Corona: Clangefühle statt Argumentoffenheit

Grafik: TP

Neun Wissenschaftler bedauern ein Phänomen, das die Suche nach den besten Lösungen behindert

Der Medizinprofessor Matthias Schrappe war früher unter anderem stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Jetzt erregt er mit einem zusammen mit fünf habilitierten und drei weiteren Mitautoren aus verschiedenen Disziplinen verfassten Thesenpapier Aufsehen. In diesem Thesenpapier postulieren die neun Wissenschaftler, dass das Sars-CoV-2-Virus durch die damit verbundene "tiefe Verunsicherung" (vgl. Ist Religion ein Instinkt?) indirekt "uralte, früher bewährte Bewältigungsmechanismen in Gang gesetzt hat", die mit einer Demokratie "nur bedingt vereinbar" sind.

Automatisch dem "feindlichen Lager" zugeordnet

Dazu gehört ihrer Beobachtung nach das "Erstarken des […] Clan-Denkens": Dieses Clan-Denken zeigt sich darin, dass Informationen häufig nur dann akzeptiert werden, wenn sie zum Weltbild einer Gruppe passen. Passen sie nicht, werden regelmäßig "ihre Übermittler diskreditiert": Sie werden automatisch dem "feindlichen Lager" zugeordnet. Das betrifft dann auch Personen "mit differenzierenden Sichtweisen", die "einen Diskurs über den richtigen Weg […] etablieren [möchten], um so die Chance zu gewährleisten, dass im Wettstreit der rationalen Argumente die besten Lösungen des Pandemie-Problems verfolgt werden können".

Dieser Mechanismus, der Gruppen zusammenschweißt und in Zeiten zunehmender Komplexität ein Gefühl der Sicherheit via Zugehörigkeit vermittelt, verhindert jene argumentativen Auseinandersetzung, die möglich wurde, als aus einer Vielzahl von Gemeinschaften eine Gesellschaft wurde. Nun löst sich diese Gesellschaft der These nach wieder in Gemeinschaften auf: In virtuelle Gemeinschaften (vgl. "Das Plattformgeschäft ernährt sich von Opfern wie ein blutrünstiger Gott").

Schamanen und Häuptlinge sind heute Experten und Lenker

So wie vorindustrielle Gruppen ihre Schamanen und Häuptlinge hatten, so haben heutige ihre Experten und Lenker. Deren Botschaft an die Gruppe lautet sinngemäß: "Ich beschütze euch, aber dazu ist es funktional notwendig, meinen Schutzanweisungen direkt zu folgen und nicht zeitaufwändig zu debattieren und infrage zu stellen." Diese "Haltung" macht den Autoren des Papiers zufolge zwar "handlungsfähig", aber auch anfällig für Fehler, weil man sich gegenseitig nicht mehr zuhört. Und mit ihr gerät auch die "Diskursgesellschaft" in Gefahr, "die durch den Wettstreit der Argumente zu intelligenten Lösungen findet und dadurch erst eine rational begründete Konsensgesellschaft ermöglicht".

Die Politik, die Wissenschaft und der Journalismus - drei Bereiche, die früher die Diskurs- und Konsensgesellschaft mit möglich machten - nehmen der Ansicht der Neun nach diese Rolle heute häufig eher theoretisch als praktisch ein: Wissenschaftler verhelfen der Politik in der Coronakrise zu einem "enormen Ermächtigungspotenzial", indem sie als Experten das "konstitutive Prinzip des systematischen Zweifels, das Wissenschaft als plurales Wissensregime ausmacht" vergessen, und ihr erlauben, sich als "administrative Umsetzung von Forschungsergebnissen" zu inszenieren.

Wie politische Entscheidungen als vermeintlich alternativlos verschleiert werden

Als Beispiel dafür nennt der Mediziner die "Politik der Inzidenz", bei der an einen relativ arbiträr gewählten Wert "weitreichende staatliche Interventionsautomatismen" geknüpft werden, mit denen man "die originär politische Dimension der mit ihnen jeweils getroffenen Entscheidungen zum Verschwinden" bringt. In Folge dieser Verschleierung tendiert "gerade ein Milieu, für das bislang eine skeptische Grundeinstellung gegenüber staatlichen Ingerenzen zum Kern seiner (verlautbarten) politischen Identität gehörte, nun dazu […], unter dem Banner von 'Wissenschaft' und 'Expertise' jegliche kritische Diskussion sehr schnell ins diskursive Abseits zu stellen.

Der Journalismus in den Leitmedien hinterfragt die vermeintliche Alternativlosigkeit größtenteils nicht, sondern "macht es sich […] zur Aufgabe, Wissenschaftler nach Maßgabe ihrer Nähe zum für einzig richtigen erklärten Weg in einerseits Experten und andererseits Außenseiter, also nach gut und schlecht zu unterscheiden […], statt in einer auch weiterhin stark von unvollständigem Wissen geprägten Situation und angesichts der Unvermeidlichkeit schwieriger Abwägungsentscheidungen die Vielfalt und Vorläufigkeit der Positionen und Optionen angemessen zu repräsentieren". (Peter Mühlbauer)