Corona: "Es wird keine Impfpflicht geben"

Diese Ansage ist gerade allgegenwärtig. Ähnlich präsent war zuvor: "Es wird keinen zweiten Lockdown geben." Steuern wir geradewegs auf eine Impfpflicht zu? Ein Kommentar

Das Versprechen, es werde in Deutschland keine Impfpflicht geben, hört und liest man sehr oft in diesen Tagen. Zu oft, um es noch zu glauben? Erinnern wir uns an das Versprechen, es werde keinen zweiten Lockdown geben.

"Trotz zweiter Corona-Welle soll es keinen zweiten Lockdown geben", hieß es. "Sachlich nicht möglich". Rechtsexperten erklärten, warum Merkel keinen zweiten Lockdown befehlen darf. "Einen zweiten Lockdown, so wie er immer gemeint wird, den sehe ich nicht", so Jens Spahn. "Einen bundesweiten Lockdown wird es nicht noch einmal geben", war sich SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sicher.

Und dann das Aufwachen. Wird es ähnlich laufen mit der Impfpflicht? Die zahlreichen überaffirmativen Beteuerungen machen misstrauisch. Und zum Hintertürchen kommen schon diverse Begriffe herein wie "Impfanreiz", "Impfkontrolle", "Impfnachweis", "Immunitätsausweis" "Corona-Reisepass" oder Formulierungen wie "Keine Impfpflicht, aber…"

Was kann das heißen, "keine Impfpflicht aber"? Eine Impfpflicht light?

Im kürzlich beschlossenen Infektionsschutzgesetz wird das Bundesgesundheitsministerium zumindest dazu ermächtigt, unter bestimmten Voraussetzungen "bedrohte Teile der Bevölkerung" zu einer Impfung zu verpflichten, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates.

Wenn wir der Ansage begegnen, dass es selbstverständlich keine Impfpflicht geben werde, folgt gerne ein zweiter Satz, der den ersten relativiert.

Eine Impfpflicht für Passagiere? Bei dem Vorschlag wollten die Lufthansa und andere Fluggesellschaften auf dem virtuellen Jahrestreffen des internationalen Airline-Verbands IATA jüngst nicht mitgehen. Doch die Sehnsucht nach einer Covid-19-Vakzine und mehr Normalität im Luftverkehr ist in der ganzen Branche groß.

Tagesspiegel, 30.11.2020, Print

Die Bundesbildungsministerin (Karlicek) bekräftigte abermals, dass es keine Impfpflicht geben werde. Virologen lassen keinen Zweifel daran, dass eine echte Besserung im Pandemiegeschehen nur dann eintritt, wenn zwischen 55 und 65 Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft sind.

Faz

Auch Spahns wiederholte Versprechen, dass es keine Impfpflicht gegen Sars-CoV-2 geben werde, sind oft mit einer Ergänzung verknüpft: Es müssten sich genügend Menschen freiwillig impfen lassen.

Zudem sind Maßnahmen möglich, die nur "immunen" Menschen erlauben, Fitnessstudios, Veranstaltungen oder Restaurants zu besuchen. "Zeig mir, ob du geimpft bist, und willkommen im Club."

Deutliche Worte fand der Verhaltensökonom Gerhard Fehr in einem Interview mit der FAZ am 21.11.: "Der Impfstoff wird uns nicht in eine neue Zeit katapultieren, wenn nicht komplementär eine Impfpflicht eingeführt wird", so Fehr, der überzeugt ist:

Menschen lassen sich nicht impfen, weil sie sehen, dass es genügend andere auch nicht tun. Je mehr Menschen so denken, desto niedriger die Impfrate.

Gerhard Fehr

Diese Impfmüdigkeit hat Sozialmediziner Jan Leidel in einem Interview mit Zeit Online recht treffend kommentiert:

Bei einem Erwachsenen denke ich: Meine Güte, dann soll er es lassen. Schlimm ist es, wenn Eltern ihren Kindern Impfungen vorenthalten und die dann nicht geschützt sind. Ansonsten sage ich: If you don't like the vaccine, try the disease - wenn du den Impfstoff nicht magst, probier doch mal die Krankheit.

Jan Leidel

(Thomas Pany)