Corona: Die unerträgliche Inkompetenz des Jens Spahn

Jens Spahn im Bundestag zur Bewältigung der Coronakrise. Bild: Screenshot Bundestags-Video

Obwohl es praktisch nichts gibt, was er richtig gemacht hat, präsentiert sich der Gesundheitsminister nun als Retter Deutschlands. Ein Kommentar

Man konnte bereits vor der Corona-Krise ahnen, dass der gelernte Bankkaufmann nicht die Idealbesetzung für das Gesundheitsressort war. Anstatt wirkliche Probleme zu lösen wie den Mangel an Pflegekräften oder Krankenhauskeime, kaprizierte er sich auf Steckenpferde wie die Masern-Impfpflicht. Verletzte Eitelkeit kann man vermuten, wenn ein Experte wie Alexander Kekulé, der dies kritisiert hatte, in der Corona-Krise kein Gehör mehr fand und medial durch Christian Drosten ersetzt wurde, der die untätige Regierung stets bauchpinselte.

Denn die größte Krise der Bundesrepublik Deutschland, die in Spahns Fachzuständigkeit fiel, verschlief er komplett. Als Ende Januar die Medizinier besorgt über den Ausbruch waren, verkündete er, die die Angst vor dem Virus sei "gefährlicher als das Virus selbst". Das Unterbrechen der Webasto-Infektionskette, das mit etwas Glück gelang, verbuchte er als seinen Erfolg, um gleichzeitig die Gefahr weiter zu verharmlosen, im Einklang mit den über Wochen vom Robert-Koch-Institut zu hörenden Beschwichtigungen, die Gefahr für die Bevölkerung sei "sehr gering" bis "gering".

Stoff für einen Untersuchungsausschuss

Wie viele Verantwortliche hatte Spahn versäumt, für die Bevorratung von Schutzkleidung und Masken zu sorgen. Einzigartig ist aber sein Versagen, die Warnungen eines Händlers in den Wind geschlagen zu haben, als der Markt im Februar leergekauft wurde. Spätestens Anfang März war klar, dass die Strategie des Kontaktnachverfolgens nicht mehr funktionierte. Spahn hatte offenbar keine Ahnung, wie damit umzugehen war und wirkte zunehmend desorientiert. Er verordnete wirkungslose Kosmetik wie Aussteigekarten aus Flugzeugen, begnügte sich mit der Feststellung, das Virus sei "in Europa angekommen", und empfahl den Deutschen, nicht mehr nach Nordrhein-Westfalen zu reisen.

Um den 10.3. März wurde offensichtlich, dass sein Missmanagement in eine Katastrophe führen konnte. Schließlich erschien die Bundeskanzlerin auf der Bühne, bescheinigte Spahn noch einen "tollen Job" gemacht zu haben und übernahm zaghaft das Ruder. Wie es zu bedienen ist, scheinen allerdings hauptsächlich die Ministerpräsidenten bestimmt zu haben, denn nach einer Konferenzschaltung am 12.3. verkündete Merkel erstmals mit angemessenem Ernst eine wirksame Maßnahme, das social distancing.

Legendär dann die Warnung vor den "Fake News" aus Spahns Ministerium, eine Einschränkung des öffentlichen Lebens sei geplant. Nach dem Totalausfall im Gesundheitsressort hatte möglicherweise Horst Seehofer, früher selbst in dieser Position, Fachleute im Innenministerium mobilisiert, die endlich mit einer sinnvollen Strategie gegen die Pandemie aufwarteten. Spahns Beitrag dazu: Null.

Wider besseres Wissen

Hochgradig kontraproduktiv dagegen ist bis heute sein unsinniges Kleinreden der Wirksamkeit von Masken (Studien dazu hier erwähnt), um sein Versagen bei der Beschaffung zu kaschieren. Einziger Unterstützer ist jener Ministerpräsident, dessen Kandidatur zum CDU-Vorsitz zufälligerweise von Jens Spahn unterstützt wird. "Eine Hand wäscht die andere" ist offenbar die Hauptstrategie der beiden gegen das Virus.

Ärgerlich ist, dass die Ministerpräsidenten in ihrer Kompromisssuche ausgerechnet die Maskenpflicht noch zurückgestellt haben. Nachdem man Asien ignoriert hatte, wird dies bei der erfolgreichen Maskenpflicht in Österreich, Polen und Tschechien schon schwieriger. Nachdem Jena damit spektakulären Erfolg zu haben scheint, wird es Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern schon zu dumm, obwohl man dies eher von Bayern erwartet hatte.

Strategie über den Atlantik

Als Deutschland bei der Epidemie mit Maßnahmen, zu denen Spahn weniger als nichts beigetragen hat, erste Erfolge erzielt, taucht nun Spahn in den Medien mit der Aussage auf, die Krise sei "beherrschbar", so als ob dies irgendetwas aussagen würde, außer dass jemand den Eindruck von Handlungsfähigkeit erwecken will. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, gibt Spahn nun im US-Fernsehen Interviews über den erfolgreichen Weg Deutschlands.

Unzweifelhaft haben viele Länder des Westens noch mehr versagt, die Ansteckungen durch social distancing und Masken zu unterbinden, allen voran der martialische Aktionismus Amerikas. Originellerweise erklärt Spahn genau die Strategie, an der er gescheitert ist: das Unterbrechen der Infektionsketten. Und benennt dann Vorteile Deutschlands, zu denen er nichts beigetragen hat. Unerwähnt dagegen bleibt das Hauptverdienst der hiesigen Politik, nämlich einen unfähigen Minister für ein paar Wochen kaltgestellt zu haben.

Zweck der Übung wird ja ohnehin gewesen sein, sich als politisches Talent zu präsentieren, das die transatlantische Freundschaft weiterhin hochhält. Frau von der Leyen wurde nach ähnlichen Erfolgen im Ministeramt ja auch zu Höherem berufen. Im Idealfall kann Spahn ja nach der Gesundheit der Deutschen in Zukunft einmal retten, was ihm wahrscheinlich näher steht: Banken.

Dr. Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist und Sachbuchautor. Sein Buch "Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur - Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten" erschien 2019 im Westend-Verlag.

(Alexander Unzicker)