Corona: Eine Zornesrede

Soldaten im Ersten Weltkrieg bei der Triage in Suippes, Frankreich. Bild: Otis Historical Archives Nat'l Museum of Health & Medicine, CC BY 2.0

Wie sich Deutschland durch Dummheit, Rücksichtslosigkeit und Arroganz von der Zivilisation verabschiedet

Triage. Was für ein verlogenes Wort. Vor der Pandemie wurde es für das Zurückstellen von Schnupfen in der Kindernotaufnahme verwendet. Nun steht es für das vermeintlich unvermeidliche, staatlich geduldete und gesellschaftlich akzeptierte Aussortieren von "unwertem Leben". Aber niemand findet etwas Besonderes daran. Ob die Äußerung eines Klinikdirektors in Sachsen tatsächlich nur ein "Hilferuf" war, oder das "Missverständnis" vielmehr ein Maulkorb, weiß ich nicht. Aber dass wir jedenfalls kurz vor der Triage stehen, und dies im Zweifel eher vertuscht wird, steht fest.

Triage ist ein Begriff aus dem Krieg, es gibt keine sinnvolle oder ethische Triage, ebenso wie es keinen guten Krieg gibt. Und für alle, die in den letzten Wochen und Monaten wegen der "Verletzung" ihrer Grundrechte herumgeheult haben: Artikel 2 des Grundgesetzes spricht vom Recht auf Leben und Artikel 1 von der unantastbaren Würde des Menschen. Zu entscheiden, wer eine Beatmung bekommt, ist mit der Würde des Menschen unvereinbar. Dass es ausgerechnet jenen zugemutet wird, welche die Rettung von Menschenleben zu ihrem Beruf gemacht haben, eine zynische Konsequenz der Absurdität, die gerade stattfindet.

Im Frühjahr hat ein arroganter Ärztefunktionär noch verkündet, Deutschland drohten keine "italienischen Verhältnisse". Nun nähern wir uns 1.000 Toten pro Tag, aber es scheint die neue Normalität. Der erste Corona-Tote hat weit mehr Schlagzeilen produziert.

Hochmut kommt vor den Fall

Was sind die Ursachen? Man kann der Politik viel vorwerfen, aber eine ehrlichere Antwort wäre: das Versagen der Gesellschaft selbst. Die Politik hat monatelang Zeit verloren, aber wie viele andere hätten denn auch vorausdenken und planen können, um so eine Katastrophe mit Ansage zu vermeiden? Anstatt Lüftungsanlagen einzubauen und Übertragungswege zu untersuchen und zu vermeiden haben doch viele gedacht, es werde schon irgendwie gehen.

Es ist ein politisches Versagen, dass verschiedene Minister oder Behördenleiter nicht gefeuert wurden, die nicht rechnen können und bis heute keine Infektionszahlen in Echtzeit liefern. Aber dass viele Entscheidungsträger schlicht inkompetent sind, ist ein tiefergehendes gesellschaftliches Problem.

Man kann der Politik vorwerfen, eine windelweiche, wirkungslose Corona Warn-App entwickelt zu haben, bei der nicht einmal geregelt ist, wie eine Infektion mitgeteilt wird. Aber dass viele, obwohl durch Anonymität gepampert, zu träge sind, dies einzutragen, ist doch ein Charakterproblem. Eigentlich sollte es dafür gar kein Gesetz brauchen.

Die hier zu beobachtende Faulheit, Bequemlichkeit und Rücksichtslosigkeit über das Leben von Mitmenschen zu stellen, ist aber exemplarisch für das Verhalten der Bevölkerung in der Pandemie und die Perversion des Datenschutzes, die gerade stattfindet.

Niemand hat einen Schaden davon, oder muss große Nachteile befürchten, wenn er seine Corona-Infektion bekannt macht, nicht einmal eine Stigmatisierung. Aber wer meint, dies vor Bekannten oder Kollegen geheim halten zu müssen, obwohl er sich sonst nie an digitalen Datenkraken und Massenüberwachung gestört hat, ist doch ein Heuchler.

Vorschub geleistet wird diesem Irrsinn durch den unerschütterlichen Glauben an die Bürokratie. Niemand scheint zu realisieren, dass die überforderten Gesundheitsämter, die für Warnungen länger brauchen als die Inkubationszeit, in dieser Phase der Pandemie völlig nutzlos, ja kontraproduktiv sind.

Es wäre so einfach.

Dummheit im Februar und Dezember

Jeder, der positiv getestet ist oder auch schon den Verdacht auf Symptome hat, müsste unverzüglich alle seine Kontakte der letzten Tage informieren, basta. In Zeiten, in denen jeder per Handy erreichbar ist, wäre das auch überhaupt kein Problem, wenn sich die Menschen rational und anständig verhielten.

Und natürlich sollte einfach keiner den anderen mehr anstecken. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmesituationen, die epidemiologisch nicht ins Gewicht fallen, kann jeder, und zwar beruflich und privat, den Kontakt mit den Mitmenschen so gestalten, dass eine Ansteckung ausgeschlossen ist: Maske (warum tragen nicht mehr Leute FFP2-Masken?), Abstand (besser mehr als zwei Meter) und vor allem Frischluft (z.B. durch Stoßlüften alle 15 min.). Es ist richtig, dass im Februar die Verantwortlichen zu dumm waren, ausreichend Masken zu beschaffen. Aber viel schlimmer ist, dass im Dezember noch so viele zu dumm sind, sie aufzusetzen.

Die Politik stellt Regeln auf, die zu lax sind. Weihnachtseinkäufe bleiben systemrelevant, auch wenn sich viele Familien mit einem Extra-Sarg beschenken werden. Es ist absurd, wenn sich überhaupt Menschen aus verschiedenen Hausständen ohne Vorsichtsmaßnahmen (Schnelltest, Vorquarantäne) treffen. Aber das Problem ist doch, dass die meisten den Regeln nur formal Genüge tun oder zumindest dann tricksen, wenn man nicht fürchten muss, erwischt zu werden.

Die eklatanten Unterschiede im Ländervergleich rühren eben auch daher, dass sich Asiaten oder auch Skandinavier eben mehr an staatliche Regeln halten, weitgehend unabhängig übrigens vom Gesellschaftssystem. Die Freiheiten in Europa sind ja eine schöne Sache, aber wenn im Land von Immanuel Kant der intellektuelle und moralische Kompass soweit verloren gegangen ist, dass sich niemand mehr verantwortlich fühlt, dem anderen keinen Schaden zuzufügen, dann geht das eben hier den Bach runter.

Ein Narr kann an einem Tag mehr Unsinn reden, als sieben Weise in einem Jahr widerlegen können.

Auch die Freiheit zur Torheit ist ein hohes Gut. Medial wurde Deutschland geflutet von einer pseudointellektuellen Pandemie der Besserwisserei über Falsch-positiv- und Positiv-Test-Raten, "An-und-mit-Covid"-Betrachtungen, R-Wert-Philosophien, Schnupfenvirus- und Grippetoten-Vergleichen sowie anderen Verharmlosungen, anfangs durchaus auch vom "Mainstream". Aber auch die alternativen Medien fielen darauf herein, dass es zu jedem Blödsinn akademische oder gar medizinische Amt- und Titelträger gibt, die ihn vertreten, selbstverständlich ohne je eine Intensivstation von innen gesehen zu haben.

Um die Meinungsfreiheit, gerade im Internet, ist es ohnehin nicht mehr gut bestellt, aber viele Querdenker, die nicht einmal mehr geradeaus denken, liefern den Zensoren noch einen willkommenen Vorwand. Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich einer mal hinstellte und zugäbe, was er für Mist geredet hat. Aber solang die Leichenberge nicht vor der eigenen Haustür liegen, hat man Recht gehabt. Zu alledem gibt es eigentlich nicht mehr zu sagen als den Sarkasmus des Postillion. Nur, dass es nicht witzig ist.

Es herrscht der Irrglaube, dass man mit dem Virus irgendwie verhandeln oder Kompromisse schließen kann. Dennoch sind Demonstrationen, die die Politik für dies und jenes verantwortlich machen, groß in Mode. Dass ein Lockdown katastrophale wirtschaftliche Schäden hinterlässt, ist keine Überraschung.

Aber die Politiker sind letztlich hilflos wie Chirurgen, die nur amputieren oder den Patienten sterben lassen können, einen Patienten, der durch Leichtsinn seine Lage herbeigeführt hat und sich weigert, Medikamente zu nehmen. Wenn es darauf ankommt, sind die westlichen Gesellschaften von heute praktisch unregierbar.

Als Reaktion auf Proteste sollte eigentlich einmal ein Politiker seinen Rücktritt ankündigen (es gibt leider wenige, bei denen dies eine Drohung darstellt) mit den Worten: "Übernehmt selbst die Verantwortung. Euch Narren regiere ich nicht mehr!" Leider ginge nur das nicht an den Covidioten, sondern an den schwächsten der Gesellschaft aus, den Alten, insbesondere in den Heimen, die man versäumt hat, zu schützen. Aber auch hier hätte Eigeninitiative und Verantwortung vor Ort mehr bewirkt als der Ruf nach der Obrigkeit. Was in weiten Teilen Europas vor sich geht, ist nichts anderes als ein Gerontozid.

Symptome der Barbarei

Natürlich haben auch historische Gesellschaften wie zum Beispiel bei den Inuit funktioniert, in denen die Betagten und Kranken zum Sterben ausgesetzt wurden. Aber man fragt sich, wozu wir dann heute Psychologen, Sozialarbeiter, Beratungsstellen und Gerichte brauchen, die unsere humanistischen Ideale hochhalten. Das Sterben der Alten ist, wie in Grönland vor 100 Jahren, im wörtlichen Sinne ein Armutszeugnis.

Die Decke der Zivilisation ist dünn, auch das haben viele menschenverachtende Äußerungen der letzten Monate gezeigt. Dass sich Gesellschaften im Kollektiv derart irrational verhalten können, ist eine erschreckende Erkenntnis der Pandemie. Neben den infantilen Protestierern gibt es die nicht weniger Unklugen, die meinen, das Volk auf monatelange "harte Maßnahmen" einschwören zu müssen. Dabei würde es genügen, wenn die große Mehrheit sich endlich verantwortlich verhält und durch einfache Maßnahmen jede Ansteckung vermeidet - der Spuk könnte innerhalb von zwei Wochen vorbei sein.

Dr. Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist und Sachbuchautor. Sein Buch "Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur - Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten" erschien 2019 im Westend-Verlag. Der Autor ist unter coronavertraulich@protonmail.com erreichbar.

(Alexander Unzicker)