten des Landes ist die Lage noch dramatischer, berichtet das IRC. Da die UNO nicht mehr in der Lage sei, medizinische Hilfsgüter von der türkischen Seite der Grenze aus zu liefern, könnten die humanitären Organisationen den Gesundheitsbedarf der Menschen in Lagern wie Al Hol nicht mehr decken.

"Im Nordosten Syriens ist nur eines von 16 Krankenhäusern voll funktionsfähig, was bedeutet, dass zwei der drei Krankenhäuser, die für die Quarantäne und die Behandlung von Verdachtsfällen identifiziert wurden, nicht vollständig ausgestattet sind. Auf den Intensivstationen dieser drei Krankenhäuser stehen nur 28 Betten zur Verfügung, nur 10 Beatmungsgeräte für Erwachsene, ein Beatmungsgerät für Kinder - und nur zwei Ärzte, die im Umgang mit diesen Geräten geschult sind", berichtet Buswell und ruft wie die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien die internationale Gemeinschaft dazu auf, "dringend Maßnahmen zu ergreifen, um die humanitären Anstrengungen zur Verbesserung der Vorbereitung und Reaktion auf COVID-19 in Syrien zu unterstützen".

Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnt vor einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus in Syrien, da das einst gut funktionierende Gesundheitssystem in Syrien nach fast neun Jahren Krieg vollständig zusammengebrochen sei. Bis 2011 besaß Syrien eine relativ gute Gesundheitsversorgung.

Die Versorgung in den staatlichen Krankenhäusern war weitgehend kostenlos. Polio, Tuberkulose und Leishmaniose waren unter Kontrolle, die Versorgung von Krebs- und Herzkranken war im Vergleich zu den Nachbarländern vorbildlich.

Bleibt zu hoffen, dass die Hilferufe gehört werden und nun angesichts der weltweiten Ausbreitung des Corona Virus auch Syrien in allen Regionen geholfen wird. Vielleicht ist diese Pandemie auch eine Chance, geopolitische Interessen hintanzustellen. In Europa sind plötzlich auch Hilfen für die Bevölkerungen möglich, die vorher keiner zu hoffen gewagt hatte. (Elke Dangeleit)