Corona-Helden: Erst beklatscht, dann beschimpft

Bild: Gabriel Bassino/Unsplash

Die aktuellen Streiks im öffentlichen Dienst polarisieren. Gewerkschaften und Arbeitgeber werfen einander vor, die Coronakrise für sich zu instrumentalisieren. Ein Kommentar

Bundesweit wurde heute im öffentlichen Nahverkehr gestreikt. Regionale Aktionen gab es in Ämtern, Kitas und anderen Bereichen bereits in den letzten Tagen. Ver.di fordert 4,8 Prozent mehr Lohn für die bundesweit 2,3 Millionen Tarifbeschäftigten von Bund und Kommunen, mindestens aber 150 Euro. Beschäftigte der kommunalen Verkehrsbetriebe fallen nicht direkt unter den großen Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD), mit den Streiks sollen aber bundesweit gültige Standards in einem Rahmentarifvertrag erkämpft werden.

Zahlreiche Jugend- und Umweltorganisationen wie Fridays for Future solidarisieren sich mit den Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und dem heutigen Ausstand. Die Kölner Klimaaktivisten veranstalten zum Beispiel eine Fahrradtour, um die streikenden Betriebe zu besuchen.

Eine Verkehrswende kann es nur mit attraktiven Arbeitsplätzen und mehr Personal geben. Deshalb bekommt ver.di in der aktuellen Tarifbewegung für den ÖPNV Unterstützung von den Klimaschützern.

ver.di

Die Gewerkschaften wollen den Druck erhöhen, da die zweite Runde der Tarifverhandlungen mit den öffentlichen Arbeitgebern ergebnislos blieb, eine dritte Runde ist für 22. und 23. Oktober angesetzt. Ist dieser Druck jetzt angemessen, in einer Zeit, in der der Haushaltsentwurf der Großen Koalition wegen der Coronakrise für 2021 eine Neuverschuldung von gut 96 Milliarden Euro vorsieht? Auf keinen Fall, urteilt ein Kommentator im Spiegel (Printausgabe):

Wie kommt man als Gewerkschaftsfunktionär auf die Idee, ein Land zu piesacken, das gerade mühsam versucht, in einen halbwegs normalen Alltag zurückzufinden? Womöglich liegt es an einer Fehlwahrnehmung der öffentlichen Meinung. …Motto: Klatschen allein reicht nicht, Deutschlands Corona-Helden wollen Geld.

Alexander Neubacher, "Corona-Maulhelden"

Auf jeden Fall, meint der Autor dieses Kommentars: Das Recht zu streiken, gehört zu den Grundrechten und ginge es nach den Arbeitgebern, ist der Zeitpunkt immer ungünstig. Warum sollten unterbezahlte Beschäftigte für Krisen bezahlen?

Applaus allein reicht tatsächlich nicht. Es ist verständlich, dass Bürger sich über lange Wartezeiten und Gedränge an Bushaltestellen ärgern, gerade jetzt, wo Abstandhalten so wichtig ist, aber ihr Ärger könnte sich weniger gegen die Streikenden als gegen deren Arbeitgeber richten, die sich den Verhandlungen verweigert haben.

Im Nahverkehr, und das ist nur ein Beispiel, ist nicht nur die Bezahlung schlecht, sondern auch die Arbeitsbedingungen sind oft hart: Schichtdienste, Wochenendarbeit, Nachtarbeit. Kein Wunder, dass es so schwer ist, Nachwuchs zu finden.

Interessant ist dabei, dass beide Seiten einander vorwerfen, die Coronakrise für sich zu instrumentalisieren. "Erst werden wir beklatscht, dann fallengelassen und jetzt auch noch beschimpft", zitiert die Abendzeitung eine Münchner Erzieherin. Weitere Streiks sind geplant. (Thomas Pany)